„Sozialer Autismus“ und andere Unsinnigkeiten.

Liebe Medien,

ich bin müde.
Nicht die Art müde, bei der man schlafen möchte, nein. Ich bin es leid, mich immer wieder wehren zu müssen.
Derzeit vergeht keine Woche, in der der Begriff Autismus nicht als Synonym für unangebrachtes oder unerwünschtes Verhalten genutzt wird und ich weiß nicht, wie so etwas überhaupt passieren kann. Würden Sie etwa einen Menschen, der vor Angst gelähmt ist, als Spastiker bezeichnen? Oder jemanden, der ausführlich fluchte, Tourette unterstellen? Nein? Sicher? Warum aber nutzen Sie dann die Diagnose Autismus auf ebendiese Weise? Autismus ist eine Entwicklungsstörung, eine emotionale Behinderung. Nicht mehr. Nicht weniger.

Ich bin Autistin. Nach Ihrer Definition müsste ich soziopathisch, egoistisch, egozentrisch, gefühlsblind, ja gar völlig unfähig sein, überhaupt Emotionen zu empfinden, so dass man mich unter keinen Umständen lieben kann. Man geht davon aus, dass meine Mitmenschen unter mir leiden und meine Eltern schwer damit gestraft sind, ein autistisches Kind zu haben. Zudem bin ich eine potentielle Gefahrenquelle für meine Mitmenschen, denn dieses Bild von einem Autisten entsteht, wenn man Ihren Artikel liest. Ich gebe offenbar tierhafte Geräusche von mir, stoße gutturale Laute aus und bin wahlweise geistig behindert oder ein rainmaneskes Genie. So genau weiß man das ja nicht, denn ich lebe ja in meiner eigenen Welt, aus der man mich dringend befreien muss.
All das verletzt, verunsichert und stigmatisiert mich.

Als hochfunktionale Autistin habe ich es in vielen Lebensbereichen sehr viel schwerer als meine neurotypischen Mitmenschen. Ich kann aus verschiedenen Gründen nicht so am sozialen Leben teilhaben wie Nichtautisten, unter anderem, weil ich durch die fehlende Reizfilterung meines Gehirns sehr schnell überlastet bin und nonverbale Kommunikation nicht beherrsche. Ja. Ich bin es gewohnt, ausgegrenzt zu werden, doch ich kann die Situation für mich ein wenig besser machen, indem ich anderen erkläre, warum ich bin, wie ich bin. Indem ich ihnen von meinem Autismus erzähle.

Das ist mir aber nur noch bedingt möglich, denn Menschen lernen.
Sie lesen Zeitungen und Zeitschriften und ziehen Wissen aus dem Gelesenen. In der Funktion als bildendes Medium ist die Falschverwendung eines solchen Begriffes also fatal, denn die Leser verinnerlichen diesen und halten mich als Autistin somit mehr für ein soziales Monstrum oder eine Maschine statt für eine fühlende, denkende Person.
Und genau damit machen Sie, liebe Medien, mein Leben noch ein bisschen schwerer.
Indem ich das immer wieder anmerke, indem ich immer wieder aufstehe und sage, dass genau das nicht fair ist, nicht richtig ist, kämpfe ich gegen papierne bzw. digitale Windmühlen, nur, dass ich meine Lanze längst verlor und Rosinante auch schon lang keine Lust mehr hat.
Darum tun Sie doch mir und allen anderen Autisten den Gefallen und verwenden Sie das Wort Autismus nur noch im richtigen Kontext. Vielen Dank.

Hochachtungsvoll

Outerspace Girl

Ein Gedanke zu „„Sozialer Autismus“ und andere Unsinnigkeiten.

  1. liebes outerspace girl…
    ich möchte dir bloss sagen, wie sehr ich mich freue, diesen, deinen Blog entdeckt zu haben! deine Zeilen – so so schön! wie oft ich mich in ihnen wiederfinde…der Wahnsinn! {auch ohne Diagnose: Autismus. {bei mir sind es unter anderem „bloss“ Depressionen, Persönlichkeitsstörung usw…} du hast jetzt jedenfalls eine neue Leserin!

    liebst,
    Liv *

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