Gedanken zum Weltautismustag 2020

Kaum zu glauben: Erst 2006 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Behindertenrechtskonvention, ein Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. 2008 trat sie in Kraft. Heute, im Jahr 2020 hält sich noch immer kein Land in Gänze daran. Nur einzelne Punkte werden, mal mehr, mal weniger motiviert und oft mit spärlichen finanziellen Mitteln umgesetzt.

Ebenfalls 2008 führten die Vereinten Nationen den Welt-Autismus-Tag ein. An diesem Tag soll auf Autismus und die damit einhergehenden Barrieren, die uns die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erschweren, aufmerksam gemacht werden.

Was ist seitdem geschehen?
Anstatt von Heimen und stationären Einrichtungen für autistische Menschen ist nun die Rede von “besonderen Wohnformen”. Statt von Behinderungen möchten wir nun von “Andersbegabung” und “besonderen Herausforderungen” sprechen. Das sind sprachliche Wendungen, die Nichtbehinderten das Gefühl geben, sie hätten etwas getan. Aber Euphemismen sind keine Inklusion. Getan ist damit nichts. Für Menschen mit Behinderungen ist das nicht genug.

Wunschvorstellung: Kampftag

Der Weltautismustag sollte das sein, was der Frauentag für viele Menschen bereits ist: Ein Tag, der die harten, unbequemen Fakten deutlich ans Licht bringt. Nur, dass es bei uns nicht der Gender Pay Gap ist, sondern die fehlenden Möglichkeiten der beruflichen Integration und die häufige Unterbringung in Behindertenwerkstätten. Diese Einrichtungen auf dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt widersprechen der Behindertenrechtskonvention, werden aber sogar noch ausgebaut.

Wir müssen die exkludierende Betreuung in Heimen und abgeschlossenen Wohngemeinschaften viel stärker thematisieren. An diesen Orten bilden sich Parallelgesellschaften weitab der Gesellschaft, die Abhängigkeiten festigen und Keimzellen für Gewalt werden können.

Wir sollten an diesem Tag sichtbar machen, wie viele Kämpfe Autist*innen und Eltern von autistischen Kindern jeden Tag führen. Um Teilhabe, um Akzeptanz und um Hilfen. Darum, gehört und verstanden zu werden. Wir sollten uns bewusst werden, dass sich viele autistische Arbeitnehmer*innen nicht trauen, von ihrem Autismus zu erzählen. Sie verstellen sich weiter Tag für Tag aus der begründeten Furcht, ihre Arbeitgeber sähen nach einem Outing nur noch die Defizite in ihnen, nicht ihre Talente und ihre Leistung.
Wir sollten laut werden wegen der fehlenden Augenhöhe, die Nichtbehinderte uns gegenüber an den Tag legen.

So wie Frauen keine Blumen wollen, wollen wir keine blau beleuchteten Gebäude. Wir wollen gleiche Rechte und gleiche Chancen und wir wollen, dass sich Nichtbetroffene gemeinsam mit uns dafür einsetzen und die Umsetzung fordern.

Am Boden der Tatsachen

Tatsächlich wird am 2. April Jahr für Jahr ein Tag begangen, an dem Elternvereine Newsletter verschicken und um Spenden bitten, aber nicht auf die Idee kommen, Autist*innen in die Vorstände oder Gremien aufzunehmen.
Es ist ein Tag, an dem die Medien sich mit defizitärer Berichterstattung überschlagen und in der Mehrheit über autistische Personen schreiben, statt sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie schreiben oder senden Geschichten von Menschen, die an Autismus “leiden”, in ihrer “eigenen Welt” leben und wahlweise kauzige Genies ohne Freund*innen oder nichtsprechende, betreuungsbedürftige Kinder sind. In einem derart großen Spektrum wie dem Autismusspektrum kommt natürlich beides vor, doch zwischen diesen beiden Facetten stehen tausende Menschen unterschiedlichster Persönlichkeiten und Begabungen. Menschen die glücklich sind, Sorgen haben, die gerne lachen oder eher nachdenklich sind. Die Berufe ausüben, in Teilzeit beschäftigt sind oder nie arbeiten werden. Menschen, die sich nicht in ein stereotypes Bild pressen lassen.

An diesem Datum klopfen sich Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen auf die Schulter, weil sie Gebäude in blauem Licht erstrahlen lassen, obwohl autistische Menschen ihnen schon seit Jahren sagen, dass sie das nicht möchten. Die “Light It Up Blue” Kampagne geht auf Autism Speaks zurück. Dieser US-amerikanische Elternverein vertritt das Tragödienmodell und zeichnet Autismus in den schlimmsten Bildern als angeblich familien- und existenzzerstörendes Übel. Er investiert riesige Summen Geld in die Ursachenforschung und unterstützt Eltern, die ihre autistischen Kinder töteten. Gespräche und faire Zusammenarbeit mit autistischen Personen werden abgelehnt. Autist*innen weltweit wehren sich also aus gutem Grund gegen die Symbolik dieser Organisation. 

Handlungsempfehlungen

Wir sollten den Weltautismustag endlich zu dem machen, was er schon von Beginn an sein sollte: Ein Tag, an dem wir uns bewusst werden, dass wir das ganze Jahr über für Inklusion kämpfen müssen. Ein Tag, an dem wir reflektieren, wie weit wir bereits gekommen sind und welcher Weg noch vor uns liegt. Wir sollten Autist*innen und Eltern autistischer Kinder fragen, was sie sich wünschen und was sie brauchen, um Teilhabe zu erlangen und alle Möglichkeiten ausschöpfen, ihnen diese zu gewähren. Das ist vielleicht unbequem, aber alternativlos. Und an erster Stelle sollte es ein Anlass sein, um die Menschen zu Wort kommen lassen, die all das betrifft: Autistinnen und Autisten.

4 Gedanken zu „Gedanken zum Weltautismustag 2020

  1. Tut mir leid, aber ich gehe nach dem biblischen Motto „Man erkennt einen Baum an seinen Früchten“ vor. Und danach ist das Gelaber von Inklusion nur ein Weg von Politikern, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, und sich dafür zu feiern, wie viel man angeblich für Behinderte tun würde.

    Und genau deshalb will ich als Autist nichts mehr mit der ach so tollen Inklusion zu tun haben.

    Besonders schlimm war es, als mich das Arbeitsamt zwang, selbst an einem ach so tollen Inklusionsprogramm teil zu nehmen. Mit dem Ergebnis: Sozialpädagogen, die meinen freien Willen fast total ignorierten und mich nach strich und faden manipulierten und unter druck setzten. Und die mich am Ende in eine Behindertenwerkstatt abschieben wollten, wo ich 8 Stunden pro Tag Schrauben sortieren sollte. Und wo man mir erzählte, das sei wichtig für die ach so tolle Inklusion, Gleichbehandlung und „Selbstverwirklichung“.

    Auf so einen Schwachsinn hab ich echt keinen Bock.

    Ist mir auch egal, im Namen welches höheren Zweckes ich da mit machen soll.

    Ich will auch keine ach so tolle Inklusion. Ich will stattdessen, dass man respektiert, dass Ich auch als Autist einen freien Willen habe und auch zu Dingen Nein sagen darf. Und keine dämlichen Sozialpädagogen, die meinen, sie könnten besser über mein Leben entscheiden, als ich selbst.

    Dafür kann man mich gerne hassen. Ist mir egal.

    1. Es tut mir sehr leid, dass du das erleben musstest, es ist nachvollziehbar, dass du wütend bist.
      Mir ist es nur wichtig, dich noch einmal darauf hinzuweisen, dass Werkstätten für Menschen mit Behinderung KEINE Inklusionsmaßnahme sind, sondern das Gegenteil. Sie verstoßen gegen die UNBKR-Forderungen zur Inklusion.

      1. Erstmal vielen Dank für die freundliche Antwort. (Ich hab leider bei dem Thema erlebt, dass da viele Leute einen sogar direkt persönlich angreifen, wenn man nur den leisesten Zweifel an der Politik äußert. Vielleicht reagiere ich deshalb bei dem Thema auch ebenfalls was gereizt.)

        Ich kann mir ehrlich gesagt tatsächlich gut vorstellen, dass Behindertenwerkstätten und viele andere tatsächlichen Maßnahmen eigentlich wahrscheinlich genau das Gegenteil davon sind, was Inklusion eigentlich sein soll.

        Ich kenne ja auch die intellektuellen Hintergründe der Inklusion etc. als Idee und da ist mir aufgefallen, dass da ein gewaltiger Unterschied zwischen Theorie und Praxis klafft. Und dass man in der Praxis viel zu wenig tut. Ich vermute z.B. dass wahrscheinlich, dass wenn man das komplett ernst nimmt, man wahrscheinlich das Schulsystem komplett reformieren und umkrempeln müsste, und es nicht reicht, bloß einen Schulbegleiter zur Verfügung zu stellen.

        Manche Sachen, die ich da in der „Praxis“ erlebt habe, waren sowieso merkwürdig widersprüchlich. Beispielsweise sagte man sogar bei dem Programm, wo ich reingezwungen wurde, man würde Behinderte „individuell fördern“. Und dann hat man mich, der 4 Semester Informatik hatte, gezwungen, an einem Kurs teil zu nehmen, wo mir beigebracht werden sollte, wie man einen PC an schaltet. Das macht im HIntergrund einer „Individuellen“ Förderung ja mal gar keinen Sinn.

    2. Hey Michael
      endlich, endlich mal einer der dem Matra „..da ist was in der pipeline“ oder alles ist gut und noch schlimmer POSITIV DENKEN blablabla raushaut.
      Ich teile die Meinung total.
      Es gibt soviel was unter den Teppich gekehrt wird,soviel was falsch läuft,soviel was an Wahrheit einach ignoriert wird/soll.
      Halt den Kopf hoch, NUR für dich……..nicht für andere, denn dies Leben ist deines und nur du bestimmst die richtung selbstbestimmt.
      Lg aus Steinhude
      Ralf Zioerjen

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