Die Chronik des Scheiterns – Ein Wiedersehen.

Der Kellner bewegt seinen Mund und schaut mich erwartungsvoll an. Vergebens ringe ich um Konzentration. In diesem winzigen, überfüllten Raum ist es so laut, ich kann beim besten Willen kein Wort verstehen.
Die Wahl des Restaurants habe ich ihr überlassen. Es ist zwar auch meine Heimatstadt, die ich gerade besuche, doch zu Hause bin ich hier schon lange nicht mehr.  Ich zeige stirnrunzelnd auf ein Gericht in der Karte. “Und ich nehme die Gnocchi”, sagt Katja und es klingt wie “Knotschi”, lustig irgendwie und schrecklich falsch; ich muss mich zwingen, sie nicht zu korrigieren.

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Die Chronik des Scheiterns – Ein Gespräch.

“Ich war schon als Kind seltsam.”
Die Ärztin nickte und ich malte mir aus, wie viele ihrer Patienten diesen Satz wohl schon gesagt haben. Jeder vierte? Jeder zweite?
“Es war offensichtlich, doch niemand wusste, woran es lag.”
Ich konnte meine Augen nicht von ihrer Bluse lösen. Schokoladenbraun war sie und übersät mit roten Punkten, deren Durchmesser ich auf etwa drei Zentimeter schätzte. Wahrscheinlich vermittelte ich den Eindruck, auf ihre Brüste zu starren. Ein beschämender Gedanke, doch das Muster fesselte mich. Vierundzwanzig Punkte zählte ich, während sich meine Gedanken sammelten.
“Hatten Sie Freunde?” Weiterlesen

Die Chronik des Scheiterns – Erste Schritte.

Als eine von nur drei Schülern mit einer festen Lehrstelle verließ ich den mit Abstand kinderreichsten Jahrgang einer Massenabfertigungsanstalt. Verzeihung, nein, einer Schule. Bis zum Ende habe ich es, wenn auch unfreiwillig, geschafft, sozialen Kontakten und Freundschaften aus dem Weg zu gehen und es verwundert nicht, dass ich als Einzige auf dem Abschlussfoto fehle. Man wird mich rasch vergessen.

Nur wenige Wochen später betrat ich zum ersten Mal das Wohnheimzimmer, das fortan mein Zuhause sein sollte und man sagte mir, ich solle glücklich sein, im einzigen Dreierzimmer wohnen zu dürfen. Alle anderen Mädchen teilten sich ihr Zimmer zu viert.
Glücklich. Ich konnte meine Freude kaum in Worte fassen ob der Vorstellung, fortan keine Sekunde mehr allein sein zu können, ja selbst die Waschräume des alten kirchlichen Wohnheims waren mit großen Gemeinschaftsduschen ausgestattet.
Jesus is watching you and your daily personal hygiene. Weiterlesen

Die Chronik des Scheiterns.

Jedes Mal, wenn mir jemand rät, mich doch mal bei Auticon zu bewerben, schlage ich meinen Kopf fest auf die Tischplatte, türme die zertrümmerten Holzstücke zu einem Scheiterhaufen auf, setze den Rat gebenden oben drauf und werfe bei Verlassen des Raumes effektvoll das brennende Feuerzeug über die rechte Schulter. Die Schreie, dass ich ja ohne Interesse an IT kein richtiger Autist sei, werden vom lebhaften Prasseln der Flammen übertönt und ich gehe entspannt in den Sonnenuntergang. Weiterlesen