Veranstaltungen

Von Zeit zu Zeit verspüre auch ich das Bedürfnis, eine öffentliche Veranstaltung zu besuchen. Sie staunen, aber ich bin kulturell interessiert. In meinem Fall beschränkt sich das meist auf Museen, Opernbesuche oder das  Ballett, seltene Veranstaltungen mit einem hohen Sicherheitsrating auf meiner selbst erstellten Skala, die all das abfragt und bewertet, was mich überfordert und ängstigt. Die Sinnesreize bei diesen Unternehmungen sind überschaubar, die Lautstärke erträglich, das Gedränge erreicht seinen Höhepunkt meist  nur in der Pause, wenn sich die Herren auf die Jagd nach dem Glas Champagner für ihre weibliche Begleitung begeben, die sich gerade noch schnell die Nase pudert. Auch beim Dresscode bleiben keine Fragen offen und ich liebe es fast schon, jeanstragende Opernbesucher verächtlich zu mustern.
Ab und an stößt man auf den täglichen Wanderungen durchs Internet aber auch auf andere Veranstaltungsinformationen.
Da. Da sind sie. Die Tourdaten. Zum dritten Mal in einem gefühlt minutenkurzen Zeitraum habe ich die realistische Möglichkeit, diesen aktuell sehr populären und von mir hochgeschätzten Musiker live zu sehen. Die Ticketpreise sind noch vertretbar und der nächstgelegene Spielort ist mit etwas Planung gut zu erreichen. Mein Herz klopft. Soll ich es wagen? Konzerte sind immer schwierig, Lautstärke, Lichtreize und die riesigen Menschenmengen katapultieren mich innerhalb kurzer Zeit in einen Overload, der oft damit endet, dass ich mich in der Kabine der siffigen, maroden Damentoilette einschließe und gegen die Tränen kämpfe. Ich würde mich natürlich bemühen, eine Begleitung zu finden, jemand, der weiß, dass es mir in solchen Situationen besonders schwer fällt, den Schein der Normalität aufrecht zu erhalten, jemand der weiß, dass ich dann nur mit Mühe Emotionen kontrollieren kann, der akzeptiert, dass ich so mühevoll meinen Gesichtsausdruck und die Körperhaltung im Fokus haben werde, dass ich vermutlich stocksteif in der Menge stehe. Jemand, dem ich irgendwann ein panisches „Ich muss hier raus!“ zurufen darf und der mich dann zum sicheren Ausgang bringt. Jemand also, bei dem ich mich jetzt schon entschuldigen möchte.
Sofort suche ich die Homepage des Veranstalters auf, um mir den Saal und das Gelände anzusehen und entdecke mit Freude genaue Skizzen, Fotos und Lagepläne. Der Saal ist groß, schlauchförmig, es wäre unumgänglich, sich irgendwo ganz vorn aufzuhalten. Ganz vorn also, unter all den unbeschwert feiernden Leuten also, die intensiv riechen, sich an mich drücken, mich umherschubsen. Ganz vorne, an dem Punkt, der am weitesten vom rettenden Ausgang entfernt ist. Ich sehe mir die letzten Konzertvideos des Künstlers an und werde aufgeregt, die Hände flattern nervös und verkrampfen sich. Nicht. Normal. Nicht. Gut. Wie wird das dann erst vor Ort? Kann ich das? Will ich das Risiko eingehen, tagelang danach kraftlos und erschöpft zu sein, weil ich alle Energie dafür benötige, diese intensive Sinneserfahrung zu kompensieren? Möchte ich wagen, von anderen schief angesehen zu werden, weil ich seltsam anmute? Mich nicht entsprechend benehme? Wie benimmt man sich überhaupt? Was ziehe ich an, womit falle ich am wenigsten auf, sehe aber dennoch ansprechend aus? Wer soll mich begleiten, wen frage ich? Und eigentlich ist das alles gar keine gute Idee, ich sollte dort nicht hin. Es wird mir nicht gefallen und ich werde traurig, schamvoll und frustriert nach Hause fahren.
Und da ist sie wieder, diese Wut, dieses Gefühl des Gefangenseins in mir selbst und ich weiß nichts anderes, als zu schweigen.

2 Gedanken zu „Veranstaltungen

  1. Ich kenne das Gefühl. Diese Ohnmacht. Sie zermürbt.
    Ich war bislang nur einmal zwangsläufig auf einem Konzert und das nur, weil ich mit im Orgateam war.
    Allerdings hatte ich so auch Zugang zum Vipbereich,weit weg und hoch oben über den Massen.Laut war es dennoch.
    Es gibt auch bei mir ein paar Künstler, die ich zu gern sehen würde.
    Manchmal gibt es doch diese Verlosungen im Radio für diese Privatkonzerte. Sehr kleiner Rahmen,fast schon Wonzimmeratmosphäre. Das wäre es doch.

    Nur ein Problem. Dazu müsste man da anrufen (kann ich nicht) und falls man gewinnt, wenn überhaupt, sicher auch ein Interview oder so geben.
    Und da ist sie wieder, die Ohnmacht.

    Vielleicht wage ich es mal. Mit einem sehr guten Freund.

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