Kühlschränke, Stühle, Bleiche – die wilde Welt der Autismusauslöser und deren Therapien.

Seit ich von meinem Autismus weiß, weiß ich auch von der Quacksalberei, die um diese neurologische Variation existiert und mit jeder Woche scheinen neue wilde Theorien das Licht der Welt zu erblicken. Mittlerweile muss ich nicht einmal recherchieren, nein, man trägt sie ganz bequem direkt an mich heran.
Oft weiß ich beim Lesen nicht, ob ich lachen, weinen oder in tiefe Apathie verfallen soll, so grenzenlos schockierend sind manche Ansätze:
Sei es die autismusauslösende Impftheorie, eine Unverträglichkeit auf Zucker oder Gluten, Elektrosmog oder der Fakt, dass man meiner Kühlschrankmutter abspricht, mich je geliebt zu haben – die vermeintlichen Ursachen sind so vielfältig wie die Lösungsansätze, die sie mit sich bringen. 
Neulich teilte man mir mit, dass die Kaiserschnittgeburt ein Autismusauslöser sein kann, da eine Kontamination mit den Darmbakterien der Mutter auf diesem Wege nicht stattfinden konnte und es wisse schließlich jeder, dass diese Bakterien maßgeblich zur Hirnentwicklung beitragen. Es ist also die Schuld meiner Mutter, dass ich keine Fäkalien im Kopf habe? 
Aber sie hat mich wohl ohnehin nie wirklich geliebt, denn wie ich las, ist es Eltern überhaupt nicht möglich, ihr autistisches Kind zu lieben, sondern es scheint eine grausame Laune Gottes zu sein, mit der sie da in Kindesgestalt gestraft werden.
Aber keine Sorge, geschäftstüchtige Menschen haben allerlei Wässerchen, Tinkturen, Globuli und Therapien für die mittlerweile sehr verzweifelten Eltern zur Hand, die natürlich kostspielig sind – wir wissen ja, nur was teuer ist, kann Wirkung haben – aber sehr gute Heilungschancen versprechen. Oft auf Kosten der psychischen und/oder physischen Gesundheit des kleinen Autisten. 
Heilung von einer neurologischen Gegebenheit, die nach derzeitigem medizinischen Stand genetische Ursachen hat. 
Ja, es ist schwer, etwas zu erklären, das in solch großer Vielfalt auftritt und doch nicht einfach zu sehen ist. Aber man muss wahrlich kein Wissenschaftler sein, um da stutzig zu werden. 
Angst aufgrund abenteuerlicher Fehlinformationen öffnet die Geldbörsen der Eltern aber so hervorragend, man versteht beinahe, warum Leute auf derart abstruse Ideen wie Stuhlverpflanzung (fragen Sie mich bitte nicht, was Stuhlverpflanzungen sind, die Antwort wäre so lustig, wie sie abstoßend ist und mit Möbelstücken hat das alles so gar nichts zu tun), strenger Diät, Verhaltenskonditionierung und in Kapseln verabreichte Bleichmittel kommen.

Bei all dem fällt jedoch auf, dass nie gefragt wird, was der autistische Mensch möchte, was ihm gut tut, was er braucht, um mit all seinen Fähigkeiten und Einschränkungen am Leben teilzunehmen. Es wird nicht deutlich, dass er mehr ist als die Summe seiner Unfähigkeiten, mehr als nur Belastung. Dass er Wert hat.
Man überlegt nicht, wie man unter Rücksichtnahme der Persönlichkeit Unterstützung bieten könnte, sondern denkt nur daran, wie man den Autisten so „zurechttherapieren“ kann, dass er möglichst normal wirkt. Bei all dem fühle ich, ein autistischer Mensch, mich nicht als Mensch, ich fühle mich nicht respektiert, sondern wie ein Störfaktor. Falsch und schlecht. Man würdigt mich herab und verletzt mich.
Ich maße mir an dieser Stelle nicht an, Therapien grundsätzlich in Frage zu stellen oder Eltern Erziehungsratschläge zu geben, nichts liegt mir ferner. Doch ich wünsche mir, dass bei allen Maßnahmen, die man in Erwägung zieht, das Wohl des Autisten im Vordergrund steht, der letztendlich nicht mehr ist als einfach nur ein Mensch.

Ich selbst habe eine sehr schwierige Kindheit und Jugendzeit voller Bemühungen, Traurigkeit Ausgrenzung und sozialer Isolation erlebt und bin sehr froh, dass mein Autismus zu der Zeit noch nicht entdeckt wurde und man nicht versuchte, mit der Fürsorglichkeit meiner Eltern Geschäfte zu machen, um mich in ein funktionierendes, scheinbar der Norm entsprechendes Mitglied der Gesellschaft zu verwandeln. Stattdessen versuchte meine Mutter auf sanfte, aber nachdrückliche Art, mir das beizubringen, was mir schwer fiel. 
Sie erklärte mir zum Beispiel die Notwendigkeit, anderen Personen die Hand zu geben, ihnen so lange es geht in die Augen zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Ich hasse es bis heute, verstehe aber, warum es Neurotypischen so wichtig ist. Sie sorgte dafür, dass ich nur ein kleines Maß sozialer Interaktion am Tag absolvieren musste und mich danach allein zurückziehen konnte. 
Manchmal schoss  sie auch über das Ziel hinaus, mein gesteigertes Bedürfnis nach Reinlichkeit und Ordnung entspricht sicher nicht dem der breiten Masse, aber ich meine, es gibt wirklich Schlimmeres als eine saubere, ordentliche Wohnung.
Obwohl unsere Familiensituation mit zu Höchstzeiten sechs Kindern nie einfach war, es immer Probleme gab und sicher vieles schief ging, bekam ich eins doch immer: Zuneigung und Verständnis. Mutter nahm mich ernst, sah mich als intelligentes Kind, das in manchen Bereichen einfach Unterstützung benötigte und vieles nicht intuitiv verstand, sondern Erklärungen für Dinge verlangte, die für andere selbstverständlich waren, sei es in Bereichen der Kommunikation oder des menschlichen Verhaltens. Und damit hat sie mir genau das gegeben, was ich als autistisches Kind dringend brauchte.

6 Gedanken zu „Kühlschränke, Stühle, Bleiche – die wilde Welt der Autismusauslöser und deren Therapien.

  1. Ich habe ja schon vieles gelesen………….. aber das mit dem Kaiserschnitt ist mir echt neu.

    Und kann definitiv NICHT der Wahrheit entsprechen.

    Ich habe VIER autistische Kinder.
    Ich habe alle VIER Kinder spontan entbunden.

    Was ich weiß, ist, dass die Kinder die größten Schwierigkeiten haben, wo ich ärztlicher Hilfe bedarf. Bei dem einen hatte ich frühzeitige Wehen und Blutungen und brauchte Wehenhemmer (gegen andere Medikamente wie zB Cortison habe ich mich heftig und erfolgreich gewehrt) und beim letzten hatte ich mir das Bein gebrochen und benötigte dringend eine Narkose.

    Diese beiden Kinder sind „extremer“ als die Kinder, wo ich die ärztliche Hilfe nicht benötigte.

    Und eins noch, die meisten Eltern versuchen ihre Kinder so ANZUNEHMEN wie sie sind. Und die meisten Eltern lieben ihre Kinder und tun genau das, was Deine Mutter tat!

    Und so lange sie nicht von „Fach“Leuten gesagt bekommen, dass dies falsch ist, funktioniert vieles besser.

    https://adhsspektrum.wordpress.com/2012/02/14/adhs-und-exekutivfunktionen-teil-1/

    hier und

    https://adhsspektrum.wordpress.com/2014/12/04/selbstuberwachung-teil-1b-und-sponsoring/#comment-4679

    hier habe ich beschrieben, wie ich versuche meinen Kindern gerecht zu werden.

    Der Schlüsselsatz hierbei ist

    Zitat Anita: „Mal davon abgesehen, dass den Eltern sehr plausibel erklärt wird, dass ihr Verhalten (so wie ich es beschrieben habe) vollkommen falsch ist. Auch Therapeuten haben mir schon gesagt, dass meine Handlungsstrategie und die von mir gewünschte Unterstützung in diesen Punkten der falsche Ansatz sei, bzw. dass ich ein falsches Verständnis von Therapie hätte.“

    und das habe ich mir nicht alleine so anhören müssen.

    Man braucht schon ein verdammt „dickes Fell“ (RW) um hier nicht „umzufallen“.

    Bei „Stuhlverpflanzung“ wird mir übrigens übel. Das ist mindestens so mies, wie die Bleiche. Welcher hirnverbrannte I…. kommt eigentlich auf solchen einen UNSINN???

    1. Fäkaltranspantationen sind ein fester Bestandteil der evidenzbasierten Medizin und werden bereits erfolgreich bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen therapeutisch eingesetzt. Das mag man eklig finden, Unsinn ist es aber nicht, die Betroffenen profitieren davon.

      Unsinn ist es lediglich im Hinblick auf Autismus. Es ist mir allerdings nicht bekannt, dass das tatsächlich ein Einsatzfeld dieser Methode wäre.

  2. Die Idee, eine genetisch verursachte Andersartigkeit durch Therapien eingrenzen zu wollen ist ja auch „ein interessanter Ansatz“. Mein Astigmatismus wäre da gern ein Testkandidat, vielleicht könnte ihn ja auch wer wegbeten?

    Ich bin neulich gefragt worden, ob ich AutistaSkates auch als therapeutisches Mittel sehen – und ich gebe es zu: mir wäre es recht, wenn jemand daraus eine mit Krankenkassen abrechenbare Therapie zurechtschneidern würde. Aber Fakt ist, dass wir hier nur pädagogische Maßnahmen und vielleicht ein bisschen Sport mixen. Unsere Kids haben Spaß, ihre Eltern haben einen relativ ruhigen Nachmittag, und ein klein wenig soziale Interaktion wird auch trainiert.

    @Robotinabox: ich bin froh, dass du so eine vielseitige Kindheit erleben konntest – stell dir die diagnostizierte Alternative in Helikopterelternzeiten vor… gruselig.

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