Lassen Sie uns über Tonnen sprechen.

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Ich bin ja ein bescheidener Mensch. Ich habe nicht allzu viele Ansprüche und Wünsche. Zugegeben, ich mag es einfach. Mit Kaffee, WLan und einer stillen Ecke kann man mich tagelang glücklich machen.

Wenn ich mir aber einen Wunsch erfüllen dürfte, es wäre eine Tonne.
Ja. ich hätte wirklich gerne eine Tonne. Eine Raumschifftonne. Wie es sich für eine richtige Weltraumfrau wie mich gehört, so eine Tonne wie in dem Film „Im Weltraum gibt es keine Gefühle“. Da versteckt sich ein Junge immer in einer Tonne, wenn ihm alles zu viel wird, so ein Junge wie ich es bin, also kein Junge, ich bin kein Junge, aber ich bin autistisch, so wie der Junge. Der hatte so eine Tonne, und ich will auch so eine Tonne. Eine Tonne, in der ich mich verstecken kann, wenn die Welt wieder zu laut wird, zu drängend, zu erschöpfend. Wenn ich wieder innerlich wund bin von all den Sinnesreizen und Eindrücken, die da draußen  lauern.
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Was tun, wenn Schüler Autismus haben?




Mit einem unentdeckten Autismus zur Schule zu gehen ist furchtbar, davon weiß nahezu jeder Mensch mit Autismus zu berichten. Mit einem diagnostizierten Autismus zur Schule zu gehen, scheint inzwischen aber die schlimmere Variante zu sein. Beinahe täglich lese ich von frustrierten Eltern autistischer Kinder und Kinder mit anderer Behinderung – ein aktueller Stern-Artikel zeichnete ein besonders düsteres, wie reales Bild – denen Inkompetenz vorgeworfen wird, weil sie auf die Bedürfnisse ihres Kindes hören. Eltern, die bevormundet werden und denen ein den häufig völlig unterschätzten Fähigkeiten des Kindes angepasster Bildungsweg verwehrt wird. Ihre teils jahrelangen Kämpfe bleiben nicht selten ohne Erfolg. Weiterlesen

„Schüchtern. Kreativ. Autist.“

Mehr sagt mein Tinder-Profil – aus dem Bekanntenkreis bekam ich den Rat, die Partnersuche auf diesem Wege zu versuchen – nicht über mich und doch ist das alles, was man wissen sollte, will man mich kennen lernen.
Es mag mutig erscheinen, das Thema Autismus bei der Partnersuche gleich von Anfang an zur Sprache zu bringen, doch wann anders wäre es denn angebracht? Eines Morgens am Frühstückstisch vielleicht, wenn man dem anderen die Butter reicht und sagt: „Liebling, möchtest Du noch Kaffe? Ich bin übrigens Autist.“ oder „Also auf die Party von Deinen Freunden würde ich lieber verzichten, weißt Du, Autisten sind da eher zurückhaltend. Ach. Habe ich Dir das noch nicht erzählt?“
Mit dieser frühzeitigen Information filtert man im Idealfall gleich die aus, die sich nicht damit auseinandersetzen möchten oder kein Verständnis aufbringen wollen. Weiterlesen

How to love an autistic

(Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit @misharrrgh.)

Du hast also erfolgreich einen autistischen Menschen gedatet, alle Level gemeistert und stehst jetzt vor dem Endgegner Liebe? Klar, Beziehungstipps bietet Dir jedes Onlinemagazin und alle wollen es besser wissen. Mit einem Autisten solltest Du aber all das, was Du über die Liebe weißt, noch einmal überdenken. Glaube nicht, Du wüsstest, wie der Beziehungsalltag mit Autisten läuft. Auch wir beide haben die Weisheit nicht gepachtet, uns aber bemüht, ein möglichst aufschlussreiches How To zusammenzustellen. So schaffst Du es vielleicht auch zu Deinem “happily ever autistic after”.

 

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How to date an autistic

Geht man davon aus, dass nach derzeitigem Kenntnisstand etwa 1% der Menschen AutistInnen sind, ist es statistisch gesehen recht wahrscheinlich, früher oder später einen von ihnen zu daten. Egal, ob wissentlich oder nicht. Erfahrungsgemäß kommt es dabei zu von der Norm abweichenden Situationen, nicht nur für schnell überforderte neurotypische DatepartnerInnen. Um diese möglichst zu minimieren, kann man sich an ein paar Regeln halten. Regeln, magst Du jetzt sagen, Regeln sind doch so 1950, vor allem beim Dating. Aber AutistInnen lieben Regeln. Also halt Dich dran, oder gehe mit jemandem aus, dessen neurologische Gegebenheiten so durchschnittlich sind wie die Anzüge von Markus Lanz.
Und komm uns bloß nicht mit superoriginellen Autistenwitzen, um das Eis zu brechen und Deine Unsicherheit zu überspielen. Wir kennen sie alle und Du erreichst damit maximal eine Platzierung in unseren Vollidioten-Charts, aber nicht unser Herz. Weiterlesen

Liebesgeschichte (10)

Als Du mich fragtest, wie ich mir die Liebe vorstelle, sagte ich, meine Liebe sei leise. Leise, aber stärker als alles, was sich der schwache Mensch nur vorstellen kann. Sie will keine Bühne, meine Liebe. Sie will nicht gefeiert werden. Sie will nur Raum.
Ein Wir, sagte ich, mehr braucht diese Liebe nicht, um zu wachsen. Stell Dir vor, wir wären ein Superhelden-Team. Unsichtbar vielleicht, ja, aber auch unbesiegbar, so lange wir nur beieinander blieben. Gemeinsam bestünden wir mühelos gegen den Rest der Welt. Da war ich mir sicher.

Und als ich sie dann erahnen konnte, diese leise, starke Liebe, als ich spürte, wie groß sie bereits in ihren Anfängen war, da musste ich gehen. Es war mir nicht möglich, es zu erklären, doch ich konnte mir nicht ausmalen, dass jemandem, der so fehlerhaft und wertlos ist wie ich, etwas derart Schönes widerfahren darf. Das schien mir falsch zu sein, das war gegen jede Vernunft. Liebe, die verdienen die guten, die klugen und schönen Menschen. Die Anderen. Die, deren Dasein Berechtigung hat. Denn Liebe, das ist etwas, das Sinn schenkt und das Leben erträglich macht und warum sollte ich das Leben ertragen dürfen?
Als ich fortlief, versprachst Du mir, ich werde sie wieder finden, diese Liebe, an einem anderen Ort und seitdem zieht es mich nur dort hin, wo nichts gedeihen kann.

Dies ist ganz sicher kein Text über das Dating.

Lange überlegte ich, einen Blogeintrag über Dating und Autismus zu schreiben, da dieses Thema früher oder später jeden Menschen, gleich ob neurotypisch oder Autist, betrifft und auch ich mich aktuell damit konfrontiert sehe. Ich startete mehrere Versuche, schrieb, korrigierte, verwarf sie wieder, formulierte ein paar Tweets, wertete die Reaktionen aus und kam schnell zu dem Entschluss, besser keinen Text über die Partnersuche online zu stellen. Weiterlesen

Wie die Literatur meinen Männergeschmack beeinflusste.

Sehen wir doch einmal den Tatsachen ins Auge.
Ich bin nun in einem Alter, in dem es die die rüstige, nie um eine ungefragte Meinung verlegene Verwandtschaft zunehmend besorgniserregend findet, mich noch immer nicht unter der sprichwörtlichen Haube und mit guter Hoffnung unterm Herzen zu wissen. Mit guter Hoffnung meinen sie erstaunlicherweise nicht den Wunsch, dass der Pizzabringdienst die versprochene Lieferzeit einhält und an den extra Käse gedacht hat, sondern spielen auf den weit verbreiteten Drang an, meine Gene mit denen eines Mannes zu mischen und daraus ein neues Lebewesen zu erschaffen. Nicht, dass ich es damit eilig hätte, überhaupt schon weiß, ob ich das will oder unbedingt den Wünschen Anderer Folge leisten möchte! Doch um ehrlich zu sein bin ich tatsächlich nicht besonders talentiert in Sachen Partnersuche und hege gewisse Zweifel daran, dass sich in absehbarer Zeit etwas an meinem Beziehungsstatus ändern wird.
Womit wir beim Kernpunkt des Problems wären: Den zu mir passenden Mann.
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Basis der Emotionen – die Basisemotionen

Mit den Emotionen ist es so eine Sache.
Sie widerfahren uns allen, mal intensiver, mal weniger intensiv. Und manchmal wähnt man sie gar verstorben und vergraben.
Es gibt eine Reihe von Grundgefühlen, die gattungsgeschichtlich und psychologisch eine große Rolle spielen, die Basisemotionen. Basisemotionen sind die Gefühle, die als wesentlicher Bestandteil jedes Menschen, unabhängig von Herkunft und Kultur, angesehen werden und theoretisch von uns allen mimisch erkannt werden können. Woher wissen wir aber, dass es Freude ist, was wir empfinden? Wie können wir so selbstverständlich davon ausgehen, dass wir alle ähnlich fühlen? Was gibt uns die Sicherheit, ein Gefühl sofort erkennen zu können? Weiterlesen