„Schüchtern. Kreativ. Autist.“

Mehr sagt mein Tinder-Profil – aus dem Bekanntenkreis bekam ich den Rat, die Partnersuche auf diesem Wege zu versuchen – nicht über mich und doch ist das alles, was man wissen sollte, will man mich kennen lernen.
Es mag mutig erscheinen, das Thema Autismus bei der Partnersuche gleich von Anfang an zur Sprache zu bringen, doch wann anders wäre es denn angebracht? Eines Morgens am Frühstückstisch vielleicht, wenn man dem anderen die Butter reicht und sagt: „Liebling, möchtest Du noch Kaffe? Ich bin übrigens Autist.“ oder „Also auf die Party von Deinen Freunden würde ich lieber verzichten, weißt Du, Autisten sind da eher zurückhaltend. Ach. Habe ich Dir das noch nicht erzählt?“
Mit dieser frühzeitigen Information filtert man im Idealfall gleich die aus, die sich nicht damit auseinandersetzen möchten oder kein Verständnis aufbringen wollen. Weiterlesen

How to love an autistic

(Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit @misharrrgh.)

Du hast also erfolgreich einen autistischen Menschen gedatet, alle Level gemeistert und stehst jetzt vor dem Endgegner Liebe? Klar, Beziehungstipps bietet Dir jedes Onlinemagazin und alle wollen es besser wissen. Mit einem Autisten solltest Du aber all das, was Du über die Liebe weißt, noch einmal überdenken. Glaube nicht, Du wüsstest, wie der Beziehungsalltag mit Autisten läuft. Auch wir beide haben die Weisheit nicht gepachtet, uns aber bemüht, ein möglichst aufschlussreiches How To zusammenzustellen. So schaffst Du es vielleicht auch zu Deinem “happily ever autistic after”.

 

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How to date an autistic

Geht man davon aus, dass nach derzeitigem Kenntnisstand etwa 1% der Menschen AutistInnen sind, ist es statistisch gesehen recht wahrscheinlich, früher oder später einen von ihnen zu daten. Egal, ob wissentlich oder nicht. Erfahrungsgemäß kommt es dabei zu von der Norm abweichenden Situationen, nicht nur für schnell überforderte neurotypische DatepartnerInnen. Um diese möglichst zu minimieren, kann man sich an ein paar Regeln halten. Regeln, magst Du jetzt sagen, Regeln sind doch so 1950, vor allem beim Dating. Aber AutistInnen lieben Regeln. Also halt Dich dran, oder gehe mit jemandem aus, dessen neurologische Gegebenheiten so durchschnittlich sind wie die Anzüge von Markus Lanz.
Und komm uns bloß nicht mit superoriginellen Autistenwitzen, um das Eis zu brechen und Deine Unsicherheit zu überspielen. Wir kennen sie alle und Du erreichst damit maximal eine Platzierung in unseren Vollidioten-Charts, aber nicht unser Herz. Weiterlesen

Liebesgeschichte (10)

Als Du mich fragtest, wie ich mir die Liebe vorstelle, sagte ich, meine Liebe sei leise. Leise, aber stärker als alles, was sich der schwache Mensch nur vorstellen kann. Sie will keine Bühne, meine Liebe. Sie will nicht gefeiert werden. Sie will nur Raum.
Ein Wir, sagte ich, mehr braucht diese Liebe nicht, um zu wachsen. Stell Dir vor, wir wären ein Superhelden-Team. Unsichtbar vielleicht, ja, aber auch unbesiegbar, so lange wir nur beieinander blieben. Gemeinsam bestünden wir mühelos gegen den Rest der Welt. Da war ich mir sicher.

Und als ich sie dann erahnen konnte, diese leise, starke Liebe, als ich spürte, wie groß sie bereits in ihren Anfängen war, da musste ich gehen. Es war mir nicht möglich, es zu erklären, doch ich konnte mir nicht ausmalen, dass jemandem, der so fehlerhaft und wertlos ist wie ich, etwas derart Schönes widerfahren darf. Das schien mir falsch zu sein, das war gegen jede Vernunft. Liebe, die verdienen die guten, die klugen und schönen Menschen. Die Anderen. Die, deren Dasein Berechtigung hat. Denn Liebe, das ist etwas, das Sinn schenkt und das Leben erträglich macht und warum sollte ich das Leben ertragen dürfen?
Als ich fortlief, versprachst Du mir, ich werde sie wieder finden, diese Liebe, an einem anderen Ort und seitdem zieht es mich nur dort hin, wo nichts gedeihen kann.

Liebesgeschichte (6)

Wenn ich mich bewege, auch nur einen Millimeter bewege, falle ich auseinander. Meine Glieder werden sich vom Körper lösen, mein Kopf haltlos zur Seite fallen. Die Gelenke zerbrechen unhörbar und die Muskeln schälen sich von den Knochen. Dann sacken die Organe in sich zusammen, jeder Knochen wird porös, instabil. Schließlich werde ich mich Zelle für Zelle auflösen, bis ich nur noch Staub bin, ins Nichts übergehe. Weiterlesen

Dies ist ganz sicher kein Text über das Dating.

Lange überlegte ich, einen Blogeintrag über Dating und Autismus zu schreiben, da dieses Thema früher oder später jeden Menschen, gleich ob neurotypisch oder Autist, betrifft und auch ich mich aktuell damit konfrontiert sehe. Ich startete mehrere Versuche, schrieb, korrigierte, verwarf sie wieder, formulierte ein paar Tweets, wertete die Reaktionen aus und kam schnell zu dem Entschluss, besser keinen Text über die Partnersuche online zu stellen. Weiterlesen

Wie die Literatur meinen Männergeschmack beeinflusste.

Sehen wir doch einmal den Tatsachen ins Auge.
Ich bin nun in einem Alter, in dem es die die rüstige, nie um eine ungefragte Meinung verlegene Verwandtschaft zunehmend besorgniserregend findet, mich noch immer nicht unter der sprichwörtlichen Haube und mit guter Hoffnung unterm Herzen zu wissen. Mit guter Hoffnung meinen sie erstaunlicherweise nicht den Wunsch, dass der Pizzabringdienst die versprochene Lieferzeit einhält und an den extra Käse gedacht hat, sondern spielen auf den weit verbreiteten Drang an, meine Gene mit denen eines Mannes zu mischen und daraus ein neues Lebewesen zu erschaffen. Nicht, dass ich es damit eilig hätte, überhaupt schon weiß, ob ich das will oder unbedingt den Wünschen Anderer Folge leisten möchte! Doch um ehrlich zu sein bin ich tatsächlich nicht besonders talentiert in Sachen Partnersuche und hege gewisse Zweifel daran, dass sich in absehbarer Zeit etwas an meinem Beziehungsstatus ändern wird.
Womit wir beim Kernpunkt des Problems wären: Den zu mir passenden Mann.
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Tier.

Sprichst Du, schweigt die Angst.
Schleicht sich.
Schamvoll.
Davon.

Erlauert Deinen Abschied.
Wird mit Klauen
Wunden reißen.
Aus Lärm.

 

Liebesgeschichte (4)

„Am schönsten“, sagtest Du mit rauer Stimme, „Am schönsten bist Du, wenn Du nichts außer mein T-Shirt trägst und Dein Haar ganz zerzaust ist von ungestümen Zärtlichkeiten.“ und senktest die Bettdecke auf unsere Häupter, die nun den neuen Himmel unserer kleinen Welt bildete. Als wir kichernd die Köpfe zusammensteckten, klack-klack-klapperten die Bügel unserer Brillen aneinander, klack-klack-klapperten verheißungsvolle Geschichten vom Erkunden sinneshungriger Münder und wenn ich mich daran zurückerinnere, kann ich mir kein schöneres Geräusch mehr vorstellen. Dann denke ich an die kleinen Lieder, die wir gemeinsam ersannen, Melodien, geschaffen in der Gewissheit, dass alle Liebe der Welt nur uns gehörte und daran, dass wir sie mit Worten schmückten, die immer etwas kindlich und holprig klangen und ich weiß nicht mehr, was mit uns geschehen ist und wie wir uns überhaupt auseinanderlieben konnten.