Wie die Literatur meinen Männergeschmack beeinflusste.

Sehen wir doch einmal den Tatsachen ins Auge.
Ich bin nun in einem Alter, in dem es die die rüstige, nie um eine ungefragte Meinung verlegene Verwandtschaft zunehmend besorgniserregend findet, mich noch immer nicht unter der sprichwörtlichen Haube und mit guter Hoffnung unterm Herzen zu wissen. Mit guter Hoffnung meinen sie erstaunlicherweise nicht den Wunsch, dass der Pizzabringdienst die versprochene Lieferzeit einhält und an den extra Käse gedacht hat, sondern spielen auf den weit verbreiteten Drang an, meine Gene mit denen eines Mannes zu mischen und daraus ein neues Lebewesen zu erschaffen. Nicht, dass ich es damit eilig hätte, überhaupt schon weiß, ob ich das will oder unbedingt den Wünschen Anderer Folge leisten möchte! Doch um ehrlich zu sein bin ich tatsächlich nicht besonders talentiert in Sachen Partnersuche und hege gewisse Zweifel daran, dass sich in absehbarer Zeit etwas an meinem Beziehungsstatus ändern wird.
Womit wir beim Kernpunkt des Problems wären: Den zu mir passenden Mann.


Schon als Kind – ich war sehr kontaktscheu und zurückgezogen und schätzte bereits in jungen Jahren Bücher mehr als Menschen – begann ich, beinahe unrealistische Vorstellungen von Männern zu entwickeln, die fortwährend von den Charakteren der Bücher genährt wurden, die ich begeistert verschlang. Vielleicht besäße ich ein weitaus realistischeres Männerbild, hätte ich etwas häufiger mit den Nachbarskindern gespielt oder mich den Gruppen auf dem Pausenhof angeschlossen. Eventuell wäre mein Interesse dann auf den besten Fußballspieler oder den Typ mit dem tollen Auto gefallen. Doch ich las und las und lernte dadurch Männer kennen, die mir derart den Kopf verdrehten, dass kaum ein realer Geschlechtsgenosse dagegen ankommen konnte.
Darum wird es nun wohl Zeit, einmal sechs dieser Figuren aufzulisten, die mein Männerbild so grundlegend beeinflusst haben.

Louis de Pointe du Lac
(Chronik der Vampire – Anne Rice)

Als Teenie habe ich die Bücher von Anne Rice sehr geliebt. Besonders hatte es mir der in sich gekehrte Louis angetan, der allein in einer etwas verfallenen Gartenlaube lebte, umgeben von unzähligen Büchern und der nichts anderes tat, als im flackernden Schein der Kerze zu lesen. Nacht für Nacht, Jahr für Jahr. Von Selbstzweifeln und Melancholie zerfressen, sieht er sich der Ewigkeit gegenüber, stets mit leicht suizidalen Tendenzen kämpfend und schafft es nicht, sich mit seiner Natur als Raubtier abzufinden. Ach Louis, Du sensibler Traummann, ich würde sogar über Dein langes Haar hinwegsehen, wenn wir nur für immer gemeinsam die Stille der Nächte genießen dürften. (Es würde ohnehin gleich wieder nachwachsen, würde ich es Dir schneiden. Das haben Sie sich toll ausgedacht, Frau Rice.)

Konstantin Dmitrijewitsch Ljewin (Kostja)

(Anna Karenina – Leo Tolstoi)

Kostja, der liebenswerte und idealistische Gutsbesitzer, der die Welt zu einem besseren Ort machen will, hat mich sehr fasziniert. Seine Schüchternheit und seine soziale Ungeschicklichkeit haben sofort mein Interesse geweckt und ich litt furchtbar mit ihm, als Kitty ihm einen Korb gab (Mit mir wäre ihm das nicht passiert!) und er sich allein auf sein Landgut zurückzog, um in der dunklen, kalten Stube seinen Kummer in Arbeit zu ersticken. Umso mehr freute ich mich mit ihm, als sich Kitty doch noch besann, in eine Ehe einwilligte und Kostja so glücklich machte.

Garp Fields
(Garp und wie er die Welt sah – John Irving)

Die Bücher von Irving begleiten mich schon sehr sehr lang und ich liebe beinahe jedes davon aus ganzem Herzen. Doch keines habe ich so häufig gelesen wie das über Garp. 
Bereits Garps Zeugung war ein verstörender Akt des Zwangs und als Sohn einer Krankenschwester und Frauenrechtlerin ist sein Leben von einer Zerrissenheit, von ewigen Versuchen und einer fast traumatisierenden Sexualität gezeichnet, die die meisten von Irvings Protagonisten innehaben. Diese tief sitzende Verwirrtheit, das Gefühl, nie gut genug zu sein und der ständige Kampf um Sicherheit knüpfte enge Bande zwischen Garp und mir, so eng, dass sie wohl nie mehr gelöst werden können.

Mr. Fitzwilliam Darcy
(Stolz und Vorurteil – Jane Austen)

Muss ich tatsächlich noch etwas zu dem wunderbaren Mr. Darcy sagen? Gibt es überhaupt eine Frau, die ihm nicht verfallen ist? Dieser edle, intelligente Mann, dessen großes Herz sich hinter Manieren und Konventionen verbirgt und der sich in spitzfindigen Wortgefechten zu schlagen weiß! 
“Ich bevorzuge es, ungesellig und wortkarg zu sein.“, sagt Elisabeth Bennett zu ihm und ja, diese Worte hätten auch von mir stammen können. Und auch ich hätte mit Herzklopfen und rosigen Wangen Darcys Liebesbekenntnisse empfangen. Oh Fitzwilliam!

Karotte Eisengießersohn
(Scheibenweltromane – Terry Pratchett)

Pratchetts Romane um die Scheibenwelt (in der Brandhorst-Übersetzung) sind mein Mittel der Wahl, geht es um schnelle, wirkungsvolle Realitätsflucht und ich fühle mich seit Jahren sehr daheim in diesem spannenden Universum, kenne jeden Kontinent, jede Stadt, jede Straße. 
Sehr verbunden fühlte ich mich von Anfang an mit Hauptmann Karotte, dem Findelkind, das unter Zwergen aufwuchs und doch kein Zwerg ist. Kommunikation geht er ebenso sachlich und reduziert an wie ich, er hadert mit Humor und Metaphern, nimmt alles wörtlich und versteht weder die Notwendigkeit von Lügen, noch beherrscht er die Umsetzung dieser. Er ist stetig bemüht, alles korrekt zu machen und liebt seine Partnerin Angua, die impulsive Werwölfin, mit einer Beharrlichkeit und Stärke, die mich neidisch macht.

Eduard
(Veronika beschließt zu sterben – Paulo Coelho)

Eduard, der sich zwischen dem Druck der Eltern und seiner Liebe zur Malerei gefangen sieht und der sich daher in sich zurückzieht, wurde in die Nervenheilanstalt von Ljubljana eingewiesen. Dort trifft er auf Veronika, die realitätsmüde junge Frau, der er sich erstmals wieder öffnet. Der sensible Träumer verliebt sich in sie und beschließt, Veronikas vermeintlich letzte Stunden mit ihr zu verbringen. So finden sich zwei in der Welt Verlorene und ich, die ebenfalls verloren ist, wünsche mir einen sensiblen Träumer wie Eduard an meiner Seite, um gemeinsam unsere Realität neu zu definieren.

Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen:
Ich verehre also den stillen, zurückgezogenen, etwas realitätsfremden Mann, den durchsetzungsfähigen Träumer, der sich persönlichkeitsstark mit seiner inneren Zerrissenheit auseinandersetzt. Sollte solch ein Mensch existieren, ich wüsste nicht, ob er nicht vielmehr einen Therapeuten bräuchte, als eine Beziehung mit mir und je mehr ich das Thema durchdenke, desto sicherer bin ich mir, dass ich vielleicht doch die Anschaffung einer Katze erwägen sollte.
Entschuldige, Tante Erna.

11 Gedanken zu „Wie die Literatur meinen Männergeschmack beeinflusste.

  1. Von Deiner Sorte sollte es mehr geben. Ich gerate – wenn überhaupt – immer nur an die lauten und extrovertierten Geschlechtsgenossinen von Dir, die darüberhinaus mein eigenes grundlegendes und lebensnotwendiges Bedürfnis nach Zurückgezogenheit und Alleinsein mit „Du liebst mich nicht“ übersetzen. Ich habs aufgegeben…!

  2. Sagen wir mal soooo ………. eine Katze gibt selten Widerworte und verlangt nicht sehr viel. 😉

    Die Möglichkeit, einen solchen Mann zu finden besteht.
    Nur nicht sofort.
    Und Kinder, dazu braucht es ein Minimalmaß an Sicherheit und Stabilität.
    (Die von Dir erwähnten Geschichten sind ja nicht alle nur frei erfunden)

    Um die Verwandtschaft zur Ruhe zu bringen gehen zwei Alternativen

    a) „fragt nicht, ihr bekommt es schon mit“

    b) „der Mann muss noch gebacken werden, habt Geduld“ (Redewendung)

  3. Eine Katze ist sicherlich ein guter Anfang 😉

    Aus meinen Erfahrungen heraus vermute ich mal, dass Du der Schatz bist, den der richtige Mann finden muss (bei meiner Tochter hat das geklappt). Ich drücke Dir beide Daumen, damit es auch Dir widerfährt.

  4. Danke für Deinen Text! Ich hätte nicht gedacht, dass es Frauen gibt, die auch solche Menschen gerne an ihrer Seite hätten. Da kann ich dann nur hoffen, eines Tages auf jemanden wie Dich zu treffen.

    Ach, nee, stimmt. Die Hoffnung ist schon lange aufgefressen. Aber eines noch, zu Deinem letzten Punkt: ich verzweifle zur Zeit an dem festen Glauben, dass eine Beziehung mit dem richtigen Menschen alles wäre, was ich brauche, ganz ohne Therapeuten. Verzweifeln deswegen, weil es so wenige Menschen wie Dich gibt. Aber nun, glauben heißt nicht wissen.

  5. Ich hätte es selber nie gedacht, aber es gibt sie, diese Männer. Ich habe so jemanden nun an meiner Seite und ich habe ihn eher per Zufall dort gefunden, wo ich mich räumlich und thematisch am wohlsten fühle.
    Suchen, weil andere das so erwarten ist sowieso der falsche Weg.

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