Facetten des Spektrums – Silke und Niklas Bauerfeind

 

Mein Blog war bisher ein Platz, auf dem meine Gedanken zum Thema Autismus Platz fanden. Das war in den fünf Jahren, in denen ich schon blogge, gut und wichtig – inzwischen fühlt es sich aber nicht mehr ausreichend an. Darum beginne ich eine kleine Serie:
In Facetten des Spektrums möchte ich euch spannende Menschen vorstellen. Das können Autist*innen sein, Eltern autistischer Kinder, Fachpersonal, Künstler*innen oder Personen, die auf eine andere Art mit dem Thema Autismus in Berührung sind.

Den Anfang machen Silke und Niklas Bauerfeind. Silkes Blog, auf dem sie nicht nur über ihren autistischen Sohn Niklas schreibt, lese ich schon sehr lange, doch erst seit ich sie im letzten Herbst in Rosenheim persönlich kennen lernen durfte, tauschen wir uns regelmäßig aus. Der Austausch ist mir sehr wertvoll geworden, darum freue ich mich umso mehr, sie hier begrüßen zu dürfen.

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Social Media als Mittel zur Barrierefreiheit?


Eine ganze Weile schon scheint es en vogue zu sein, in Feuilletons und Blogs Rants über Social Media zu schreiben, den Untergang aller entsprechenden Plattformen anzukündigen und eine Entwöhnung vom Smartphone zu fordern. Nicht mehr nur eine Ernährungsphilosophie, soll uns Detox auch in digitaler Form zu besseren Menschen machen. Das Internet, Smartphones, all das hält uns angeblich ja vom wirklich Wichtigen ab: Dem zwischenmenschlichen Kontakt.

Derartige Texte lassen mich ob ihrer Kurzsichtigkeit bitter lachen, denn es gibt Personengruppen – Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen zum Beispiel – für die ermöglicht Social Media erst den Aufbau und die Pflege zwischenmenschlicher Kontakte. Auch für viele Autist*innen sind soziale Medien ein wichtiges Thema und ermöglichen mehr Teilhabe am sozialen Leben. Weiterlesen

Lebensqualität im Spektrum – dürfen wir glücklich sein?

 

Eine Angst geht um unter Autist*innen – die Angst vor einem guten Leben, vor Lebensqualität und Glück. Das klingt absurd, ist aber tatsächlich die Folge eines diskriminierenden Systems, in dem Menschen mit Behinderung noch immer leben. Lange Zeit habe ich mich gewundert, wie sehr viele autistische Menschen ihr Leiden internalisiert haben, konnte nicht verstehen, warum sie sich nicht trauen, über positive Erlebnisse und Entwicklungen zu sprechen. Der Grund ist ein Tragischer.
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Diese „Krawallautisten“

„Das sind doch diese Krawallautisten“, sagt der ein oder andere Facharzt oder Therapeut, der die Folgen des autistischen Aktivismus an den eigenen Projekten zu spüren bekam. An Eltern und Kolleg*innen gibt er den wohlmeinend klingenden Rat weiter, sich von „denen“ fernzuhalten. Manch einer nennt uns noch etwas phantasievoller „Internetautisten“, was ich sehr lustig finde. Begreift man das Internet als Möglichkeit der Barrierefreiheit, ist das in etwa so, als nenne man Gehbehinderte „Rollstuhlmenschen“ – also ziemlich albern. Weiterlesen

“Es gibt keinen Ort, an dem nicht Gewalt an Frauen mit Behinderungen ausgeübt wird.”


In diesem Jahr beschloss Russland eine fatale Gesetzesänderung: Häusliche Gewalt gegen Frauen ist fortan ein Mal im Jahr straffrei. Statt wie vorher mit einer Gefängnisstrafe wird der prügelnde Ehemann seit der Änderung höchstens mit einer Geldstrafe von 500€ belegt. Was wie eine geschmacklose Satire klingt, ist blutiger Ernst. Initiiert wurde dies von der 51jährigen Russin Jelena Misulina, die damit klassische russische Familienwerte schützen will.
Dass die Weltgesundheitsorganisation WHO Gewalt gegen Frauen als eines der größten Gesundheitsrisiken von Frauen weltweit benennt, stellt man nach dieser Nachricht nicht in Frage. Auch außerhalb Russlands ergeht es Frauen nicht besser. Jede dritte Frau in Europa hat als Erwachsene körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.

Wie sind Frauen mit Behinderung davon betroffen?

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Nach “Team Wallraff”: Inklusion ist die einzige Lösung

Seit der Ausstrahlung von “Team Wallraff” am 20. Februar 2017 ist die Situation von Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf Thema vieler Diskussionen.

Die Sendung “Team Wallraff – Reporter undercover” schleust regelmäßig Reporter*innen verdeckt in Unternehmen, Einrichtungen und Organisationen mit dem Ziel ein, Missstände aufzudecken. In der angesprochenen Folge recherchierte eine Frau als Praktikantin in Einrichtungen und Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Sie fertigte versteckte Filmaufnahmen an, die viele RTL-Zuschauer*innen zu Recht schockierten. Was mich gleichermaßen entsetzte: die Reaktionen auf die Sendung, die die Geschehnisse entschuldigten und relativierten.

Während ich auf Twitter die immer hitziger geführte Debatte verfolgte, wurde mir vor allem eines bewusst: Mein Umgang mit Behinderung weicht stark von dem der meisten Menschen ab. Weiterlesen

Zirkelschluss

Wenn sich Menschen mit Behinderung dagegen wehren, respektlos und diskriminierend behandelt zu werden und aufgrund dieses unbequemen Aufbegehrens respektlos und diskriminierend behandelt werden, ist es doch nur die Verdeutlichung des Umstandes, dass Menschen mit Behinderung nicht als gleichwertig gesehen werden.
Menschen ohne Behinderung werden mit ihrer Kritik an Menschen mit Behinderung sehr viel ernster genommen als Menschen mit Behinderung, die Kritik an Menschen ohne Behinderung üben. Jenen wird von vornherein die Augenhöhe verweigert.

 

Hat die GFCF-Diät Einfluss auf Autismus?

Diäten sind die neuen Religionen. In unserem Bedürfnis, schöner, besser, klüger und gesünder zu werden, überschreiten wir hin und wieder die Grenzen der Vernunft und der Wissenschaft. Dieser Drang nach Selbstoptimierung durchzieht die ganze Gesellschaft; wer noch nie eine Diät gemacht hat, der werfe das erste Puddingteilchen. Bedenklich wird es allerdings, wenn man Diäten mit Heilsversprechen verknüpft und an denen anwendet, die (noch) nicht darüber entscheiden können, was sie essen: an Schutzbefohlenen, also Kindern.

Eine dieser Diäten, die immer wieder mit unseriösen Heilsversprechen auffällt und sich wachsender Beliebtheit bei Eltern autistischer Kinder erfreut, ist die GFCF-Diät.
GFCF meint glutenfrei (Gluten = Klebereiweiß, eine Proteinmischung die in einigen üblichen Getreidearten vorkommt) und caseinfrei (Casein = Milcheiweiß). Bei dieser Ernährungsform wird auf glutenhaltiges Getreide (Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel) sowie Milch und Milchprodukte verzichtet.
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Hilfe, Selbstvertretung!

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„Autismus hat viele Gesichter“, sagen Menschen und denken „All diese Gesichter sehen aus wie meines/das meines Kindes. Was dem nicht entspricht, kann also kein Autismus sein“.

Wir sprechen inzwischen vom Autismusspektrum. Ohne den Zusatz „Störung“, ohne die auf Außensicht beruhende, diskriminierende Einteilung „leicht“ und „schwer“. Ein weites, abstraktes Spektrum von Autist*innen mit mehr oder weniger großem Hilfebedarf, die eines gemeinsam haben: Eine eingeschränkte Teilhabe am Leben und eine Behinderung, die sie im Alltag beeinträchtigt. Manche so stark, dass sie permanente Betreuung brauchen, andere so, dass sie nur bei Bedarf Hilfe in Anspruch nehmen.
Ein Fortschritt für Autist*innen, mag man meinen. Ein wichtiger Schritt weg vom Tragödienmodell Behinderung, hin zum selbstbewussten Leben mit dem Anderssein. Wenn man aber genauer hinsieht, ist das nur verbaler Zuckerguss auf einem völlig verkohlten Kuchen. Weiterlesen

ABA stoppen – Ein erster Schritt.

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Die Belange von Autist*innen stehen in der Regel nicht auf der politischen Agenda – weder in Sachen Bildung, noch mit Themen, die das Schwerbehindertenrecht betreffen. Und das, obwohl sich selbst der UN-Generalsekretär bereits zu unserer Lage geäußert hat. Wir fühlen uns dadurch nur noch mehr als Personen, deren Rechte nicht anerkannt und deren Bedürfnisse ignoriert werden. So wie im bereits seit Jahren geführten Kampf gegen die Therapiemethode ABA, die Elemente aus Folter und Missbrauch enthält und trotzdem als Nummer Eins-Therapiemethode für Autist*innen gilt. Allein die Tatsache, dass eine derart schädigende, traumatisierende Methode im Jahre 2016 noch angewandt werden darf, sollte uns schon erschrecken. Umso schlimmer ist es, dass sie von Organisationen wie Aktion Mensch – die sich laut eigenen Angaben für Menschen mit Behinderung einsetzen – mit sechsstelligen Summen gefördert wird.
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