Dies ist auch unsere Welt

Ein Kommentar zum Film “Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann”

Dies ist auch unsere Welt

Seit einigen Jahren ist Autismus immer häufiger Thema in der Popkultur: Atypical und Love on the Spectrum auf Netflix, As We See It auf Amazon Prime, die stark kritisierte ZDF Serie Ella Schön oder die VOX-Produktion Tonis Welt sind nur einige Beispiele. 

Am 1. April 2022, dem Tag vor dem Weltautismustag, startet mit dem Dokumentarfilm “Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann” eine weitere dieser Produktionen in den deutschen und österreichischen Kinos.

Der preisgekrönte Filmemacher Jerry Rothwell wollte einen Film zu schaffen, der Autismus “von innen heraus” erlebbar machen soll. Grundlage dafür ist der Bestseller des mutistischen Autors Naoki Higashida. Er schrieb ihn im Alter von 13 Jahren und schildert darin sein Erleben und Empfinden als autistische Person in einer für neurotypische Menschen geschaffene Welt.

Der heute 29-jährige Japaner wollte nicht selbst im Film mitwirken. Darum verwebt der Regisseur Rothwell Naoki Higashidas Erzählungen mit den Bildern und Geschichten von fünf jungen autistischen Menschen in Indien, Großbritannien, den USA und Sierra Leone. Als Erzählstimme aus dem Off führen Naokis Worte durch den Film. 

Die Kritiken der US-Presse waren überwältigend positiv, 2020 wurde der Film sogar mit dem Publikumspreis des Sundance Filmfestivals ausgezeichnet.

“Die Leute sagten, ich sei anders als alle anderen und das wäre ein Problem”

Gleich zu Beginn erklärt der Film die Existenz von zwei Welten: Die der Neurotypischen und die geheimnisvolle Welt autistischer Menschen. Eine Erzählerstimme nimmt die Zuseher*innen wie ein Reiseführer mit auf eine 83minütige Tour durch das Unbekannte. Makroaufnahmen, 3D-Sound sowie Buchzitate werden eingesetzt, um die autistische Wahrnehmung zu vermitteln.

Die Intention aller am Film Beteiligten ist sicherlich eine sehr gute. Sie wollen das nicht Erlebbare erlebbar machen, wollen eine stigmatisierte, neurologische Kondition aus der Nähe zeigen und stellen dafür betroffene Menschen in den Mittelpunkt der Dokumentation. Die Protagonist*innen werden in ihrem Alltag, in scheinbar unbeobachteten, persönlichen Momenten, aber auch in Stress– und Stimmingsituationen gezeigt. Aber Partizipation allein schafft keine Repräsentation. Es genügt nicht, autistische Menschen einzubinden, um einen Film zu schaffen, der Autist*innen gerecht wird. 

Denn die Einordnung des für Neurotypische mitunter fremdartig anmutenden Verhaltens der fünf jungen Erwachsenen übernehmen deren Eltern. Für diese ist Autismus ein “schlimmes Schicksal”.

Im Film unterstützen sie das Narrativ, dass Autismus einen Kontrast zu einem “normalen”, erstrebenswerten Leben bildet. Durch das durchgehende Betonen der Andersartigkeit autistischer Wahrnehmung fühlt es sich an, als würden die Mauern und Gräben, die abgebaut werden sollen, nur noch größer.

Das ergibt sich vor allem aus dem Fokus auf Lautsprache als Kommunikationsnorm. Im Film sind alternative Kommunikationsformen, wie Körper- oder Gebärdensprache ein Defizit. Zeitgemäße elektronische Tools wie Talker oder PECS (Picture Exchange Communication System) finden ebenso wenig Erwähnung. Wenn man bedenkt, wie vehement von autistischen Personen verlangt wird, nonverbale Kommunikation wie Mimik, Gestik und Körpersprache zu verstehen, wirkt diese Fixierung auf Lautsprache als einzig akzeptierte Kommunikationsform noch befremdlicher. 


Wer nicht sprechen kann, kann seine Gefühle und Gedanken nicht ausdrücken. Um ein menschliches Leben leben zu leben, ist mir nichts wichtiger als mich ausdrücken zu können.

– Naoki Higashida, Autor

Erst nachdem einige mutistische, teils echolalische Protagonist*innen Buchstabentafeln erhielten, gab es eine Art der Kommunikation, die auch ihre Eltern akzeptierten.

Mit dieser Unterstützung änderte sich einiges. „Sie können zum ersten mal einem Lehrplan folgen“, sagte Emma Budways Mutter und es wirkt, als glaube sie, erst jetzt habe ihr Kind Intelligenz erhalten, als wäre sie vor der Nutzung dieser Tafel nicht zum Lernen und Erfahren fähig gewesen.

Nach dem Lesen von Naoki Higashidas Buch erkannte Mary Penn-Timity, dass sie ihre autistische Tochter falsch behandelt habe und sie jahrelang daran hinderte, sie selbst zu sein. Mary gründete eine Schule für autistische Kinder und Jugendliche in Sierra Leone. Sie arbeitet aktiv in der Aufklärung und stellt sich gegen alte Mythen, denen zu Folge Autist*innen von Dämonen besessen seien. Eine der wenigen guten Momente des Films. 

Amrit Khurana, eine erfolgreiche Künstlerin, wird ebenfalls nur auf ihre Defizite reduziert. Man sieht eine junge Frau mit hoher Begabung und einem reichen, phantasievollen Innenleben – dargestellt wird sie als unselbstständiges, abhängiges Kind. 

„Autisten haben keinerlei Freiheiten. Sie brauchen Zugehörigkeit. Das ist auch unsere Welt“

“Wir hatten das Gefühl, unser Sohn spricht zu uns”, erzählt ein Vater nach der Lektüre. Das Buch sei für ihn wie ein Bote aus einer fremden unbekannten Kultur, deren Regeln und Logik für ihn und andere nichtautistische Menschen unbegreiflich schienen.

Ähnlich wie in den USA ist auch im deutschsprachigen Raum mit einer positiven Resonanz auf den Film zu rechnen. Er ist klar auf sein Zielpublikum ausgerichtet: Eltern, Angehörige und Personen, die mit Autist*innen arbeiten.

Er wird ihnen in ihrer gewohnten Sprache etwas näher bringen, was sie nicht verstehen können und was doch Teil ihres Alltags ist.

© DCM

Ihre Gefühle und Ängste nehmen in dieser Dokumentation einen großen Raum ein. Bezugspersonen autistischer Menschen werden sich in den Eltern der Protagonist*innen wiedererkennen, erhalten Identifikationsmöglichkeiten. Sie können sich gehört und gesehen fühlen. Und sie können – wie eine der Mütter betonte – verändern, wie über Autismus geredet wird.

“Wenn jemand meinen Autismus ändern könnte, ich würde so bleiben wollen wie ich bin.”

Wir alle sind ableistisch sozialisiert. Behinderte Menschen ebenso wie Nichtbehinderte. Neurodiverse ebenso wie die, die sich als normal bezeichnen. Die ableistische Weltsicht ist das, was wir als normal empfinden, weil sie uns täglich begegnet. Wir wachsen damit auf, internalisieren sie. Für mutistische Personen ist die Emanzipation aus der Paternalisierung noch viel schwerer, als für Autist*innen, die Lautsprache benutzen. Denn sie sind in höherem Maße abhängig vom Pflege- und Betreuungssystem, in dem Selbstvertretung und Autonomie teils bewusst, teils ressourcenbedingt kaum möglich ist. 

Vielleicht ist unter diesen Gesichtspunkten “Warum ich Euch nicht in die Augen schauen kann” eine Annäherung an das Leben mutistischer Autist*innen. Was es nicht ist: Die filmgewordene Stimme autistischer Menschen, die ihr Sein und ihr Leben als gleichberechtigter Teil der menschlichen Vielfalt sichtbar machen wollen.

„Für mich ist Autismus das Normale. Ich weiß nicht wirklich, wie eure Normalität aussieht“

Es bietet sich natürlich an, das Veröffentlichungsdatum eines Films über Autismus zeitnah zum Weltautismustag zu planen. In mehreren deutschen und österreichischen Städten wird zu diesem Anlass ein sensory friendly Screening angeboten. Dabei wird der Saal während der Filmvorführung nicht vollständig abgedunkelt und der Filmton leiser wiedergegeben. De Flut der Sinnesreize, die das Kino für autistische Menschen oft unmöglich macht, wird damit etwas reduziert. Warum solch ein Screening jedoch nur an diesem Tag und für diesen speziellen Film angeboten wird und kein reguläres barrierefreies Angebot ist, entlarvt das vermutlich gut gemeinte Angebot und zeigt erneut, dass autistische Teilhabe nicht das ist, worum es bei all dem geht.

Glossar

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