Diese „Krawallautisten“

„Das sind doch diese Krawallautisten“, sagt der ein oder andere Facharzt oder Therapeut, der die Folgen des autistischen Aktivismus an den eigenen Projekten zu spüren bekam. An Eltern und Kolleg*innen gibt er den wohlmeinend klingenden Rat weiter, sich von „denen“ fernzuhalten. Manch einer nennt uns noch etwas phantasievoller „Internetautisten“, was ich sehr lustig finde. Begreift man das Internet als Möglichkeit der Barrierefreiheit, ist das in etwa so, als nenne man Gehbehinderte „Rollstuhlmenschen“ – also ziemlich albern. Weiterlesen

Vaxxed – die Zelluloid gewordene Stigmatisierung

 

Fast konnte man hoffen, Andrew Wakefield sei nach den Skandalen um seine gefälschten Impfstudie von der Bildfläche verschwunden. Im vergangenen Jahr wurde man leider eines besseren belehrt. Als Drehbuchautor und Regisseur wagte er seine Rückkehr auf die Bühne – und das sogar im Kinoformat. Mit seinem Film Vaxxed – die schockierende Wahrheit möchte er erneut die inzwischen mehrfach widerlegte These der autismusverursachenden MMR-Impfung unter das Volk bringen. Aufgrund seiner gefälschten Studie, mit der er vergeblich die These zu untermauern versuchte, wurde ihm die Approbation entzogen.
Im 90 Minüter Vaxxed – die schockierende Wahrheit inszeniert er sich als Opfer einer weltweiten Pharma-Verschwörung, die das Ziel verfolgt, der Menschheit gesundheitlich zu schaden, um so noch mehr Geld verdienen zu können. Mit Robert DeNiro fand diese bizarre Verschwörungstheorie einen prominenten Unterstützer, trotzdem wurde sein Film nach Protesten vom renommierten Tribeca Film Festival abgelehnt. Auch in London und Brüssel scheiterte er. Nun hat diese unglückseelige Rolle Zelluloid einen deutschen Verleih gefunden: Die Busch Media Group GmbH und Co. KG. Weiterlesen

“Es gibt keinen Ort, an dem nicht Gewalt an Frauen mit Behinderungen ausgeübt wird.”


In diesem Jahr beschloss Russland eine fatale Gesetzesänderung: Häusliche Gewalt gegen Frauen ist fortan ein Mal im Jahr straffrei. Statt wie vorher mit einer Gefängnisstrafe wird der prügelnde Ehemann seit der Änderung höchstens mit einer Geldstrafe von 500€ belegt. Was wie eine geschmacklose Satire klingt, ist blutiger Ernst. Initiiert wurde dies von der 51jährigen Russin Jelena Misulina, die damit klassische russische Familienwerte schützen will.
Dass die Weltgesundheitsorganisation WHO Gewalt gegen Frauen als eines der größten Gesundheitsrisiken von Frauen weltweit benennt, stellt man nach dieser Nachricht nicht in Frage. Auch außerhalb Russlands ergeht es Frauen nicht besser. Jede dritte Frau in Europa hat als Erwachsene körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.

Wie sind Frauen mit Behinderung davon betroffen?

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Nach “Team Wallraff”: Inklusion ist die einzige Lösung

Seit der Ausstrahlung von “Team Wallraff” am 20. Februar 2017 ist die Situation von Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf Thema vieler Diskussionen.

Die Sendung “Team Wallraff – Reporter undercover” schleust regelmäßig Reporter*innen verdeckt in Unternehmen, Einrichtungen und Organisationen mit dem Ziel ein, Missstände aufzudecken. In der angesprochenen Folge recherchierte eine Frau als Praktikantin in Einrichtungen und Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Sie fertigte versteckte Filmaufnahmen an, die viele RTL-Zuschauer*innen zu Recht schockierten. Was mich gleichermaßen entsetzte: die Reaktionen auf die Sendung, die die Geschehnisse entschuldigten und relativierten.

Während ich auf Twitter die immer hitziger geführte Debatte verfolgte, wurde mir vor allem eines bewusst: Mein Umgang mit Behinderung weicht stark von dem der meisten Menschen ab. Weiterlesen

Die Selbstvertretung im Zusammenspiel mit Fachkräften

Vor ein paar Monaten habe ich schon einmal darüber geschrieben, wie schwer es ist, sich für die autistische Selbstvertretung stark zu machen. Inzwischen hat sich die Situation noch verschärft. Seit die Aktion Mensch entschieden hat, ihre Förderung für ABA-Projekte auslaufen zu lassen und keine neuen Projekte zu fördern, die ABA beinhalten, haben sich die behindertenfeindlichen Angriffe, vor allem von Fachkräften, gefühlt vervielfacht.

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Hilfe, Selbstvertretung!

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„Autismus hat viele Gesichter“, sagen Menschen und denken „All diese Gesichter sehen aus wie meines/das meines Kindes. Was dem nicht entspricht, kann also kein Autismus sein“.

Wir sprechen inzwischen vom Autismusspektrum. Ohne den Zusatz „Störung“, ohne die auf Außensicht beruhende, diskriminierende Einteilung „leicht“ und „schwer“. Ein weites, abstraktes Spektrum von Autist*innen mit mehr oder weniger großem Hilfebedarf, die eines gemeinsam haben: Eine eingeschränkte Teilhabe am Leben und eine Behinderung, die sie im Alltag beeinträchtigt. Manche so stark, dass sie permanente Betreuung brauchen, andere so, dass sie nur bei Bedarf Hilfe in Anspruch nehmen.
Ein Fortschritt für Autist*innen, mag man meinen. Ein wichtiger Schritt weg vom Tragödienmodell Behinderung, hin zum selbstbewussten Leben mit dem Anderssein. Wenn man aber genauer hinsieht, ist das nur verbaler Zuckerguss auf einem völlig verkohlten Kuchen. Weiterlesen

Autist*innen auf dem Arbeitsmarkt – Teil 1

Wer mich auf Twitter oder Facebook liest, weiß es schon. Die letzten Wochen brachten viel: Viel Veränderung, viel Stress, viel Neues und viel Gutes. Doch was genau ist eigentlich passiert?

Vor einigen Monaten beschloss ich, meinen Lebensmittelpunkt nach Wien zu verlegen, wusste aber noch nicht recht, wie ich es angehen soll. Da ich dort nicht mehr nur für meinen eigenen Haushalt verantwortlich sein, sondern ihn mit meinem Partner teilen würde, kam die Freiberuflichkeit für mich nicht weiter in Frage. In solch einer Situation verlangt es nach Sicherheit und Zuverlässigkeit; meinen Partner in eine potenziell schwierige Lebenslage zu ziehen, die ich selbst verursache, ist ein schlimmer Gedanke für mich. Mein Sicherheitsbedürfnis und mein Wagemut verhalten sich einfach umgekehrt proportional zueinander. Doch sollten wir weiterhin eine Fernbeziehung leben? Es führte also nichts an einer Festanstellung vorbei. 

Doch mit dieser Erkenntnis eröffneten sich andere Schwierigkeiten. Weiterlesen

Autismus erleben – ein Spaß für die ganze Familie?

An diesem Wochenende fand in Augsburg der „Schwabentag“ statt, eine Veranstaltung, bei der Organisationen Gelegenheit hatten, über Behinderung zu informieren. Bereits im März sprach ich im Interview mit dem Stern über die für diesen Tag angekündigte Autismus-Erlebnis-Kabine des Caritasverbands für die Diözese Augsburg. Ich fand dieses Konzept bereits im Vorfeld bedenklich und äußerte mich entsprechend. Die daraufhin aufgenommene Kommunikation mit dem Caritasverband blieb ergebnislos: Ihrer Ankündigung, mit uns zusammenzuarbeiten, folgten keine Taten.
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Was tun, wenn Schüler Autismus haben?




Mit einem unentdeckten Autismus zur Schule zu gehen ist furchtbar, davon weiß nahezu jeder Mensch mit Autismus zu berichten. Mit einem diagnostizierten Autismus zur Schule zu gehen, scheint inzwischen aber die schlimmere Variante zu sein. Beinahe täglich lese ich von frustrierten Eltern autistischer Kinder und Kinder mit anderer Behinderung – ein aktueller Stern-Artikel zeichnete ein besonders düsteres, wie reales Bild – denen Inkompetenz vorgeworfen wird, weil sie auf die Bedürfnisse ihres Kindes hören. Eltern, die bevormundet werden und denen ein den häufig völlig unterschätzten Fähigkeiten des Kindes angepasster Bildungsweg verwehrt wird. Ihre teils jahrelangen Kämpfe bleiben nicht selten ohne Erfolg. Weiterlesen

Autistische Aktivisten – Nicht ohne uns über uns!

 

Autistische AktivistInnen – das klingt doch nach einem perfekten Widerspruch. Wie kann eine Minderheit von Menschen mit einer Behinderung, zu deren Störungsbild kommunikative Einschränkungen, Probleme im Sozialkontakt und oft auch eine mehr oder weniger ausgeprägte Konfliktunfähigkeit gehören, Aktivismus betreiben wollen?

Der Kernpunkt des Aktivismus ist jedoch nicht das Wollen, sondern die erdrückend große Notwendigkeit, für das entsprechende Thema einzustehen. Aktivismus ist für jede Minderheit deshalb so wichtig, weil die privilegierte Mehrheit kein Interesse daran hat, bestehende Strukturen zugunsten von Minderheiten aufzuweichen – sei es absichtlich oder aus Ignoranz. Um Veränderungen anzustoßen, braucht es Druck, eine kritische Masse, und Aktivismus hilft, diese kritische Masse zu erreichen. Wir AutistInnen müssen daher laut sein und anprangern, müssen unbequem sein, um gehört zu werden.
Es ist hart, denn Aktivismus heißt in den seltensten Fällen, Anerkennung für seine Arbeit zu bekommen. Aktivismus heißt vor allem, Feindbild zu sein, weil man den Finger in Wunden legt und Missstände thematisiert.
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