Facetten des Spektrums – Moritz aus Neuseeland

Kein Kakapo, aber trotzdem süß: Der Kea.

Wer mir auf Twitter folgt, kennt meine Vorlieben für Kohlenhydrate, ausgiebiges Granteln und süße Tiere. Unlängst habe ich mich dort über ein besonders niedliches Tier ausgelassen: Den zeitweise vom Aussterben bedrohten, flugunfähigen Kakapo, eine in Neuseeland beheimatete Papageienart. Meine Begeisterung teilten viele meiner Follower, auch ein deutscher Twitterer namens Moritz, der zufällig ebenfalls in Neuseeland lebt. Da ich seine Lebensgeschichte sehr spannend finde, habe ich ihn gebeten, sie auch mit euch zu teilen:

Nur ein geekiger Test

Der Weg zu meiner Autismusdiagnose begann mit einem Autism-spectrum Quotient Test, der vor knapp 15 Jahren bei mir im Büro die Runde machte. Ich arbeitete damals als Informatiker und war gewohnt dass meine Kollegen und ich als geekig wahrgenommen wurden. Als ich die Fragen im Test las, überkam mich schon eine Vorahnung und ich empfand sie fast als diskriminierend. Wie zu erwarten verfehlte ich nur knapp die Höchstpunktzahl. Die große Überraschung für mich war allerdings, dass alle meine Kollegen irgendwo im unauffälligen Mittelfeld oder darunter lagen. Ich nahm das erstmals alles nicht wirklich ernst, denn schließlich hatte ich es irgendwie geschafft mich bis dahin durchs Leben zu mogeln, hatte Schule und Studium mit guten Noten abgeschlossen und einen Job gefunden, der mir Spaß machte.

Ein paar Jahre später lernte ich meine jetzige Frau kennen, die durch ihr Studium auch ein wenig über Autismus wusste. Sie hat dann prompt ein paar entsprechende Verhaltensweisen in mir entdeckt und mir vorgespiegelt, beispielsweise als ich vom Einkaufen mit einer halben Palette meiner Lieblingsmarmelade nach Hause kam, weil ich davon ausging sie würde bald aus dem Sortiment genommen werden. Wir sind mit dem Thema ziemlich locker umgegangen und das hat mich nicht gestört. Ich war meist glücklich und hatte meine Freiräume und Rückzugsmöglichkeiten.

Neuseeland

Inzwischen leben wir mit unseren Kindern in unserer neuen Heimat in Neuseeland, wo wir uns ein neues Leben aufgebaut haben. Hier habe ich auch beruflich jemanden kennenglernt, der ziemlich offen mit seinem Autismus umgegangen ist und sowohl er als auch seine Frau haben mir dann unabhängig voneinander auf den Kopf zugesagt, dass sie meinten ich könnte auch Autist sein. Dass ich mich irgendwo auf dem Spektrum wiederfinden würde hatte ich ja schon geahnt, allerdings war ich ziemlich überrascht, dass sie mir das beide so deutlich angesehen haben.

Zu der Zeit hatten wir beruflich und privat sehr viel um die Ohren und ich war froh jemanden zu haben, mit dem ich mich austauschen konnte. Gleichzeitig habe ich Fuchskind entdeckt und erst die Comics auf der Webseite verschlungen und mir dann den Schattenspringer gekauft. Beim Lesen ist dann meine Welt zusammengebrochen, weil ich mich wirklich auf fast jeder Seite wiedererkannt habe. Ich hatte so vieles vergessen, verdrängt, überspielt, vernachlässigt oder einfach nicht akzeptiert und hier kam Seite für Seite eine geballte Ladung Realität auf mich zu. Ich hätte nie damit gerechnet, wie sehr mich das mitnehmen würde, im positiven wie negativen Sinn. Ich war einerseits überglücklich mich besser zu verstehen und Seiten wiederzuentdecken, die ich längst aus meiner Wahrnehmung verdrängt hatte. Andererseits war ich sehr traurig, weil es doch so eindeutig und endgültig schien. Ich wusste auch nicht wirklich viel über Autismus und musste erstmal mit der Situation alleine klarkommen (wie ich das schon immer gemacht habe).

Diagnose – Ja oder nein?

Ein paar Monate lang habe ich dann noch gehadert und über den Sinn einer offiziellen Diagnose gegrübelt. Schließlich wusste ich ja ungefähr was mit mir los war und das Leben ging irgendwie auch so weiter. Dann kam allerdings der Punkt an dem meine Angst und Befürchtungen mich dem ganzen Prozedere auszusetzen und mit jemandem darüber zu reden nicht mehr gegen den Drang ankamen, es doch offiziell zu machen. Natürlich war ich auch am Zweifeln und besorgt, dass ich vielleicht doch nicht Autist bin, sondern etwas ganz anderes mit mir sein könnte, und das wollte ich wissen.

Als erstes ging ich zum nächsten Büro des hiesigen Autismusverbandes. Sich jemandem wildfremden zu offenbaren und nach Hilfe zu fragen war eine große Überwindung und quasi eine gute Generalprobe vor der eigentlichen Diagnose, darüber hinaus allerdings keine große Hilfe. Meine Ansprechpartnerin hatte nicht wirklich Ahnung, aber Interesse an Autismus, weil sie vermutete ihr Mann wäre betroffen – und das wars dann auch schon.

Als nächstes habe ich mir einen Termin bei meiner Hausärztin besorgt und die war tatsächlich auch sehr bemüht, hat mir einen Haufen Fragen gestellt und dann sogar einen deutschsprachigen Psychologen vor Ort ausfindig gemacht. Sprache hat ja doch so viele Feinheiten, und die Diagnose auf Englisch machen zu müssen hat mich ein wenig besorgt. Letztlich bin ich dann aber doch zu einer anderen englischsprachigen Psychologin gegangen, die sich auf Autismus in Erwachsenen spezialisiert hatte, was mir sinnvoller erschien.

Terminschwierigkeiten

Um einen Termin zu bekommen, sollte man auf einem Anrufbeantworter eine Nachricht hinterlassen und beschreiben, wofür man den Termin haben wollte. Nicht gerade das, was man sich als Autist wünscht und ich bin den Anruf unzählige Male im Kopf durchgegangen. Als ich dann endlich anrief, ging allerdings jemand unerwartet ans Telefon und ich habe erstmal kein Wort rausbekommen, habe es dann aber doch noch geschafft einen Termin 2 Wochen später zu bekommen. Danach sollten noch weitere Gespräche mit meiner Partnerin und meinen Eltern folgen.

Bewaffnet mit dem Schattenspringer und einer langen Liste an Stichpunkten ging ich zu der mir gegebenen Adresse, einem unauffälligen Haus in einem Wohngebiet. Ich ahnte nicht, dass mich dort eine der größten Hürden auf meinem Weg erwarten würde: an der Haustür standen drei Namen, nur nicht der, zu dem ich wollte! Es ist mir schleierhaft, wie sich jemand angeblich auf Autismus spezialisieren und dann so eine erstklassige Falle aufstellen kann. Ein paar Minuten Zeit hatte ich noch, so dicht dran und doch kurz davor wieder umzudrehen. Schließlich schaffte ich es doch, mir einen Ruck zu geben und reinzugehen – etwas was ich nur ein paar Wochen davor nicht fertiggebracht hätte.

Die Bestätigung

Da ich anfangs schon meinen Verdacht auf Autismus geäußert hatte, wurde ich gebeten einfach zu erzählen, warum ich das glaubte und so sind wir zusammen meinen Lebensweg und meine Liste durchgegangen mit. Ich war gut vorbereitet und dadurch ging alles relativ schnell. Es folgte ein zweites Gespräch ein paar Wochen später und am Ende sagte mir die Psychologin, mein Autismus sei so ausgeprägt, dass keine weiteren Termine nötig wären – es schien als hätte ich schon wieder den High Score geknackt.
Ein kritischer Punkt fehlte allerdings noch, denn hier wird man nur als Autist diagnostiziert, wenn man dadurch im täglichen Leben Einschränkungen hat und das auch glaubhaft machen kann. Lebenslange Anpassungsbemühungen meinerseits haben mir ein äußerlich mehr oder weniger unauffälliges Leben ermöglicht und dadurch war das schwieriger zu vermitteln als erwartet. Damals hatte ich auch noch keine Ahnung, wie sehr mich das Thema weiterhin noch beschäftigen würde und ich war weit vom meinem jetzigen Grad an Akzeptanz entfernt. Und schließlich ist es nicht sehr angenehm andere von seinen eigenen Schwächen oder Problemen zu überzeugen. Einige schlaflose Nächte später hatte ich eine Reihe an schwierigen Situationen aufgeschrieben und damit war auch die letzte Hürde geschafft und ich bekam ein paar Wochen später den lange erwarteten Brief mit der Bestätigung.

Das ist jetzt knapp zwei Jahre her und ich lerne immer noch viel Neues über mich und Autismus durch Blogs und andere Autisten auf Twitter und dafür bin ich sehr dankbar.


Danke, Moritz, für deine Geschichte. Ich finde es sehr bewundernswert, wie du dein Leben gestaltest. Folgt Moritz auf Twitter: @AutisticKiwi

Du möchtest ebenfalls von deinem Autismus erzählen? Schreib mir gerne eine Mail!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

achtzehn + zwanzig =