Gewalt gegen Menschen mit Behinderung: Nur ein Missstand?

 

Menschen mit Behinderung leben nach wie vor in schweren Zeiten. Zeiten, in denen frustrierte Stimmen die Inklusion für gescheitert erklären, in denen Parallelwelten ausgebaut statt eingerissen werden, in denen man doch „Witze“ über die machen kann, die ihr Leben lang von Diskriminierung betroffen sind. Ganz nach dem Motto „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

In dieser Woche wurde in sehr kleinem Rahmen über einen Vorfall berichtet, in dem es wieder einmal zu Gewalt gegen Menschen mit Behinderung kam, die sich in einer dieser Parallelwelten befinden – in einer heilpädagogischen Schule in der Schweiz. Dort wurden Kinder von ihren Lehrer*innen zur Strafe körperlich gezüchtigt, was eine klare Ausübung von Gewalt ist – und seit 1973 gesetzlich verboten.

Was bei nichtbehinderten Kindern zu Recht einen Skandal auslösen würde, wird bei Kindern mit Behinderung wortreich abgetan. Es sei ein Zeichen der Überforderung des Lehrpersonals, ein „Missstand“, etwas, das im Argen liegt und wird vermutlich nicht einmal zur Anzeige gebracht. In einem Evaluationsbericht schreibt die Schule, „die Mitarbeitenden pflegen nicht durchgängig einen respektvollen und ermutigenden Umgang mit den Schülerinnen und Schülern” – ein wirklich blumiger Euphemismus für Schläge.

Gewalt gegen Menschen mit Behinderung, die ihren Betreuer*innen schutzlos ausgeliefert sind, wird auf diese Art wieder und wieder legitimiert. Indem man auf „Überforderung“ verweist, geht man sogar noch weiter: Man gibt die Schuld für die Gewalt indirekt den Kindern. Schließlich würden sie durch ihr behinderungsbedingt schwieriges Verhalten ihre Lehrer*innen selbst in die Überforderung treiben. Das ist nicht mehr als eine verachtenswerte Täter-Opfer-Umkehr.

Gewalt gegen Menschen mit Behinderung ist ein unsichtbares Problem und wird es noch lange bleiben, denn Behinderung ist nach wie vor ein unangenehmes, teils tabuisiertes Thema. Gewalttaten gegen diese Menschen geschehen in geschlossenen Räumen und sind meist in Abhängigkeitssituationen eingebettet, aus denen nur eine Person hinausgehen kann: Die Gewalttätige. Studien ergaben, dass jede Frau mit Behinderung Gewalt erfahren muss und bisher scheint es keine Bestrebungen zu geben, dies zu ändern. Im Gegenteil: Indem man Inklusion verweigert, arbeitet man aktiv daran, diese Zustände zu halten und auszubauen.

 

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