Autismus erleben – ein Spaß für die ganze Familie?

An diesem Wochenende fand in Augsburg der „Schwabentag“ statt, eine Veranstaltung, bei der Organisationen Gelegenheit hatten, über Behinderung zu informieren. Bereits im März sprach ich im Interview mit dem Stern über die für diesen Tag angekündigte Autismus-Erlebnis-Kabine des Caritasverbands für die Diözese Augsburg. Ich fand dieses Konzept bereits im Vorfeld bedenklich und äußerte mich entsprechend. Die daraufhin aufgenommene Kommunikation mit dem Caritasverband blieb ergebnislos: Ihrer Ankündigung, mit uns zusammenzuarbeiten, folgten keine Taten.

Mein gefüllter Terminkalender ließ einen Besuch beim Schwabentag leider nicht zu und so war es mir nicht möglich, Autismus so zu erleben, wie die Caritas Augsburg ihn versteht. Bedauerlich, wie ich finde, denn es bereitet NichtautistInnen ja immer eine herausragende Freude, AutistInnen wie NichtautistInnen den Autismus zu erklären. Nach dem Lesen einiger Erfahrungsberichte über besagte Autismus-Erlebnis-Kabine bin ich aber auch nicht traurig darüber, denn das, was man dort vermitteln wollte, hat so gar nichts mit der Lebensrealität aller mir bekannten AutistInnen, mich eingeschlossen, zu tun.

Autismus zum Anprobieren

Die Kabine erinnere an eine Umkleidekabine aus Kaufhäusern, las ich. Mittels einer Milchglasscheibe sollte demonstriert werden, wie schwer es für AutistInnen sei, anhand eines Gesichtes auf die Stimmung des Menschen zu schließen. Eine mit Störgeräuschen unterlegte Sprachaufnahme diente wohl der Veranschaulichung der Geräuschempfindlichkeit und die von innen sehr kratzigen Handschuhe scheinen die Überempfindlichkeit auf haptische Reize zeigen zu wollen.

Ich bitte um Nachricht, wenn ich mich irre, aber mit Autismus will das alles nicht sehr viel zu tun zu haben. Weder sehe ich verschwommen, noch höre ich permanent Störgeräusche. Eine andere Wahrnehmung, ein anderes Zusammenspiel der Sinne, ist – so sehr man es auch will – kaum zu vermitteln. Und damit ist es ja auch nicht getan. Autismus beschränkt sich nicht auf von der Masse abweichende Reizverarbeitung, die sich übrigens bereits von AutistIn zu AutistIn stark unterscheiden kann. Habe ich selbst massive Probleme mit Licht und Gerüchen, sind es bei anderen eher ein sehr empfindlicher Tastsinn oder sehr sensible Geschmacksknospen. Doch auch zwei geräuschempfindliche AutistInnen reagieren nicht zwingend auf jede Situation gleich, verarbeiten nicht jeden Reiz auf die selbe Art und Weise. Autismus ist mehr, ist ein Sein, ein Teil der Persönlichkeit. Autismus ist nichts ohne den Menschen, zu dem er gehört.

Und die Alternative?

Es ist lobenswert, dass die Caritas bestrebt ist, Wissen über Autismus zu vermitteln und darauf aufmerksam zu machen. Gleichzeitig ist es bedauerlich, dass man AutistInnen nicht in die Planung miteinbezogen hat. Ich verstehe das Bedürfnis, etwas Ungewöhnliches, Fremdes nachfühlen zu wollen. Doch bei einem derart komplexen Spektrum kann man nicht mit solch simplen Ansätzen arbeiten. Eine Autismus-Erlebnis-Kabine ersetzt nicht die Innensicht eines autistischen Menschen, sie kommt dem nicht einmal im Ansatz nahe. Ich kann mich auch nicht in die Lebenssituation eines sehbehinderten Menschen hineindenken, wenn ich mir ein paar Minuten lang die Augen zuhalte. Das, was die Caritas mit dieser Autismus-Erlebnis-Kabine aber vor allem macht, ist Exklusion. Sie entscheiden über die Köpfe von AutistInnen hinweg, dass sie selbst diese Aufklärungsarbeit nicht leisten können und ersetzen sie durch ein kurioses Sperrholzhäuschen. Simulationen von Behinderungen bringen aber, so zeigen es Experimente, weder Verständnis, noch Aufklärung. Sie wecken in erster Linie Erleichterung, selbst nicht von einer Behinderung betroffen zu sein und sorgen für Mitleid gegenüber Menschen mit Behinderung.
Ja, Inklusion und Gleichberechtigung ist mit viel Mühen verbunden. Man riskiert, dabei Fehler zu machen und immer wieder an Hindernisse zu stoßen – für Menschen mit Behinderung ist beides aber alltäglich.
Egal, wie man es dreht und wendet: Nichts führt an dem Weg vorbei, AutistInnen zuzuhören, ihre Geschichten zu lesen, ihre Worte ernst zu nehmen. Wir schreiben Bücher, wir verfassen Blogs, wir halten Vorträge. Wir sind da. Man muss uns nur zuhören.


Meine persönliche Sicht auf den Autismus vermittle ich im Buch Verstörungstheorien – Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne.

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