Neurodiversität im Beruf – Teil 1: Claudia

Man geht davon aus, dass etwa 80% der arbeitsfähigen Autist*innen erwerbslos sind. Diese Zahl sorgt immer wieder für Erstaunen, steht sie doch im starken Kontrast zur oft guten Ausbildung dieser Menschen. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Eine mögliche Ursache ist das Bild, das die Gesellschaft von Autist*innen hat. Für viele sind sie die schrulligen, anpassungsunfähigen und sozial inkompetenten Nerds, die jeder Person ungefragt die Wahrheit ins Gesicht sagen und sich kaum ein “Guten Morgen” abringen können.

Doch wie geht es autistischen Menschen am Arbeitsplatz tatsächlich? Sprechen sie über ihre Diagnose oder verheimlichen sie sie? Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Wie gestalten sie ihren Tag? Mit welchen Schwierigkeiten sind sie konfrontiert?

Diese Fragen durfte ich mehreren Autist*innen stellen.

Claudia: “Durch meine Offenheit ergänzen wir uns gut.”

Mit Claudia kam ich auf Twitter ins Gespräch. Sie arbeitet in einem kreativen Beruf, wie es sich viele Autist*innen wünschen. Denn entgegen des gängigen Klischees des autistischen It-Nerds ist das Interesse an kreativen, künstlerischen Berufen bei Menschen im Spektrum ebenso hoch wie das an naturwissenschaftlichen, sozialen und technischen Berufen.

Claudia geht in ihrem Beruf offen mit ihrer Autismusdiagnose um und macht damit größtenteils positive Erfahrungen. Ich durfte ihr einige Fragen zu ihrem Berufsalltag stellen.  

Hallo Claudia, du bist Autistin und 41 Jahre alt. Wann wurdest du diagnostiziert und was war der Auslöser?

Ich wurde „inoffiziell“ 2006 diagnostiziert. Inoffiziell, weil sich die Diagnose aus einer Therapie ergeben hat und erst einmal nur von meinem Therapeuten gestellt wurde. Diese Diagnose wurde dann 2016 noch einmal an der MH Hannover in der dortigen Sprechstunde für erwachsene Autist*innen gestellt und damit bestätigt.

Der Auslöser war, dass ich kurz davor war auch mein zweites Studium abzubrechen. Ich war komplett, überlastet und habe mich fürchterlich gefühlt. Erster Gedanke war Depressionen – ich war dann auch in einer psychosomatischen Reha. Dort war aber relativ schnell klar, dass ich da nicht „reinpasse“. Also habe ich angefangen zu recherchieren … und so kam dann eins zum anderen.

Du arbeitest als Gestalterin für Print und Web und gestaltest Ausstellungen. Wissen deine Arbeitgeber*innen und Kund*innen von deinem Autismus? Warum hast du dich zu dieser Offenheit entschlossen und welche Reaktionen erhältst du?

Meine Arbeitgeber*innen und Kolleg*innen wissen davon. Ich habe eine chronische Krankheit, die mir zusätzlich sehr viel Energie raubt. Die Offenheit war notwendig, weil ich nicht wollte, dass es Auswirkungen auf Projekte gibt. So kann ich und können sie besser planen und wir können uns gut abstimmen. Jeder tut dann, was er gut kann und das ergänzt sich oft sehr gut.

Meine Kund*innen wissen zum Teil davon. Dort habe ich es bei Projekten, wo ich abschätzen konnte, dass eine intensive Zusammenarbeit notwendig ist, gleich zu Beginn erzählt. Das läuft in den meisten Fällen auch ganz prima.

Reaktionen sind erst einmal oft die üblichen – du wirkst gar nicht autistisch. Der Sohn vom Nachbarn der Cousine hat das auch. Der ist ganz anders. Dann versuche ich es zu erklären. Irgendwann bekommt man ein Gespür, wo es Sinn macht und wo nicht. Da muss ich dann irgendwie durch.

Hast du schon einmal berufliche Hilfsangebote in Anspruch genommen? Ein Job-Coaching oder eine andere Maßnahme?

Hilfsangebote habe ich nie in Anspruch genommen. Ich habe mich durch alles selbst durchgekämpft und immer gehofft, dass es schon irgendwie werden wird.

Hast du dir die professionellen Soft Skills, die uns Autist*innen oft so schwer fallen, selbst erarbeitet und kannst Ratschläge für das Erlernen geben?

Für mich selbst habe ich gemerkt, dass es wichtig ist, einen strukturierten Plan vom Tag zu haben. Und was mir hilft, wenn ich mir einen Tag für Termine freihalte. Wenn das nicht möglich ist, lege ich die Termine gern so früh wie möglich. Vor einem Termin brauche ich nicht anfangen zu arbeiten, weil ich nur damit beschäftigt bin, diesen in meinem Kopf immer wieder durchzugehen. Und ich nutze analoge Kalender – die kann ich an die Seite legen und sehe, wie der Tag läuft.

Wenn ich schon morgens merke, konzentriertes Arbeiten wird heute nichts, versuche ich organisatorische Sachen zu erledigen. Damit gebe ich mir selbst etwas Struktur zurück.

Du unterrichtest auch und betreust gestalterische Projekte mit Schüler*innen. Das bringt ein hohes Maß an Interaktion mit nichtautistischen Menschen mit sich. Fällt dir das schwer? Gibt es etwas, was dir hilft, diese für dich angenehm und kraftsparend zu gestalten?

Es gibt Tage, an denen ist es recht einfach, aber auch Tage, wo es mir sehr schwerfällt. Es sind immer kleinere Gruppen. Das macht es etwas entspannter.

Das Unterrichten an sich fällt mir nicht schwer. Was mir manchmal schwerfällt, ist es auf die Schüler direkt einzugehen, wenn sie ein wenig überdreht sind. Und es ist schwer, wenn Dinge, die man im Unterricht schon mehrmals erwähnt hat, trotzdem nicht abrufbar sind. Das stört den Aufbau meines Unterrichts schon etwas. Leichter wird es, wenn die Grundlagen sitzen und ich den Leistungsstand einschätzen kann. Dann kann ich die praktische Arbeit darauf ausrichten und dort macht mir die Interaktion dann oft auch richtig Spaß.

Angenehmer ist es für mich, wenn mich die Schüler als Projektpartner sehen. Dann entsteht weniger das Gefühl, sie müssten, nur weil ich das so will. Sie haben dann mehr eigene Ideen, helfen sich gegenseitig und ich kann mich ein bisschen zurücknehmen.

Wie entspannst du dich nach einem harten Arbeitstag oder einem längeren Projekt? Helfen dir Urlaube oder sind sie eher ein Stressfakor?

Mehr Urlaub ist für mich persönlich ein schwieriges Thema – Urlaub ist auch immer ziemlich anstrengend. Manchmal ist es sogar so, dass ich froh bin, wenn alles ohne Urlaub in geregelten Bahnen läuft. Aber es müsste möglich sein, dass in Projekten Puffer eingebaut sind. Oder eben bei Arbeitsverhältnissen, die nicht projektbezogen sind, auch ohne großen Aufwand ein Tag frei genommen werden kann. Und vor allem ohne das Kolleg*innen die Nase rümpfen und denken, ach die schon wieder …

Tauscht du dich mit anderen Autist*innen aus? Zum Beispiel über Probleme, Sorgen und autismusspezifische Themen?

Ich würde mich gern mit Autist*innen austauschen. Leider kenne ich persönlich in meinem Umfeld niemanden, der eine Diagnose hat. Der Austausch fehlt mir, wenn ich nicht weiß, ob ich überreagiere oder falsch. Mir fehlt da selbst manchmal die richtige Einordnung meiner Reaktion(en). Über Social Media tausche ich mich kaum aus. Ich traue mich nicht, andere anzuschreiben, wenn es nicht ein festes Ziel – so wie bei dir jetzt – gibt.

Hast du Ideen, welche vom Arbeitgeber, Jobcenter oder Inklusionshilfe integrierten Maßnahmen in einem Berufsalltag wie deinem helfen könnte? Das können z.B. Kurse sein, Mehrurlaub , Unterstützung des Jobcenters/AMS oder personelle Hilfen.

Für den Berufsalltag wäre es generell sinnvoll, wenn Arbeitgeber Schulungen besuchen würden, die zur Inklusion beitragen – egal, ob es sich dabei um Autismus oder andere Behinderungen handelt. Die Ergebnisse der Schulungen müssten dann auf die Bedürfnisse angepasst, auch den Kolleg*innen weitergegeben werden. Ganz konkret hilft es mir, und da habe ich wirklich unglaubliches Glück, dass ich im Büro ein eigenes Zimmer habe, was ich mir nur selten mit Praktikant*innen teilen muss. Ich habe in meinem Zimmer auch kein Telefon. Ich muss auch nur Anrufe entgegennehmen, wenn mal wirklich keine meiner Kolleginnen da ist. Ich kann sagen, ich arbeite heute daheim, da ist die Konzentration höher usw. Das ist bei mir im Büro selbstverständlich. Das würde ich mir auch für andere wünschen. Und trotzdem habe ich Phasen, in denen ich alles hinwerfen möchte.

Wichtig fände ich, wenn Arbeitnehmer*innen auch persönlich befragt werden würden, was Ihnen helfen könnte, um den Job gut machen zu können. Oftmals funktioniert das dann auch nur nach Handbuch und ohne persönliches Gespräch. Das habe ich schon auf Vorstellungsgesprächen erlebt.

Mit dem Jobcenter habe ich persönlich gar keine Erfahrungen. Durch Berichte von anderen weiß ich aber, dass die Mitarbeiter*innen oft nicht einmal auf die nicht auf Inklusionshilfen angewiesen Suchenden richtig eingehen können. Dort ist noch eine Menge Arbeit nötig, ohne das ich sagen kann, wo konkret.

2 Gedanken zu „Neurodiversität im Beruf – Teil 1: Claudia

  1. Besten Dank an Claudia und Marlies für dieses Interview. Für Menschen aus dem Neurotypischen Spektrum sind solche Hinweise sehr hilfreich. Ich unterstütze seit zwei Jahren Asperger Studenten und versuche an der Institution, an der ich unterrichtet habe, die unsichtbaren Barrieren sichtbar zu machen. Das sich entwickelnde regionale Netzwerk steht mit auticon.de, diversicon.de und Projekt.Router.de im Kontakt und ist dabei eine regionale Initiative zu organisieren.

  2. Danke Claudia und Marlies, für die Eindrücke.
    Bin selbst Autist im Beruf und heute wegen Überlastung krankgeschrieben :-/
    Es ist ein stetiges Lernen, Arbeiten um Verständnis, Zurücknehmen und wieder Hineingehen.
    Gruß
    Ole

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