„Normal sein“ kann man nicht üben.

Österreich kehrt langsam zu einem Alltag zurück, der dem vor der Covid-Pandemie ähnelt. Menschen, die bisher im Homeoffice arbeiten konnten, gehen nach und nach wieder in die Büros. Ein großer Teil von ihnen sogar mit viel Freude. Einige haben die negative Erfahrung gemacht, dass sie zu Hause deutlich mehr arbeiten als im Büro, anderen fehlt der persönliche Austausch und Kontakt mit den Kolleg*innen. Wieder andere hatten Probleme, nach dem Arbeitsende die Grenze zum Privatleben zu ziehen. Sie hatten das Gefühl, nicht abschalten zu können, wenn der Schreibtisch in der eigenen Wohnung steht. Wenn für diese Menschen der Arbeitsweg Distanz zum Beruf schafft, ist es zuhause mit dem Wegpacken des MacBooks nicht getan.

Auch mein Berufsalltag fand in den letzten Monaten im Homeoffice statt und tut es größtenteils noch immer. Das gibt mir deutlich mehr Lebensqualität. Ich habe mehr Kraft für Freund*innen und gemeinsame Unternehmungen. Auch für Sport und andere Leidenschaften kann ich mehr Zeit und Energie aufbringen. Gleichzeitig ist es für mich schwerer geworden, während der Präsenzarbeitszeit „normal“, also nichautistisch zu wirken.

Es liegt aber nicht an der fehlenden Übung mit Bürosituationen. Es liegt auch nicht an mangelnden Gelegenheiten, im Büro zu sein. Durch die lange Zeit im Homeoffice ist der Kraftaufwand deutlich spürbarer geworden, den ich aufwenden muss, um den sozialen Anforderungen zu entsprechen. Der Kontrast zwischen der kraftsparenden Arbeit daheim und der anstrengenden Anwesenheit in einem Büro ist sehr stark. Die Auswirkungen dieser Anstrengung auf das eigene Leben spürt man unmittelbar und ungefiltert.

Keine einheitlichen Lerntypen

Ich denke, normal zu sein kann man nicht üben. Wenn man an neurotypischen Verhaltensweisen scheitert muss das nicht an Lernschwierigkeiten liegen. Das Beherrschen nonverbaler Kommunikation ist kein Gedicht, das man auswendig lernen kann und keine Formel, deren Anwendung man übt. Zwar kann man gewisse Abläufe verinnerlichen, aber das wiederum kann sehr viel Kraft kosten und reicht lange nicht aus, um nichtautistisches Verhalten ins autistische zu übersetzen und zu verstehen. Die Probleme autistischer Menschen beruhen mehrheitlich auf einer anderen Art der Wahrnehmung, die der Autismus mit sich bringt. Sie sind neurologischen Ursprungs.

Ob Wiederholungen die ideale Lernform für Autist*innen sind, ist daher in Frage zu stellen. Ganze Therapieformen bauen darauf auf, durch Druck, Wiederholung und Belohnungen autistischen Kindern neurotypische Verhaltensweisen beizubringen. Sie stehen zu recht in der Kritik.

Bei autistischen Personen gibt es ebenso vielfältige Lerntypen wie bei nichtautistischen Personen. Die einen denken in Bildern und lernen mit Hilfe von Skizzen, Diagrammen und MindMaps. Andere lernen eher sprachbasiert und nutzen Notizen, Eselsbrücken und Karteikarten. Soziale Lerntypen erweitern ihr Wissen am besten in Gruppen und durch Interaktionen mit anderen Menschen, andere nutzen akustische Reize, indem sie Informationen mit Melodien und Tönen anreichern.

Stimming als pathologisches Verhalten

Wiederholungen sind aber in einem anderen Bereich sehr wichtig. Autist*innen nutzen repetitive Handlungen als Stimming. Jede autistische Person hat ihre eigenen Stimming-Methoden. Das kann das Wippen, Händeflattern oder das gleichförmige Bewegen von Gegenständen sein, wie das Klicken mit einem Kugelschreiber. Dieses selbststimulierende Verhalten ist eines von mehreren Werkzeugen, die wir nutzen, um uns zu entspannen und zu beruhigen. Trotzdem wird Stimming mehrheitlich negativ betrachtet. Auch in den Diagnosekriterien für Autismus ist es erfasst. In der Ergotherapie wird es oft als Handlung ohne Sinn gesehen. (Spitzer, S. L. (2003). With and Without Words: Exploring Occupation in Relation to Young Children with Autism.) Das gibt Therapierenden die ethische Grundlage, Stimming-Verhalten zu unterbinden, ohne jedoch alternative Werkzeuge und Verhaltensweisen mit ähnlichem Effekt aufzuzeigen. 

Gerade diese würden uns aber helfen, besser durch den Alltag zu kommen und die Anforderungen an uns zu bewältigen. 

Was bleibt ist das Bewusstsein, dass die Welt ein barrierereiches Jump’n Run-Spiel ist, das auch im zehnten Durchlauf nicht einfacher wird. Denn der Fässer werfende Gorilla steht nicht jeden Tag an der selben Stelle.

3 Gedanken zu „„Normal sein“ kann man nicht üben.

  1. Danke für diesen Beitrag! Das war so eine Sache, die zum Beispiel mein Geschichtslehrer damals nie einsehen wollte. Wenn ich, mit gezücktem Nachweis von der Psychiaterin, sagte ich würde bitte gern eine Ersatzaufgabe statt des Vortrags vor der Klasse haben, kam immer nur: „Aber du musst es doch irgendwann lernen“.
    Die Antwort, dass ich es ja KÖNNE, aber es mich nun mal jedes Mal tagelang krank und übel vor Stress macht, hab ich dann immer entweder nicht rausstammeln können, oder es wurde ignoriert. Das frustriert mich immer noch, obwohl ich mittlerweile seit 3 Jahren mit der Schule fertig bin.

  2. „Einige haben die Erfahrung gemacht, dass sie zu Hause deutlich mehr arbeiten als im Büro, anderen fehlt der persönliche Austausch und Kontakt mit den Kolleg*innen. Wieder andere hatten Probleme, nach dem Arbeitsende die Grenze zum Privatleben zu ziehen.“

    Und für die ist das Arbeiten in einem Büro eine accommodation – eine Angleichung der Umwelt an ihre Bedürfnisse. Warum dürfen nur diese Menschen das erleben? Warum ist die Arbeitswelt nur auf einen Bruchteil der Neurotypen ausgelegt? Wo ist das eine faire Gleichbehandlung der Mitarbeiter?

  3. „Das Beherrschen nonverbaler Kommunikation ist kein Gedicht, das man auswendig lernen kann und keine Formel, deren Anwendung man übt.“

    Ich trage mein Herz auf der Zunge und meine Gefühle im Gesicht. Ich kann Dir also den zweifelhaften Trost anbieten, dass nonverbale Kommunikation auch für mich eine Herausforderung ist, an der ich regelmässig scheitere. Es gibt dazu Trainingseinheiten, wie man Körpersprache effektiv einsetzt, damit man eben nicht durchschaut wird und die Message besser unterstützen kann.

    Aber grundsätzlich finde ich Home Office toll, weil es meine Arbeitszeit verkürzt, angenehmer und flexibler macht. Ich arbeite seit Jahren so und treffe mich nur mit Leuten, wenn wir tatsächlich eng im Team arbeiten. Und ja, die Disziplin, nicht jedes Mail jederzeit zu beantworten, muss jeder für sich aufbringen.

    Toller Text!

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