Social Media als Mittel zur Barrierefreiheit?


Eine ganze Weile schon scheint es en vogue zu sein, in Feuilletons und Blogs Rants über Social Media zu schreiben, den Untergang aller entsprechenden Plattformen anzukündigen und eine Entwöhnung vom Smartphone zu fordern. Nicht mehr nur eine Ernährungsphilosophie, soll uns Detox auch in digitaler Form zu besseren Menschen machen. Das Internet, Smartphones, all das hält uns angeblich ja vom wirklich Wichtigen ab: Dem zwischenmenschlichen Kontakt.

Derartige Texte lassen mich ob ihrer Kurzsichtigkeit bitter lachen, denn es gibt Personengruppen – Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen zum Beispiel – für die ermöglicht Social Media erst den Aufbau und die Pflege zwischenmenschlicher Kontakte. Auch für viele Autist*innen sind soziale Medien ein wichtiges Thema und ermöglichen mehr Teilhabe am sozialen Leben.

Man sagt uns Autist*innen ja eine gewisse Affinität, quasi ein Naturtalent für alles rund um die IT nach, was natürlich eine sehr einseitige Betrachtungsweise ist. Nur ein geringer Teil der Autist*innen hat tatsächlich IT als Spezialinteresse und kann dort auch beruflich Fuß fassen. Ein Social Media-Profil hingegen haben viele von uns.

Autistische Herausforderungen

Eine der Herausforderungen, die Autismus mit sich bringt, ist die Schwierigkeit, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Man weiß nicht, wie man Menschen kennen lernt. Und wenn es doch passiert, weiß man oft nicht, wie es nun weitergeht. Wie oft meldet man sich bei einer neuen Freundin? Was erzählt man einem Arbeitskollegen? Wo sind die Grenzen und was ist erwünscht in Freundschaften? Natürlich haben auch wir ein Befürfnis nach Sozialkontakten, die einen mehr, die anderen weniger. Das Kennenlernen findet – egal, ob mit oder ohne romantischen Hintergrund – jedoch vor allem in den Zwischentönen und Subtilitäten statt. Man deutet an, macht sich interessant, übt sich im Schein; etwas, das autistische Menschen nicht nur anstrengend und schlecht nachvollziehbar, sondern oft auch völlig unnötig finden. Für viele Autist*innen ist darüber hinaus das Deuten von Mimik schwierig. In Social Media aber ist die Mimik codiert: Mit Emojis kann man Nonverbales eindeutiger definieren, als im Gespräch. Zwischentöne wie Ironie und Sarkasmus – was viele von uns hervorragend beherrschen, aber selten bei anderen erkennen – kann man entsprechend hervorheben oder interpretieren. In der Schriftform kann man zudem einen Satz noch einmal lesen, die Aussage reflektieren. Man kann sich ausführlich überlegen, ob und was man antworten möchte. Alles Vorteile, die man auf der verbalen Ebene oft nicht hat.

Wie erkennt man einander?

Online gibt es zwar auch kein lückenloses Regelwerk, doch einige Barrieren fallen weg.
Auch der Erfahrungsaustausch ist einfacher geworden. Es gibt zwar in vielen Städten Selbsthilfegruppen für Autist*innen, aber das Konzept dieser hat sich mir nie erschlossen. Der pathologische Charme, den allein der Name mit sich bringt, schreckt mich schon sehr ab. Obwohl Autist*innen 1% an der Bevölkerung ausmachen, trifft man sie im Alltag doch eher selten. Und woran soll man sich auch erkennen? Natürlich bemerkt man gewisse Auffälligkeiten und hat selbst weitaus feinere Antennen dafür, aber man kann ja schlecht auf eine Person zugehen und sagen “Hej, ich bin autistisch, du auch?”. Also, man könnte schon, ich fürchte nur, es käme nicht unbedingt sehr gut an; vor allem, wenn man sich irrt. So weit verstehen auch wir die komplizierten sozialen Regeln.

Manche nonverbale oder mutistische Autist*innen haben überhaupt erst durch E-Mail, Smartphone und soziale Medien die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Der Zuwachs an Lebensqualität, der dadurch für sie entsteht, ist nicht in Zahlen auszudrücken. 

Oberflächlich in Kontakt zu bleiben und ohne ein Gespräch oder einen Anruf zu wissen, was im Leben anderer Menschen geschieht, ist dank Facebook und Co. auch für uns einfacher geworden. Und die Geburtstagserinnerung hat sicherlich nicht nur mir schon einigen Ärger erspart. Man darf es zu Recht als Gewinn betrachten.

Die Vielfalt von Social Media

Natürlich ist nicht jede Plattform für jede autistische Person geeignet und nicht jeder kommt überall gleichermaßen gut zurecht. In thematisch festgelegten Foren kann man hervorragend ein Spezialinteresse pflegen und sich stundenlang unterhalten, ohne die andere User*innen weiter in sein Leben lassen zu müssen. Vertraute Gespräche ergeben sich wiederum eher in privaten Nachrichten auf Twitter oder Facebook. Und auf Instagram erhält man ästhetisch ansprechende Einblicke ins Leben verschiedenster Menschen. Partnerbörsen vereinfachen das Flirten und ermöglichen so auch autistischen Singles, einfacher spannende Leute kennen zu lernen.

Gerade für Eltern heranwachsender Autist*innen, die sich sorgen, wenn ihr Kind zu viel Zeit vor dem Computer verbringt, ist es recht wichtig zu schauen, was es dort überhaupt macht: Liest es mehr über das Spezialinteresse? Lernt es vielleicht programmieren? Knüpft es Kontakte oder findet Freunde? Recherchiert es über den eigenen Autismus, im Bemühen um Selbstakzeptanz? Natürlich brauchen Kinder jedweder neurologischen Gegebenheit Grenzen und Regeln, aber nicht jede überzogene Internetzeit ist gleich ein Grund für Sorge und Verbote. Es besteht auch die Möglichkeit, dass das Kind ein Stück Barrierefreiheit entdeckt.

Nicht ohne Gefahr

Völlig harmlos ist es natürlich auch wieder nicht, zu viel Zeit online zu verbringen. Wir Autist*innen sind furchtbar naiv und es fällt uns schwer, daran zu denken, dass nicht jeder Mensch gute Absichten hat. Das Mobbing-Risiko ist im normalen Leben schon enorm hoch, online ist es nicht anders. Auch dort haben wir Probleme damit, zu erkennen, wie viel Nähe okay ist und wann Grenzen erreicht sind. Das macht Autist*innen anfällig dafür, Opfer von Hass und Hetze bis hin zum Stalking werden. Die Schulung von Medienkompetenz und das Wissen darum, wo man Hilfe in diesen Fällen finden kann, ist für uns besonders wichtig.

Und genau da sollte man ansetzen. Aufklären, schulen, weiterbilden, Kompetenz entwickeln. Unkenrufe und Abgesänge auf Social Media sind nicht zielführend. Klar, nicht jede App ist sinnvoll und nicht jede neue Plattform überlebt das erste Jahr. Aber für viele von uns Autist*innen hat Social Media zu einer spürbaren Verbesserung der Lebensqualität gesorgt. Der Aufruf zum Social Media-Verzicht ist vor allem eins: Ein Zeichen für neurotypisches Privileg.

5 Gedanken zu „Social Media als Mittel zur Barrierefreiheit?

  1. Ich finde diese Hetze gegen Social Media auch furchtbar. Hätte ich Twitter nicht, gäbe es nur einen einzigen Menschen mit dem ich ich mich unterhalten kann, und das ist mein Freund mit dem ich fast 24/7 meine Zeit verbringe. Da hat man sich dann auch oft nicht mehr viel zu sagen. Auf Twitter kann ich alles erzählen. Ob traurige Dinge, lustige Dinge, interessante Dinge, oder einfach nur plaudern.
    Und „Geh doch mal raus um Menschen kennenzulernen!“ funzt nicht, weil ich viel zu viele Menschen kenne und gerade deswegen panische Angst vor Menschen hab, und deswegen meine Wohnung nur mehr in Notfällen verlasse.

  2. Auch ich hebe meine meisten Kontakte online; ganz einfach weil es viel entspanter für mich ist. Allerdings bin ich auch in Social Media sehr sparsam, was meine sogenannten „Freunde“ angeht. Speziell Facebook mit seinen Likes und dem Teilen von „was-weiß-ich“ etc. ist für mich eher anstrengend.

    Am liebsten ist mir immer noch die E-Mail, da hat man genügend Zeit um zu antworten und man kann sich die Formulierungen genau überlegen (und ein paar Smileys gehen auch noch).

    Insofern würde mein Sozialleben einen deutlichen Einschnitt bekommen, wenn ich diese Online-Möglichkeiten nicht mehr hätte.

    Glücklicherweise bin ich alt genug (ich bin Rentner *lach*), so dass mir niemand hier Vorschriften machen kann, wie lange und wie oft ich online bin.

  3. Mit den Internrtplattformen ist es doch wie mit vielen Dingen: die Menge machts. Kompetenz im Umgang damit erreicht man nicht durch die Forderung nach Verboten sondern durch Training.

  4. Auch ich habe durch das Internet viele interessante Menschen kennengelernt, die ich dann später auch bei Community-Treffen gefunden habe; ja, man findet über soziale Medien tatsächlich leichter Kontakt, wenn man sich schwertut im Kontakteknüpfen z.B. auf Partys, Betriebsfeiern u.ä.,

    LG
    Ulrike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sieben + sechs =