Wie wir uns damals nicht zum Affen machten.

Durch den Beruf meiner Mutter gehörten wir zu den privilegierteren Familien, so kam es zum Beispiel, dass wir die einzigen in unserer Straße waren, die über einen Telefonanschluss verfügten, was uns eine gewissen Beliebtheit unter den Nachbarn einbrachte.
Dieser schwere, graue Apparat mit der rasselnden Scheibe war wichtig, denn Mutter musste oft auf Abruf verfügbar sein. Es hieß schließlich „SMH – schnelle medizinische Hilfe“ und nicht „Warte mal, ich schicke jemanden bei der Kollegin vorbei, um ihr Bescheid zu sagen, dass wir da einen Notfall haben und wenn alles gut geht, sind wir in zwei, drei Stunden am Unfallort – Hilfe“.
Nun war es unter den SED-Funktionären und Parteifreunden, die zu den Führungskräften des örtlichen Krankenhauses zählten, recht üblich, sich zu bestimmten Anlässen Geschenke zu machen. Besonders beliebt waren dabei Dinge, die man nicht ohne weiteres bekam: Kaffee zum Beispiel, auch Schokolade, Bananen oder andere Importwaren und man teilte selbstverständlich gern mit Kollegen und Freunden.
Auf diesem Wege kam Mutter eines Tages also in Besitz einer Merkwürdigkeit. Es sei Obst aus einem fernen Land, sagte der großzügige Schenker, mehr verriet er aber nicht. Klein war es, passte bequem in eine Erwachsenenhand und sah aus wie ein braunpelziges Tierchen ohne Kopf und Gliedmaßen. Aber das war kein flauschiger Pelz, in das es gehüllt war, die Oberfläche fühlte sich eher etwas kratzig an, wie diese bunten Pullover aus Wolpryla. Wir waren fasziniert.
Das kuriose Ding lag für alle gut sichtbar auf dem Küchentisch, um den wir uns neugierig, aber ratlos versammelten.
„Also ich weiß nicht.“, sagte Vater „Braun ist schon eine komische Farbe für eine Frucht“. Er drückte mit dem Zeigefinger dagegen und ich stellte mir kichernd vor, wie das rätselhafte Ding ob der unerwarteten Berührung kleine Beinchen ausfährt und sich unter dem Küchenschrank versteckt.
„Wir könnten mal bei den Nachbarn fragen.“, schlug Mutter vor, woraufhin Oma beide Hände auf den Küchentisch knallte: „Nix da. Was sollen die denn von uns denken? Dass wir gar nichts wissen? Aber wenn ihr euch zum Affen machen wollt, dann fragt ruhig.“ Mutter schwieg verschämt.
Meine Schwester pustete das Fruchttierchen an, als wolle sie es damit zum Leben erwecken, was ihr prompt eine Kopfnuss von Vater einbrachte. „Werner, bitte!“, stöhnte Mutter entnervt, „Lass doch das Kind.“
„Also ich meine, es ist noch nicht reif“, sagte Oma bestimmt, „Wir lassen es jetzt erst einmal liegen und warten, dass es Farbe bekommt. Dann sehen wir weiter.“
Einstimmig nickten Mutter und Vater, eine bessere Idee hatten sie auch nicht.
Oma hat lange Zeit an der Rezeption eines großen Hotels gearbeitet, was sie entsprechend kultiviert erscheinen ließ. Wenn sie nicht wusste, was zu tun ist, wer dann? So fanden wir uns Abend für Abend in der schlichten, funktionalen Küche ein, um nachzusehen, ob das Obstwesen schon gereift ist und bald begann es, sich zu verändern. Es ließ sich einen zweiten Pelz wachsen, grau-grün war er. Ob es ihm in unserer Küche zu kalt war? Es entwickelte zudem einen zunehmend unangenehmen Geruch und sah auch langsam nicht mehr sehr hübsch aus, was uns nur noch mehr verunsicherte.
„So ein Blödsinn hier!“, rief Vater, als er das sah, „Das Ding fliegt jetzt raus und wir vergessen das einfach.“
Nun musste das rätselhafte Objekt vom Küchentisch in den Mülleimer umziehen und niemand verlor mehr ein Wort darüber. Doch ich glaube, wir alle haben immer wieder an das wandlungsfähige Pelzfrüchtchen gedacht und uns gefragt, was wohl aus ihm geworden ist.

 

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