Der Masturbationsautismus im Feuilleton.

Heute Morgen machte man mich auf einen Artikel im Feuilleton der FAZ aufmerksam, in dessen Titel die Formulierung „Nur ein neuer Autismus kann uns retten“ verwendet wurde. 

Ich hielt das für einen der üblichen Medien-Fehltritte und twitterte noch ganz unaufgeregt darüber.

Einige Tassen Kaffee später fühlte ich mich in der Lage, den kompletten Artikel zu recherchieren und sah mich nach dessen Lektüre zwar nicht kafkaesk in einen Käfer verwandelt, wohl aber in geballte Fassungslosigkeit.
Wenn ich Derartiges lese, werde ich sehr wütend. Die Wut weicht aber bald und ich fühle mich einfach nur noch resigniert, müde und unfassbar hilflos.

Wir nennen uns eine tolerante Gesellschaft. Man ist politisch korrekt und macht in der Regel – die natürlich und zu meinem Bedauern Ausnahmen aufweist – weder Witze über die ethnische Herkunft, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung einer Person. Besonders nicht, wenn man zu den akademisch gebildeten Personen, zu denen ich Journalisten zähle, gehört. Man zeigt im Rahmen der Meinungsfreiheit weitestgehend Respekt voreinander und Behinderte werden nicht zur Vorlage von flachen Witzen und Vergleichen. 
Bis auf die kleine Gruppe der Autisten. Für uns scheinen diese Regeln nicht zu gelten und so werden wir sehr oft Gegenstand verschiedenster Ableismen: Wann immer man Egozentrik, Eigenbrötlerei, soziale Inkompetenz, Menschenfeindlichkeit oder schlicht nur Sturheit einen gebildet klingenden Deckmantel geben will, kommt der Autismus ins Spiel. Dass Autisten, die Tag für Tag mit ihren Einschränkungen leben (die oft so gar nichts mit dem jeweils Beschriebenen zu tun haben), so zur Witzfigur oder schlimmstenfalls zum Opfer harscher Beleidigungen werden, scheint nicht relevant zu sein.
Einige dieser Fehltritte davon sammeln wir in einer eigens dafür angelegten „Hall of Shame“, in der sich auch Frau Hegemann wiederfinden wird, einige gehen in der Masse der täglichen Publikationen unter und bleiben unbemerkt und ungelesen.
Nicht aber der Artikel von Helene Hegemann.
 
Worum geht es also Frau Hegemann in ihrem Artikel?
 
Frau Hegemann war nach Erscheinen ihres ersten Romans selbst einmal Opfer dieser sozialen Medien, über deren Dynamik sie sich beklagt und die sich in ihrer Selbstgerechtigkeit und Anonymität schnell zu einem Pranger verwandeln und dabei auch eine breite Palette an geschmacklosen Kommentaren und Drohungen zeigen. Sie wünscht sich einen neuen, offenbar autistischen Persönlichkeitstypus, bestehend aus hochbegabten Menschen, die sich selbst zurücknehmen und ihre Talente selbstlos in den Dienst der Öffentlichkeit stellen, um die Gesellschaft vor sich selbst zu retten. Und die dann auch netter zu Menschen wie Frau Hegemann sind. Deutlich macht sie das am Beispiel einer verdachtsautistischen Serienfigur aus der schwedischen Serie „Die Brücke“. Es geht Frau Hegemann also in erster Linie um Frau Hegemann.

Nun gibt es Autisten aber schon in unserer Gesellschaft und uns Autisten fällt es zugegeben sehr schwer, nett zu Frau Hegemann zu sein, denn wir fühlen uns verletzt und diffamiert. Mit Formulierungen wie

 

„Bei dieser neuen, glorifizierten Form von Autismus handelt es sich nicht um unberechenbare Asperger-Kids, die schon im Vorschulalter masturbierend am Kronleuchter hängen.“

spuckt sie uns sprichwörtlich ins Gesicht.
Ich bin mir nicht sicher, ob es zu den derzeitigen Diagnosekriterien gehört, masturbierend von der Deckenbeleuchtung zu baumeln, werde diesbezüglich aber noch einmal meine Diagnostikerin konsultieren. Dass sie das jedoch Vorschulkindern zuschreibt, halte ich für bedenklich.
Ich würde sehr gern wissen, was im Kopf der Autorin vor sich ging, als sie diese Formulierungen tippte.
Vielleicht wollte sie besonders schlau klingen. Eventuell ging es darum, ihren Worten auf eine sehr drastische Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Oder es war ihr nicht bewusst, was sie da schrieb. Es kann aber auch sein, dass sie die Formulierung mit voller Absicht gewählt hat, berücksichtigend, dass wir Autisten verletzt sein werden und uns öffentlich dagegen wehren.
Denn das weiß Frau Hegemann ja bereits: Jede Berichterstattung ist gute Berichterstattung und egal, wie man über Dich spricht – Hauptsache, man spricht über Dich.
 
Leider, liebe Frau Hegemann, ist das nur die halbe Wahrheit. Sie lassen dabei ungeachtet, dass Sie über verbale Leichen gehen. 

Sexismus und Rassismus in der medialen Berichterstattung haben wir weitestgehend bekämpfen können. Dank Autoren wie Ihnen schaffen wir das aber noch immer nicht mit Ableismus.


Weitere Meinungen zu diesem Thema bei:
Die Ennomane – Laberbacke Roadkill
Autismus ist – Hall of Shame
Realitätsfilter – Ein Autismus, um uns zu retten
Fuchskind – Blog
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11 Antworten zu “Der Masturbationsautismus im Feuilleton.”

  1. eternallyn00by sagt:

    Dass es keine „Witze über die ethnische Herkunft, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung einer Person“ gibt stimmt imo nicht. Martenstein-Kolumnen sind ein extremes Beispiel, aber ganz ehrlich, Rassismus, Sexismus und Homofeindlichkeit sind nicht gerade selten. Ableismus ist deswegen spezieller, weil er auch von Feminist_innen und anderen Leuten, die zumindest manche Sachen durchschaut haben, weiter verwendet und kaum kritisiert wird. Die geringe Aufmerksamkeit mancher Leute, von denen ich etwas anderes erwartet hätte, bei diesem Thema, finde ich schlimm. Aber eine Sache gegen die andere auszuspielen, indem alles außer Ableismus als längst erledigt dargestellt wird, finde ich sehr fragwürdig.

    • girlfromouterspace sagt:

      Ich spreche von „weitestgehend“ und beziehe mich durchgehend auf den akademisch gebildeten Teil der Menschheit. Das diesbezüglich noch sehr viel Arbeit vor uns liegt, ist mir bewusst.

  2. m sagt:

    Ich, als mutmaßlich dem Autismusspektrum zugehöriger Mensch, fühle mich durch solche Formulierungen erst Mal kaum beleidigt, denn das ist wohl am ehesten ein grenzdebiler Witz… Beunruhigend dagegen, mit was hier mit Autismus assoziiert wird.

    Erstens erweckt das dem Leser den Eindruck, Autismus hätte mit einer gestörten Sexualität zu tun (die meines Wissens nicht unbedingt vorliegt, und mutmaßlich auch vor allem nicht im Kindesalter), mit einem absurden, gestörten Verhalten (ich würde sagen, ich hätte mich als Kind niemals getraut, mich an einen Kronleuchter zu hängen, mir hätte vermutlich auch die Fähigkeit gefehlt, das gut zu bewerkstelligen).
    Nicht gerade das, was ich mit Autismus assoziiere. Der Leser dagegen wird mit diesen Schwachsinnigen Informationen überflutet und so wird dieses Bild dadurch weiter geprägt.

    Ich vermute, vielen Lesern wird ein solcher Witz gefallen, ein Vergleich zum Lachen, auch in anderen Kolumnen ziehen Klischees doch immer ganz gerne und wenn man sie dann noch so formuliert, fühlen sich wohl mehrere Leserschichten nahezu befriedigt. Eben ein billiges Mittel, um Zustimmung zu generieren.
    In einer Kolumne wird nicht groß nachgedacht, wer verletzt werden könnte, ich vermute allerdings, das hängt auch stark von der Denkweise des Autoren ab.
    In diesem Falle wird ja bewiesen, wie differenziert das Bild ist.

    Vielleicht wird es, sollte es eine größere Reaktion darauf geben, auch wieder einige geben, die die Kritik daran deutlich kritisieren, oder ins lächerliche ziehen wollen, dass man das doch nicht so wörtlich nehmen soll“, ach, ihr versteht ja keinen Humor, lol“… Aber vielleicht tue ich ihnen ja auch unrecht.

    Letztendlich zeigt es wohl den menschlichen Grundcharakter, Vorurteile und undifferenzierten Spott sowie Humor auf kosten anderer zu lieben und sich nur zurückzuhalten, wenn dieser Humor ein gesellschaftliches Tabu ist. Das beleidigen von Autisten ist es offensichtlich (noch) nicht.
    Aber ich fürchte, Zielgruppen des Spottes wird es so lange geben, wie es Menschen gibt.
    (Sapere Aude ist halt zu anstrengend/langweilig/unlustig)

    Aber das bedeutet längst nicht, dass man das so einfach akzeptieren sollte.

  3. […] 2d Der Masturbationsautismus im Feuilleton. | 68Robot in a box […]

  4. […] der Einzige, dem etwas zu dem Thema eingefallen ist. Bitte beachten Sie also auch die Texte von @outerspace_girl, @h4wkey3 und @ennomane. […]

  5. mh120480 sagt:

    Hmmm… ich bin mir nicht sicher, ob der beitrag die aufregung wert ist.

    der ursprung des übels ergibt sich aus dem teaser. der teaser wiederum war notwendig, damit der beitrag von hegemann überhaupt ein fazit hat. und nun ist dieser teaser da, aber man kann hegemann auch genau andersherum lesen, nämlich in dem sinne, dass all dies kritisiert wird.

    die von dir angesprochene bildsprache sagt ja nicht, dass aspergerkinder so sind, sondern sie spielt vielmehr mit dem klischee, dass in dieser gesellschaft über aspergerkinder vorhanden ist und überspitzt das klischee in ein bild hinein, dass so dermaßen drüber ist, dass es die wenigsten ernst nehmen werden.

    anders gesagt: hegemann kompensiert mit diesem starken bild ihre eigenen textlichen schwächen. in diesem fall ging der schuss nach hinten los. und zwar auch in der hinsicht, dass damit einem anderen text die luft zum atmen genommen wurde, der hegemann eigentlich wichtig sein sollte: http://www.welt.de/kultur/article138190384/Warum-es-eine-Provokation-ist-eine-Frau-zu-lieben.html

    der part mit der serie hingegen ist so vage formuliert, dass man nicht recht deuten kann, was sie damit überhaupt sagen will. es soll beweis sein.. es ist aber auch ein gefühl der autorin. meinem empfinden nach grenzt sie sich selbst zu wenig von der weltsicht ab und stellt es zu stark als ihr empfinden heraus.. somit kann man ihr durchaus unterstellen, dass sie diskriminierend wirkt. doch, und hier würde ich ansetzen… wird diskriminiert um die eigene these zu beweisen, die isch aber nicht gänzlich gesellschaftlich definiert, sondern aus der eigenen wahrnehmung heraus. nimmt man das und sagt, dass asperger momentan für diese gesellschaft nutzbar gemacht wird.. das wäre hegemanns aussage in fertiggedacht.. hätten wir hier eine vollkommen andere diskussion, die gar nicht mal so unspannend ist. denn wird unsere gesellschaft tolerant und inklusiv, wenn sie daraus einen ökonomischen nutzen ziehen kann? und ergibt sich daraus echte toleranz? also ist das eine vermittlungsebene die funktioniert?
    es ist ja nicht wirklich abwegig, wenn man hegemann den versteckten gedanken unterstellt, dass dispositionen nicht nur definiert werden, sondern auch zu einsatzgebieten innerhalb der gesellschaft führen .. was zugleich auch immer mit neid verbunden ist. also einem „so wäre ich auch gerne.“

    das steht da alles nicht. das wäre aber der weg, der mit dem text immer noch zu begehen wäre. also im zweifel für die angeklagte.

    der abschluss des textes formuliert im endeffekt nur das nicht-sagen der autorin.

    verbleibt der teaser als wegweiser durch den text und der wurde höchstvermutlich von der redaktion ausformuliert. diese wäre somit die bessere ansprechpartnerin.

    • Ismael sagt:

      Hallo mh,
      du schreibst. „Hmmm… ich bin mir nicht sicher, ob der beitrag die aufregung wert ist.“

      Ob der Beitrag die Aufregung oder überhaupt die Lektüre wert ist, lasse ich dahingestellt. Ich werde mir nicht die Mühe machen, Inhalt und Stilmittel zu erörtern.

      Also lächeln und weitergehen, wie ich es angesichts vieler Geschmacklosigkeiten in der Welt meistens mache?

      Nein, das Problem ist nämlich ein anderes als ein journalistischer Fehlgriff. Es geht nämlich darum, dass die Begriffe „Autismus“ bzw. „Autist“ mit einer sachlich falschen und eindeutig negativen, also die tatsächlichen Autisten diffamierenden Konnotation in die Alltagssprache eingehen. Sie werden derzeit offensichtlich zu einer beliebig einsetzbaren Beleidigung. Und manche Journalisten scheinen bei dieser Entwicklung die Vorreiter zu sein. Es geht also nicht um ein Phänomen der Gossensprache.

      Ich wünsche mir einen offenen und unbefangenen Umgang mit Autismus in der Gesellschaft. Es wäre wünschenswert, wenn Autisten sagen könnten, dass sie Autisten sind. Und zwar ohne Vor- und Fehlurteile befürchten zu müssen. Ohne jedesmal umständlich beweisen zu müssen, dass sie keine Egoisten, Idioten, Gewalttäter oder sonst was sind. Dem stehen aber die mehr und mehr um sich greifenden Missbräuche der Begrifflichkeiten entgegen.

      Deswegen ist es richtig, solche verbalen Fehltritte aufzudecken und diese Ungezogenheit anzuprangern.

      Ich persönlich fände es gut, wenn diese Aufklärungsarbeit nicht nur den Autisten selbst überlassen bliebe.

      • mh120480 sagt:

        „Ich werde mir nicht die Mühe machen, Inhalt und Stilmittel zu erörtern.“

        mir ist nicht ganz klar, wie du dann zu dem text eine meinung haben kannst.

        mfg
        mh

  6. […] Ein Blogbeitrag von Robo betrachtet einen Artikel von Helene Hegemann im Feuileton der FAZ. Hier, nach anfänglicher Weigerung, mich mit dem FAZ-Text zu befassen, mein eigenes Statement. […]

  7. […] März durfte die mit Plagiatsvorwürfen ins Gerede gekommene Jungautorin Helene Hegemann einen Artikel für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreiben. In diesem ließ sie sich […]

  8. Arne sagt:

    Zufällig bin ich über diesen Blog gestolpert, habe im Grunde kein besonderes Interesse am Thema Autismus.
    Ich halte auch die PC für völlig übertrieben, kann auch dem Spiel mit Schemata etc. etwas abgewinnen.

    Eine Personengruppe so zu diffamieren, die immerhin ,offiziell‘ als erkrankt eingestuft wird, ist menschenverachtend. Ob Frau Hegemann das ist, oder temporäre geistige Umnachtung die Ursache ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

    Allerdings:
    „Besonders nicht, wenn man zu den akademisch gebildeten Personen […] gehört“ im weiteren Sinne als Grund für intelligentes Umgehen mit Minderheiten gleich welcher Art anzuführen, ist ein Affront den nicht akademisch Gebildeten gegenüber. Ich gehöre zu der Minderheit derjenigen, die beruflich und privat in beiden Welten zuhause sind. Mir ist der ungebildete, der einfach mal „die Asylanten“ verallgemeinert und ein echtes, freundschaftliches Verhältnis zu Vertretern dieses Standes zählt 10x lieber, als der Akademiker, der sich die kasachische Ingieneurin als Putzfrau hält und nur im freundlichen Imperativ mit ihr spricht.

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