Nach “Team Wallraff”: Inklusion ist die einzige Lösung

Seit der Ausstrahlung von “Team Wallraff” am 20. Februar 2017 ist die Situation von Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf Thema vieler Diskussionen.

Die Sendung “Team Wallraff – Reporter undercover” schleust regelmäßig Reporter*innen verdeckt in Unternehmen, Einrichtungen und Organisationen mit dem Ziel ein, Missstände aufzudecken. In der angesprochenen Folge recherchierte eine Frau als Praktikantin in Einrichtungen und Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Sie fertigte versteckte Filmaufnahmen an, die viele RTL-Zuschauer*innen zu Recht schockierten. Was mich gleichermaßen entsetzte: die Reaktionen auf die Sendung, die die Geschehnisse entschuldigten und relativierten.

Während ich auf Twitter die immer hitziger geführte Debatte verfolgte, wurde mir vor allem eines bewusst: Mein Umgang mit Behinderung weicht stark von dem der meisten Menschen ab.

Behinderung als Teil der Normalität

Es ist sicher in meiner Kindheit begründet, dass Behinderung für mich etwas Alltägliches ist. Lange, bevor man meinen Autismus erkannte, Anfang der Neunziger, nahm meine Familie mehrfachbehinderte Kinder aus dem Heim als Pflegekinder auf. Ich sah Kinderheime. Ich sah, wie die Kinder dort lebten. Es ist mir nicht in guter Erinnerung geblieben. Später lebten mehrere von ihnen bei uns. Sie waren bald ganz normale Familienmitglieder. Es dauerte nicht lange, bis sie wie Geschwister für uns waren. Eines unserer Pflegegeschwister hatte eine Lernbehinderung, das andere aufgrund des stark verkleinerten Großhirns zusätzlich eine körperliche Behinderung. Das war kein Problem, wir bekamen Hilfsmittel wie einen Rollstuhl und ein Gerät, in dem das Kind gestützt stehen konnte. Es konnte also jede*r von uns überall dabei sein, alle Familienmitglieder waren integriert in unsere Aktivitäten.

Schon damals waren die Reaktionen der Nachbarn und selbst der Verwandten ablehnend. Sie zeigten kein Verständnis, wandten sich von uns ab. Es kam sogar zu Beschimpfungen. Unser sozialer Status sank rapide.

Später, ich war noch immer undiagnostiziert, arbeitete ich im Rahmen meiner Ausbildung in Pflegeheimen und in Krankenhäusern christlicher Träger, in einem Umfeld also, das sich besonders der Nächstenliebe verschrieben hat. Ich sah dort viel Freundlichkeit, aber auch Frustration, Überlastung und Situationen, die moralisch und rechtlich nicht tragbar waren. Melden konnten wir sie niemandem, der Status als Schwesternschülerin ist keiner, in dem Kritik erwünscht ist.

Wir müssen realistisch sein

Fakt ist, es gibt einen Pflegenotstand. Das ist ein wichtiger Punkt, der weder verdrängt werden noch dazu führen darf, Zustände zu relativieren. Pflegepersonal, Betreuer*innen, Pflegehelfer*innen und Ärzte sind massiv überarbeitet, unterbezahlt und dauerhaft überlastet. Der Personalschlüssel ist oft unzureichend – es gibt zu wenige Stellen für zu viele pflegebedürftige Menschen. Das steht außer Frage. Fakt ist aber auch, dass es in der Pflege sowohl Menschen gibt, die in ihrem Beruf anderen mit Achtung und Respekt begegnen, als auch jene, die das nicht tun – und zwar unabhängig davon, wie gut oder schlecht sie bezahlt werden. Misshandlungen sind nicht einkommensbedingt. Ein negativer, defizitärer Blick auf Hilfsbedürftige ist nicht ausbildungsbedingt. Verachtung gegenüber Schwächeren kann auch bei Pflegepersonal vorkommen.

Menschen mit Behinderung, Pflegebedürftige und Hilfsbedürftige menschenunwürdig behandeln zu können, wird durch die Situation begünstigt, in der diese Personen leben: Abgeschoben in eine Parallelwelt. Mit nur einem Ausgang: dem für das Pflegepersonal. Es ist ein dramatisches, institutionelles Problem. Die Art und Weise, wie wir mit Hilfsbedürftigen umgehen, öffnet Misshandlungen Tür und Tor. Behinderte Menschen leben abgeschottet in Heimen und arbeiten isoliert in Werkstätten. Pflegebedürftige leben in Pflegeheimen mit festen Besuchszeiten. Was nicht dokumentiert wird, ist nicht nachvollziehbar – als wäre es nie geschehen.

Schutz und Intimsphäre

Heim, das ist ein schönes Wort. “Ich gehe heim”, sagen wir und meinen ein geborgenes, schützendes Zuhause. Tatsächlich ist ein Heim im Sinne der Betreuung aber ein Ort, an dem man komplett fremdbestimmt lebt und in dem verschiedenste Menschen in die eigene Intimsphäre dringen, ob man es nun will oder nicht. Diese persönlichen, intimen Lebensbereiche, in denen Arbeit stattfindet, stellen beide Seiten vor große Herausforderungen. Früher habe ich Patient*innen nach ihrer Einwilligung gefragt, bevor ich ihnen bei der Körperpflege assistiert habe. Eine examinierte Pflegekraft hat dazu in der Regel aber weder Zeit, noch die Wahl.

Das Bundesteilhabegesetz hat das institutionelle Problem aus Gründen der Sparsamkeit nur noch verstärkt, indem es die Heimunterbringung erleichtert und beispielsweise sogenanntes Pooling fordert – dabei teilen sich mehrere assistenzbedürftige Menschen eine*n Assistent*in und sind dadurch gezwungen, zusammenzuleben. Eine Art Zwangs-WG. Selbstbestimmung sieht anders aus und die Parallelgesellschaftsstrukturen werden gestärkt. Sparsamkeit hin oder her, das Geschäft mit der Behinderung ist ein großes. Pflege, Therapien, Heime, Werkstätten – sie alle bilden das Gerüst einer Industrie, die sich natürlich nicht überflüssig machen will.

Was kostet eine gemeinsame Welt?

Es gibt nur eine Lösung für Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf: Sie müssen in die Mitte der Gesellschaft. Müssen ein gleichberechtigter Teil davon werden. Sie müssen ein normaler Teil des Lebens sein, sichtbar und wahrnehmbar zwischen Nichtbehinderten leben. Nur so ist ein Abbau von Berührungsängsten und eine Begegnung mit Respekt und auf Augenhöhe möglich. Ja, Pflege zu Hause, egal ob in einer eigenen Wohnung oder in der Familie, ist aufwendiger und teurer, Förderschulen und Werkstätten gegen inklusive Lösungen einzutauschen ebenfalls. Aber das ist die einzige Möglichkeit, diese Menschen nicht auszuschließen.
Was kostet die Menschenwürde? Sollten wir diesen Preis als Gesellschaft nicht bereitwillig zahlen? Bedenken sollte man bei dieser Debatte ebenfalls, dass der allergrößte Teil der Behinderungen nicht angeboren sind, sondern erworben. Nur 4% der Menschen mit einer Behinderung haben diese von Geburt an. Das heißt, ein Mensch bekommt im Laufe seines Lebens durch Krankheit, Unfall oder andere Einflüsse eine Behinderung. Wen es trifft, kann man nicht voraussehen. Umso erschreckender, dass die Situation dieser Menschen derart schlecht ist.

Statt gemeinsam aufzustehen und einen gesamtgesellschaftlichen Wandel anzustoßen werden wir schon morgen über andere Themen sprechen. Wir werden wegschauen, verdrängen, vergessen. Die, die weiterhin isoliert und hilflos in Heimen leben, können das nicht. Teilhabe ist etwas, das wir ihnen ermöglichen müssen.

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