Buchempfehlungen zum Thema Behinderung

Behinderung ist mehr als ein Besuch bei “Dinner in the Dark” oder ein Selbsterfahrungskurs im Rollstuhl. Der beste Weg, um etwas über behinderte Menschen zu erfahren, ist und bleibt, ihnen zuzuhören. Oder in diesem Fall: sie zu lesen. Im Feuilleton oder auf den Seiten der Buchblogger*innen sucht man Autor*innen mit Behinderung jedoch vergeblich. Wie auch sonst in der Gesellschaft fehlen behinderte Stimmen in der Literatur fast völlig. Wobei… sie fehlen nicht, es gibt zahlreiche Autor*innen mit Behinderung. Sie sind nur kaum sichtbar.

Darum möchte ich heute vier Bücher ans Herz legen, die sich dem Thema auf sehr unterschiedliche Art widmen.

Tanja Kollodzieyski: Ableismus

Erschienen bei Sukultur.

Die Twitterer unter uns kennen die Literaturwissenschaftlerin Tanja als @RolliFraeulein. In ihren Tweets leistet sie wertvolle Aufklärungsarbeit und zeigt Barrieren auf, die ihr die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verbauen.

SuKultur hat ein Leseheft herausgegeben, in dem sich Tanja ausführlicher dem Thema Ableismus widmet. Darin erweitert sie den Blick über die reine Behindertenfeindlichkeit hinaus und zeigt zahlreiche und verborgene Facetten der Diskriminierung behinderter Menschen.
Sie schafft es, Augenhöhe mit Leser*innen ohne Vorwissen einzunehmen, aber auch mit denen, die bereits weiter im Thema sind. Ich hätte sehr gern viel mehr von Tanja gelesen. Daher ist mein einziger Kritikpunkt an ihrem Text, dass er kurz ist, was aber dem Format der SuKultur-Reihe und nicht der Autorin geschuldet ist. 

“Behinderte Menschen, die glauben, eine Belastung zu sein, stellen keine oder wenige Ansprüche und Bedingungen. Stattdessen sind sie dankbar über jede Form von positiver Aufmerksamkeit – oder auch: sauber, satt und still.”

Tanja Kollodzieyski

Birke Opitz-Kittel: Mama lernt Liebe – Wie ich als autistische Mutter gelernt habe, meinen Kindern Gefühle zu zeigen

Erschienen im MGV Verlag.

Birke erzählt sehr eindringlich aus ihrem Leben: Von einer Kindheit und Jugend als nicht diagnostizierte Autistin, vom Anderssein als Erwachsene und von den zermürbenden Versuchen, doch irgendwo dazuzugehören. Sie schildert, wie sie sich zur Anpassung zwingt, damit ihre Kinder keine Nachteile erfahren und spart auch Schicksalsschläge und schwere Zeiten nicht aus.

Medienstimmen zum Buch konzentrieren sich sehr auf das autistische Wahrnehmen von Emotionen und darauf, dass sie ja als autistische Mutter überraschenderweise auch welche entwickelt. Was mir in der Presse deutlich zu kurz kommt, ist die Achtung vor der Geschichte einer Frau, die sich für ihre Familie beinahe zerrissen hat, die schlimme Erfahrungen durchleben musste, aber wie eine Löwin dafür kämpfte, dass es ihren Kindern gut geht. In meinen Augen kann man Liebe nicht deutlicher zeigen. 

Für mich ist “Mama lernt Liebe” ein Buch, das zeigt, wie schwer es in unserer Gesellschaft ist, anders zu sein und mit wie viel Kampf vermeintlich einfachste Dinge verbunden sind, wenn man nicht der neurologischen Norm entspricht. 

Kinder so viel wie möglich mit anderen Kindern spielen und interagieren zu lassen. Im Alltag funktionierte das ohne mein Zutun ganz gut durch den Kindergarten, später nach der Schule durch die Nachmittagsbetreuung und verschiedene Kurse, die besonders Miriam mit Begeisterung besuchte. Bei ihr hatte ich das Gefühl, meinem großen Ziel – bloß nicht so zu werden wie ich – am nächsten gekommen zu sein.”

Birke Opitz-Kittel

Daniela Schreiter: Schattenspringer Band 1 – 3

Erschienen bei der Panini Verlags GmbH

Die Schattenspringer-Bände sind die ersten Bücher, die ich empfehle, wenn es um “Einstiegslektüre” zum Thema Autismus geht. Nicht, weil sie besonders anspruchsarm wären, im Gegenteil. Die Illustratorin und Comiczeichnerin Daniela Schreiter schafft es, komplexe Themen wie Kindheit, Pubertät und Erwachsensein als Person im Autismusspektrum sehr verständlich und mit viel Liebe zum Detail zu vermitteln.
Kinder verstehen ihre Sprache ebenso wie Erwachsene. Man fühlt sich als Leser*in ernst genommen und auf Augenhöhe angesprochen. Im ersten und zweiten Band widmet sich die Autorin und Illustratorin ihren eigenen Erfahrungen, im dritten ergänzt sie ihre eigene Perspektive um Geschichten anderer autistischer Personen.  

Clay Morton – Why Johnny Doesn’t Flap: NT Is Ok!

Erschienen bei Jessica Kingsley Publishers.

Ein Kinderbuch? Sind ihr die Ideen ausgegangen? Nein, gar nicht. Dieses Buch habe ich von einer lieben Freundin bekommen und es ist so herzerwärmend und schön, dass ich es euch einfach empfehlen muss. 

Der Autor bildet eine Ausnahme in dieser Reihe von Empfehlungen. Er ist nicht selbst autistisch, hat aber ein autistisches Kind.

Im Mittelpunkt des kurzen Bilderbuches stehen zwei Kinder – ein autistischer Junge und sein neurotypischer Freund Johnny. Das autistische Kind erklärt uns das seltsame Verhalten seines Freundes und zeigt uns in verschiedenen Situationen, dass das Anderssein, also das nicht autistisch sein, völlig okay ist und man trotz vieler Unterschiede enge Freundschaften miteinander führen kann. Das autistisch sein ist in dieser erfrischenden Geschichte die Norm. Aus dieser Perspektive wird auf liebevolle Art das seltsame neurotypische Verhalten von Johnny erklärt. 

„It can be pretty interesting being friends with a kid who is NT. He has a lot of quirks that can be very frustrating until you get used to them. Mom says that everyone’s brain is different, and different isn’t always wrong.“

Why Johnny Doesn’t Flap: NT Is Ok!

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