Vom Massenerhaltungssatz im öffentlichen Raum.

Der Saal erinnerte mich ein bisschen an einen Vorlesungsraum und ich schritt nervös die Stufen hinab, begleitet von den ungezählten Augenpaaren des überraschend betagten Publikums, denn Neuankömmlinge begrüßt man immer mit einer Eskorte aus interessierten Blicken. Die schwarze Treppe hinunter bis zur Reihe zwei, Platz eins. Platz Nummer zwei wäre mir viel lieber gewesen, zwei und zwei, das ist eine herrlich schöne Kombination, ein kleines inneres Fest, doch dann hätte ich neben einem merkwürdigen, adipösen Mann sitzen müssen, dessen erstaunlich flacher Hinterkopf von dünnem grauen Haar bedeckt wurde, das immer ganz leicht mitwippte, wenn er freudig den Kopf drehte und lächelnd nach Kontakt suchte. So blieb mir die Gewissheit, dass sich niemand überraschend neben mich setzen würde und vom rettenden Notausgang trennte mich nur diese schwarze, noch immer Menschen hereinführende Treppe.

Die Vorgruppe, vier quirlig-fröhliche Münchner, so voll von überpräsenter Heiterkeit, dass für Originalität nur wenig Platz blieb, spielte sich passabel durch die erste halbe Stunde und das Publikum reagierte begeistert auf die Singspiele, die der struwelhaarige Gitarrist und Sänger initiierte. Mein Blick suchte derweil immer wieder, wie nach Sicherheit verlangend, die große Notausgangstür und ich hoffte nur, dass der Rest der Anwesenden gebannt auf die Bühne schaute und niemand meine unruhigen Augen oder flatternden Hände bemerkte. Nachdem die vier hüpfend die Bühne verließen, hüpfend, ja, ich wunderte mich sehr, machte mich mein Begleiter darauf aufmerksam, dass es angebracht ist, meine Freude über die Musik durch ein Lächeln zu unterstreichen und das war mir durchaus verständlich. Nur die Idee, dass man von der Bühne aus das Gesicht der ernsten Frau in der zweiten Reihe sehen konnte, deren Körperspannung jeden Tanztrainer jubeln ließe, die erschloss sich mir nicht und lange konnte ich auch nicht darüber nachdenken, denn die Band betrat die Bühne, ein Musiker nach dem anderen. Zwei in Sneakers, eigentlich drei, wenn man den Tour Manager dazuzählte, der sich am Bühnenrand aufhielt, fünf in Lederschnürschuhen (ein Mal mit Absatz) und eine ganz ohne Schuhe. Es gefiel mir, zu beobachten, mit welcher Leichtigkeit sie ihre Instrumente beherrschten und wie mitreißend sie die Lieder performten, doch mein Gehirn war vollauf damit beschäftigt, all das zu verarbeiten und entsprechend froh, sich nicht auch noch um Bewegungsabläufe kümmern zu müssen, so dass ich unverändert still meinen Platz hütete und mich meinem Wesen entsprechend innerlich freute.

Derweil passierte nun das, was Menschen an diesen Veranstaltungen so schätzen, das Publikum wandelte sich und aus einer bunten Ansammlung verschiedener Personen formte sich ein homogenes Individuenkonglomerat, das begeistert auf das Bühnengeschehen reagierte, auf Anweisungen aufstand, mitsang und im Takt klatschte. Nun, fast. Es scheint eine Art Naturgesetz zu sein, dass immer jemand neben dem Takt liegt und wie man so hartnäckig auf eins und drei klatschen kann, ist beinahe schon bewundernswert. Alle standen nun und sangen, alle außer mir, es gab die Masse und mich, das Ganze und die Einzelne und ich versuchte krampfhaft, tiefer in meinem Sitz zu versinken, halb hinter meinem Begleiter zu verschwinden, nicht aufzufallen, nur keine Blicke auf mich zu ziehen. Vermutlich wirkte ich missmutig und schlecht gelaunt, ohne es tatsächlich zu sein, wer weiß schon, was sich die Leute so denken, wenn sie jemanden beobachten, der so unbedingt unsichtbar sein möchte.
Die freie Fläche neben meinem Randplatz, den Raum zwischen der so wichtigen Notausgangstür und mir nutzte nun eine Frau im Alter meiner Mutter, um sich zur Musik zu bewegen, schnell gesellten sich weitere dazu und ich kann nicht sagen, warum mich das unangenehm berührte, denn man freut sich ja eigentlich über die Ausgelassenheit eines Anderen. Doch ich fühlte mich unwohl neben ihr und ihre Bewegungen erschienen mir unauthentisch und unstimmig und ich fragte mich, ob meine Gedanken zu ihrer Person urteilend und anmaßend sind, was geht mich denn die Tanzerei der Fremden an?

Inzwischen kündigte die Sängerin das letzte Lied an, ich seufzte erleichtert auf und lockerte meine geduckte Haltung ein wenig. Aber halt, da war noch was: Verbeugungen. Zugaben. Noch mehr Zugaben, Applaus und weitere Verbeugungen, das versprochene Ende zog sich noch ein wenig, bis sich die Publikumsmasse schlussendlich wieder in ihre einzelnen Personenbestandteile partitionierte, diese wuselnden Einzelteilchen zu den Ausgängen drängten und wir mit ihnen. Meine Augen streiften ein letztes Mal die Tür mit dem Notausgangsschild, ich schaute nicht dankbar, denn ich nehme an, es ist reichlich albern, Dankbarkeit gegenüber einer Tür zu empfinden, doch mit einer gewissen Erkenntlichkeit für das Sicherheitsgefühl, das sie mir gab.
Jeder Einzelne ging mit einem Kopf voll Melodien, in meinem blieb nur der Gedanke zurück, nie ein Teil dieser für mich so schwer fass- und verstehbaren Menge sein zu können und die altbekannte Frage nach dem Warum.

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