“Es gibt keinen Ort, an dem nicht Gewalt an Frauen mit Behinderungen ausgeübt wird.”


In diesem Jahr beschloss Russland eine fatale Gesetzesänderung: Häusliche Gewalt gegen Frauen ist fortan ein Mal im Jahr straffrei. Statt wie vorher mit einer Gefängnisstrafe wird der prügelnde Ehemann seit der Änderung höchstens mit einer Geldstrafe von 500€ belegt. Was wie eine geschmacklose Satire klingt, ist blutiger Ernst. Initiiert wurde dies von der 51jährigen Russin Jelena Misulina, die damit klassische russische Familienwerte schützen will.
Dass die Weltgesundheitsorganisation WHO Gewalt gegen Frauen als eines der größten Gesundheitsrisiken von Frauen weltweit benennt, stellt man nach dieser Nachricht nicht in Frage. Auch außerhalb Russlands ergeht es Frauen nicht besser. Jede dritte Frau in Europa hat als Erwachsene körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.

Wie sind Frauen mit Behinderung davon betroffen?

Behinderung ist gesellschaftlich noch immer ein sehr schwieriges Thema, das eher ungern angesprochen wird. In einer Gesellschaft wie der unseren, in der Inklusion trotz ihrer Verankerung in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verweigert wird, haben Menschen mit Behinderung ohnehin kaum eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und befinden sich zu oft in Abhängigkeit zu einer oder mehrerer Pflege- und Betreuungspersonen. Abhängigkeitsstrukturen wiederum schaffen Raum für Gewalt und Missbrauch – zuletzt deckte dies ein Fernsehteam auf.

Das statistische Bundesamt erfasste 3 748 566 Frauen mit anerkannter Schwerbehinderung. 3 748 566 Frauen – das sind 3 748 566 Geschichten, die niemand hören möchte. Denn nach wie vor wird Frauen mit Behinderung eine Sexualität abgesprochen oder zu einem kruden Fetisch erklärt. Behinderung und Sex? Ein Tabu.
Kaum verwunderlich, dass die deutschlandweit erste Studie zu Gewalt gegen Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen erst 2012 durchgeführt wurde. Mit erschreckendem Ergebnis: Frauen mit Behinderung sind in hohem Maß Opfer von sexueller und psychischer Gewalt. Befragt wurden dazu 1561 Frauen mit Behinderung, von denen 68 bis 90 Prozent angaben, als Erwachsene psychische Gewalt und psychisch verletzende Handlungen erlebt zu haben. Gehörlose, blinde und psychisch erkrankte Frauen bilden dabei mit 84 bis 90 Prozent die am häufigsten betroffenen Gruppen.

Im Jahr 2015 endete in Österreich ein zweijähriges Projekt des Ludwig Boltzmann Instituts für Menschenrechte. In diesem geht es um den Zugang von Frauen mit Behinderungen zu Opferschutz- und Unterstützungseinrichtungen bei Gewalterfahrungen. Die Autor*innen sagten anlässlich der Veröffentlichung: “Die Gewalterfahrungen von Frauen mit Behinderungen sind häufig komplexer und vielschichtiger als bei nicht-behinderten Frauen, vor allem dann, wenn sie von anderen Menschen abhängig sind. Das erhöht einerseits das Gewaltrisiko und hält andererseits die betroffenen Frauen zusätzlich oft davon ab, Unterstützung zu suchen.”

Der klassische Zufluchtsort für Frauen, die Opfer von Gewalt werden, sind Frauenhäuser. Doch deutschlandweit sind gerade einmal 13 Frauenhäuser weitestgehend barrierefrei, also auf Frauen mit Gehbehinderung, Sehbehinderung und Hörbehinderung ausgestattet. Auf Frauenhauskoordinierung.de heißt es: “Die Aufnahme von Frauen mit Behinderungen ist in ca. 11% der Frauenhäuser grundsätzlich möglich. Vor dem Hintergrund, dass hierfür Umbaumaßnahmen finanziert sowie Personal freigestellt werden muss, ist diese Zahl durchaus positiv zu bewerten.”

Sprich: Fast 90 % der Frauenhäuser fallen als Zufluchtsort für viele Frauen mit Behinderung weg. Wenn man fehlende oder versperrte Fluchtmöglichkeiten als passiven Akt der Gewalt interpretiert, bekommt das Zitat einer Frau, die an der Befragung von gewaltinfo.at teilnahm, eine ganz andere Bedeutung: “Es gibt keinen Ort, an welchem nicht Gewalt an Frauen mit Behinderungen ausgeübt wird.”

Was das bedeutet, erfährt man ebenfalls aus der österreichischen Studie: “Alle in Österreich interviewten Frauen schilderten strukturelle und psychische Gewalt im Laufe ihres Lebens, wie Erfahrungen der Fremdbestimmung, Diskriminierung oder auch Geringschätzung, Drohungen, Unterdrückungen und Missachtung der Privatsphäre.” Alle. Nicht nur ein Prozentsatz. Das ist erschreckend.

Für 2019 sind die Ergebnisse einer neuen Studie zu erwarten. Es ist zu wünschen, dass bis dahin Besserung eintritt. Das jedoch wird nur gelingen, wenn Gewalt gegen Frauen mit Behinderung mehr Beachtung bekommt, wenn ein Bewusstsein entsteht, dass Frauen mit Behinderung die Aufmerksamkeit der Gesellschaft brauchen.

2 Gedanken zu „“Es gibt keinen Ort, an dem nicht Gewalt an Frauen mit Behinderungen ausgeübt wird.”

  1. Ich bin noch nicht diagnostiziert, bis auf „autistische Züge“ in der Kindheit, ADS kam dann noch dazu. Meine Tochter hat irgendwas, ADHS wurde revidiert nach genauerer Testung. Jetzt muss sie erst mal ihrenHormonspiegel in Ordnung bekommen, dann wird nochmal geguckt. Mein Ex behauptet, ich wäre psychisch krank, und das Jugendamt glaubt ihm, obwohl er wegen Impulskontrollstörung in Behandlung ist, mich und meine Tochter (nicht von ihm) monatelang geprügelt und gequält hat. Jetzt sind wir durch ganz Deutschland schon ins vierte Frauenhaus geflohen, wo wir hoffentlich endlich Frieden finden. Allein begleiteten Umgang zu bekommen, ist schon sehr schwierig, obwohl er den Kleinen schon mit voller Wucht aufs Bett geschmissen hat mit 6 Monaten. Ich habe kein Kontaktverbot bekommen, da ich zu kaputt war, es rechtzeitig zu beantragen. Verfahren sind immer mit ihm, und mit vielen Anfangs fremden Menschen auf engstem Raum.
    Sollte ich die Diagnose Asperger bekommen, wär dass für’s Verfahren gut, für das Jugendamt aber auch. Dann hab ich wahrscheinlich nie wieder meine Ruhe, die ich so dringend brauche.
    Ich komm irgendwie allein zurecht, mit vielen dringend notwendigen Routinen. Ich hab in der Pflege gearbeitet, dass war ein Fehler, und hat mich fertig gemacht. So bin ich auf Asperger als Idee gekommen – und es passt perfekt. Seit meiner Berufsunfähigkeit in meinem Beruf hab ich eine Umschulung gemacht. Produktdesign. Mir fehlen die Menschen, manche mag ich ganz gern. Nur zu viel Gewusel pack ich nicht.
    Zum eigentlichen Thema zurück: Er hat meine Abhängigkeit bewusst ausgenutzt. Nach der Kündigung meiner Umschulung hatte ich kein Einkommen mehr, meine Wohnung war zu teuer (München) und wurde nicht übernommen. Er hat eine Wohnung für mich und das Baby angemietet, extrem wenig Unterhalt gezahlt, und uns beide in totale Abhängigkeit gebracht. Meine Möbel standen in seiner Wohnung. Im dritten Stock ohne Aufzug, Kinderwagen im Keller, 15 kg schwer. Durfte ich lange gar nicht heben. Einkaufen: geht bei engen Geschäften mit vielen Leuten nicht. Das Dorf hat nur solche Geschäfte.
    Menschen kennenlernen: Ich weiß nicht, wie. Meine paar Freunde waren über 100 km weg in meiner Heimatstadt, und heute denke ich, dass 2 von den dreien auch Aspies sind. Der Dritte hat schwere Depressionen, manchmal auch manische Phasen. Sie wurden mir alle „vermittelt“, bei einem, weil wir „vom gleichen Planeten“ sind. Ja, ich glaub auch.
    Kurzum, ich war total isoliert mit meinem Baby in einem fremden Riesendorf direkt neben einer fremden Großstadt in dieser Wohnung wie eine Gefangene. Einzig die Telefonate mit meiner Tochter, engster Familie und Freunden, hielten mich „über Wasser“. Sie sorgten dafür, dass das „tiefe Loch“, in dem ich war, mich nicht endgültig zum Selbstmord trieb.
    Als der Kleine 6 Wochen alt war, flog ein Teller. Die Scherbe steckte tief im Fuß, nachdem er sich in letzter Sekunde dazu entschlossen hat, doch nicht auf meinen Bauch zu zielen.
    Heute habe ich ein kaputtes Knie, wache Nachts oft auf, schweißgebadet, träume von den 2x, als er mich umbringen wollte, und es auch fast gemacht hätte, mein großes Mädchen wohnt bei -ihrem -Vater, 600 km weit weg, hat schon über ein Jahr Therapie hinter sich, und der Kleine kennt nichts anderes als Frauenhaus, hat da Laufen, und sprechen gelernt.
    Und ich hab ihn als guten Mensch gesehen. Lange, lange lange. Jeder hat das Monster gesehen, dass er ist, nur ich nicht. Gesagt hat keiner was, erst, als es schon längst vorbei war…
    Ich dachte, Einkaufen schaff ich nie allein, und auch so, mit Kinderarztgängen bei fremden Ärzten – ich brauche manchmal lange, bis ich reden kann. Manchmal muss ich auch einfach gehen.
    Ich bin jetzt zum zweiten Mal in einem behinderten gerechten Frauenhaus. Da ist es laut, laut, laut. 1 Zimmer, mit meinem Baby, Küche, Dusche, Bad gemeinsam, die Hölle. Eine Betreuerin hier kennt sich gut aus, mit Autismus, hat schonmal damit gearbeitet. Dank ihr gibt es jetzt Mittagsruhe für den Kleinen, und damit auch 2 h Ruhe für mich. Tagsüber bin ich 2-4 Mal die Woche in einem großen, ruhigen Park, fast täglich…
    In einem kleinen, etwas ruhigen Park…
    In unbeliebten, leeren Geschäften…
    Buchläden…
    Büchereien…
    Etc. pp.
    Ich bin extrem Geräuschempfindlich, und mein Baby ist da ähnlich…
    Es ist kaum auszuhalten, ich habe öfters schon über Selbstmord nachgedacht, als darüber, wie es positiv weitergehen kann. Dank der verständnisvollen Frauen und Mitarbeiter hier im jetzigen Frauenhaus, und, dass ich am anderen Ende Deutschlands eine relative Sicherheit empfinde, geht es inzwischen aber um einiges besser. Ich habe meine Wohnung schon komplett eingerichtet geplant, wenn ich denn eine habe, und bin auf Wohnungssuche. Ruhig muss es sein, ganz still, und alles möglichst nahe, damit alles klappt, auch, wenn ich mal wieder „fix und fertig“ bin. Wobei dass, als ich noch meine eigene Wohnung hatte, und meine Routinen, sehr selten vorkam, nachdem ich nicht mehr arbeitete. Danach hole ich mein Abi zu Ende nach, und sehe, ob ich von zu Hause aus studieren kann, bzw. ob ich meine Präsenszeiten recht gering halten kann. Und dann endlich wieder IN RUHE leben!!!
    Rechtschreibfehler bitte ich zu entschuldigen. Mein Android-Tablet, dass leider das einzige Frauenhaus taugliche Device ist(kann gern gestohlen werden…), weiß es nicht besser….

    1. Danke für deinen ausführlichen Kommentar, Bine. Ich wünsche dir & deinem Kind für deine vielleicht anstehende Diagnostik und für deine Zukunftspläne alles erdenklich Gute.

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