Der Corona-Virus und COVID-19: Tipps und Tricks, um als Autist*in durch die Krise zu kommen

Innerhalb weniger Tage hat sich unser Leben in Österreich stark verändert. Die Neuigkeiten und Informationen scheinen sich geradezu zu überschlagen. Ab morgen wird es staatlich verordnete Verhaltensregeln geben, die umfassend in unser Alltagsleben eingreifen.
Vermutlich wird es in Deutschland bald ähnliche Maßnahmen geben, um die Covid19-Infektionskurve abzuflachen. Ich beziehe mich in diesem Text aber vorerst nur auf Österreich.

Sehr viele Menschen haben nun Ängste und Sorgen und tun sich mit dem, was um uns herum geschieht, sehr schwer. Auch wenn darüber gewitzelt wird – für Autist*innen kann die aktuelle Situation aus vielerlei Gründen besonders belastend, schwierig und überfordernd sein. All diese Veränderungen machen Angst und kosten Kraft. Viele Informationen und Anweisungen sind zudem recht vage und werfen noch mehr Fragen auf:
Darf man sich beim Spazierengehen mit einer anderen Person treffen, mit der man nicht zusammenlebt? Darf man joggen gehen? Und auf die Hundewiese? Wenn ich Hilfe brauche, darf dann jemand zu mir kommen? Ab wann gilt Hilfsbedürftigkeit als relevant? Welche Termine darf ich wahrnehmen und welche nicht?
Und wem stelle ich all diese Fragen?

Die normale Alltagsstruktur, die für viele autistische Personen so wichtig ist, fällt weg und wird von staatlicher Seite fremdbestimmt. Das ist eine neue Situation, auf die man nicht vorbereitet ist und die verständlicherweise große Unsicherheiten verursacht. 

Was kann man nun tun, um sich wieder Halt im Alltag zu verschaffen?

Struktur schaffen
Wenn du von zu Hause arbeiten kannst oder zu deiner Arbeit gehen darfst, ist ein Teil deines Tages bereits strukturiert. Bleibst du im Homeoffice, hilft es dir vielleicht, wenn du zur gewohnten Zeit aufstehst und dich fertig machst, als würdest du zur Arbeit gehen. Setze dich zur gewohnten Zeit an deinen Schreibtisch, um wie immer mit der Arbeit zu beginnen.

Wenn du freigestellt bist, im Krankenstand, im Urlaub oder nicht arbeitest, fällt das natürlich weg. Versuche trotzdem, deine Tage möglichst stark zu planen.
Schreibe dir Listen, plane Aktivitäten, die du über den Tag verteilt machen möchtest. Listen helfen bei all dem enorm, sie sind ein simples, aber effektives Hilfsmittel. Wann stehst du auf und frühstückst du? Plane es, zu lesen, Filme oder Serien zu schauen. Nimm dir Zeit, um Briefe oder Mails zu schreiben.
Plane auch Spaziergänge ein. Alleine oder mit den Menschen, mit denen du zusammenwohnst, sind sie weiterhin erlaubt. Für mich ist es zum Beispiel sehr schwierig, einfach nur drauf los zu spazieren. Es hilft aber, wenn man sich vorher auf Google Maps eine Route heraussucht und diese “abläuft”.
Plane auch, was du kochen möchtest- Recherchiere vielleicht tolle Rezepte, die du schon immer mal ausprobieren wolltest oder koche dieses Gericht, das du als Kind besonders geliebt hast. Gib deinem Tag einen sprichwörtlichen Rahmen, an dem du dich festhalten kannst.

Wenn es dir sehr schwer fällt, selbst Struktur zu schaffen, frage, ob dir jemand dabei helfen kann.


Sozialkontakte
Autist*innen sind so gesellig oder ungesellig wie alle anderen Menschen auch. Die typisch autistischen Schwierigkeiten im Sozialkontakt machen es uns nur deutlich schwerer, diesen sozialen Bedürfnissen nachzukommen. Nun ist es vorerst nicht mehr möglich, Treffen wahrzunehmen, gemeinsam etwas zu unternehmen, Sport zu machen. Das kann die Angst vor Einsamkeit wecken.
Verabrede dich mit Freund*innen und Familienmitgliedern zu Videocalls oder, wenn du das kannst, am Telefon. Ihr könnt digital gemeinsam essen oder einen Kaffee trinken, einen Film schauen und im Chat darüber sprechen. Mit Apps wie Netflix Party geht das gemeinsame Schauen mit Freund*innen ganz einfach. Es gibt Online-Spiele, die ihr zusammen spielen könnt, oder ihr lest euch gegenseitig etwas vor. Man kann vieles, was man bisher gewohnt war, digital improvisieren.

Nachrichten
Die ständige Flut an Nachrichten und Pressekonferenzen kann sehr belastend sein. Wenn dich das überfordert kann es dir gut tun, auch hier Strukturen zu schaffen. Auch das Unterscheiden von Fake News und hetzerischen Halbwahrheiten von seriösen Informationen ist nicht immer leicht.
Setze dir Beschränkungen. Vielleicht willst du nur ein mal am Tag auf einer Nachrichtenseite nachsehen, was passiert ist. Oder du beschränkst dich auf die ZIB oder Tagesschau. Plane deinen Nachrichtenkonsum so, wie es dir gut tut und dich nicht überwältigt.

Einkaufen
Ich kenne viele Autist*innen, die es hassen, einzukaufen. Ich selbst mag den Lebensmitteleinkauf auch nicht gern. Es ist auch während der aktuellen Beschränkungen möglich, die Lebensmittel, die du benötigst, online zu bestellen und dir liefern zu lassen. Die Lieferanten stellen sie dir dann vor die Wohnungstür, damit ihr keinen Kontakt haben müsst.
Du musst nicht in den Supermarkt gehen, wenn dir das zu unsicher ist oder es dich überfordert. Einzelne Restaurants werden auch weiterhin über Mjam und Lieferheld ausliefern. Wenn du mal nicht kochen willst, kannst du auch dort Essen bestellen. Die Lieferung erfolgt genauso kontaktlos.

Fragen stellen
Viele Autist*innen beruhigt es, möglichst viele Informationen zu einer Situation zu haben. Diese spezielle Situation, in der wir uns nun befinden, ist jedoch für uns alle neu. In vielen Bereichen wissen wir noch nicht, was passieren wird.

Auf der Seite der österreichischen Regierung befindet sich eine Übersicht über wichtige Informationen und Telefonnummern zum Thema Covid-Pandemie: https://www.oesterreich.gv.at/

Auch auf folgenden Websites findest du viele nützliche Informationen dazu:

Sehr wichtig: Das Portal BIZEPS hat wichtige Informationen für in Wien lebende Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige gesammelt: Link

Self Care
Das ist ein sehr abgegriffener Begriff, ich weiß. Aber in schwierigen Zeiten ist es besonders wichtig, auf sich und die eigene seelische Gesundheit zu schauen. Viele Therapeut*innen bieten derzeit an, ihre Patient*innen in (sicheren, geschützten) Videochats weiter zu betreuen. Vielleicht auch deine*r?

Plane aktiv Dinge, die dir gut tun. Das kann der Lieblingsfilm oder die Lieblingsserie sein, ein Mittagsschlaf, oder ein besonderes Essen, das du dir kochst. Hilft dir eine Gewichtsdecke? Vielleicht möchtest du baden, dir endlich mal wieder die Nägel lackieren oder dieses eine Videospiel zu Ende spielen? Ich werde definitiv sehr viel Zeit mit Zelda auf der SNES verbringen. 

Es ist normal, beunruhigt zu sein und Angst zu haben. Es ist verständlich, von der aktuellen Situation überfordert zu sein. Jede Art Veränderung strengt an.
Vielleicht hilft es dir auch, eine Art Ventil zu haben, wenn das innere Chaos zu groß wird. Dann kann das Spezialinteresse und das Stimming sehr hilfreich sein. Tauche ganz bewusst darin ab.

Sollte es dir oder Menschen die du kennst psychisch akut sehr schlecht gehen, findest du hier viele Anlaufstellen, die du auch barrierefrei per Mail oder Chat kontaktieren kannst: Link

Hygiene
Die Hygieneregeln, um Covid19 an der Verbreitung zu hindern, sind simpel: 

  • Häufiges, gründliches Händewaschen
  • Vermeidung von physischem Kontakt
  • Einschränkung der Sozialkontakte
  • Auch das regelmäßige Desinzifieren des Handys ist sinnvoll 

Die Formulierung „häufiges Händewaschen“ ist recht ungenau. Sinnvoll ist es, sich die Hände zusätzlich zu den bisherigen Anlässen 20 Sekunden lang gründlich mit Seife zu waschen, nachdem man:

  • draussen war
  • andere Menschen berührt hat
  • Bestellungen, Pakete und Post entgegengenommen hat
  • Einkäufe ausgeräumt hat
  • Bargeld berührt hat (wenn möglich, alles digital oder kontaktlos zahlen)
  • vor und nach dem Kochen und vor und nach dem Essen

Auf Wash Your Lyrics kann man sich eine Anleitung nach dem eigenen Lieblingssong generieren. Denk daran, dir die Hände einzucremen, damit sie nicht rot und rissig werden.

Für auffälligere Autist*innen und autistische Kinder kann das aber problematisch sein. Desinfektionsmittel riechen sehr intensiv und fühlen sich merkwürdig und fremd auf der Haut an. Das häufige Händewaschen kann unter Umständen nicht in die gewohnte Routine passen und vielleicht werden auch Seifen als unangenehm empfunden.

Vielleicht ist es eine Lösung, gemeinsam Seifen herzustellen mit Duftvarianten, die als angenehm empfunden werden oder ganz ohne Duft? Vielleicht gibt es bereits eine Lieblingsseife und es muss nur ein neuer Waschrhythmus gefunden werden? Die Eltern von kleinen Autist*innen sind häufig schon geübt darin, Alternativen und Workarounds zu finden und ich fände es toll, wenn ihr sie hier teilt. 


Ich freue mich, wenn ihr mir erzählt, wie ihr euch durch diese Krisenzeit helft, welche Tipps und Tricks ihr habt, damit es euch gut geht. Ich werde auf Twitter berichten, wie es mir mit der Situation geht und wie ich mit all dem, was auf uns zukommt, zurechtkomme.

4 Gedanken zu „Der Corona-Virus und COVID-19: Tipps und Tricks, um als Autist*in durch die Krise zu kommen

  1. Nachrichten zu reduzieren habe ich mir auch vorgenommen. Das Schwierigste sind die einbrechenden Sozialkontakte. Außerdem: Was wird aus gewissen Terminen? Finden die statt? Inwiefern lassen die sich durch E-Mail, Telefon, Brief, Videochat ersetzen? Da muss ich fragen. Mein Spezialinteresse muss sich auf Online-Aktivitäten beschränken, da Offline-Aktivitäten behördlich verordnet flach fallen (öffentliche Veranstaltung, du weißt schon). Eine geplante Reise muss ich – Stand jetzt – absagen. Es sei denn, bis Pfingsten geschieht noch ein Wunder.

    Ich werde die nächsten paar Wochen brauchen, mich auf die Situation einzustellen. Je länger es anhält, umso besser komme ich damit zurecht. Allerdings auch: Je länger es anhält, umso schwieriger wird es, wieder in den normalen Alltag zu kommen. Es wird ganz auf die Dauer ankommen, ob die Virus-Geschichte unterm Strich eher Fluch oder Segen ist. Bis einschließlich Juli hat die Sache auch Vorzüge: Wenn alle Veranstaltungen ausfallen, muss ich mir darum keine Gedanken machen. Keine oder wenige Termine, die Energie abziehen, die ich für den Haushalt bräuchte. Komme ich da also mal zu Potte. Außerdem hatte ich noch im Januar Angst, aus den bestehenden Abläufen nicht so einfach herauszukommen. Das hat sich damit von selbst erledigt. Ab Herbst ist mir dann der große Ausfall nicht mehr so recht. Keine Ahnung, was ich dann mache, sollte das öffentliche Leben bis dahin immer noch weitgehend brach liegen.

  2. Ich brauche auch ein wenig Zeit, um mich auf die neue Situation einzustellen und Informationen dazu sammeln zu können.

    Mir haben hierbei die folgenden Seiten dazu sehr geholfen:

    https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV.html

    Das ist die Seite des deutschen Robert-Koch-Instituts, das sich bei uns um solche „Epidemien“ kümmert. Auf dieser Seite findet man eigentlich alle Infos dazu, z.B. Handlungsempfehlungen, Risikogebiete, allg. Infos zum Virus selbst, etc.

    https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus.html

    Hier findet man alle weiteren Infos (FAQ), u.a. in leichter Sprache und von Gebärdensprachlern aufgearbeitet.

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