„Schüchtern. Kreativ. Autist.“

Mehr sagt mein Tinder-Profil – aus dem Bekanntenkreis bekam ich den Rat, die Partnersuche auf diesem Wege zu versuchen – nicht über mich und doch ist das alles, was man wissen sollte, will man mich kennen lernen.
Es mag mutig erscheinen, das Thema Autismus bei der Partnersuche gleich von Anfang an zur Sprache zu bringen, doch wann anders wäre es denn angebracht? Eines Morgens am Frühstückstisch vielleicht, wenn man dem anderen die Butter reicht und sagt: „Liebling, möchtest Du noch Kaffe? Ich bin übrigens Autist.“ oder „Also auf die Party von Deinen Freunden würde ich lieber verzichten, weißt Du, Autisten sind da eher zurückhaltend. Ach. Habe ich Dir das noch nicht erzählt?“
Mit dieser frühzeitigen Information filtert man im Idealfall gleich die aus, die sich nicht damit auseinandersetzen möchten oder kein Verständnis aufbringen wollen.

Nachdem ich der App das gewünschte Alter des potentiellen Partners und einen ungefähren Umkreis genannt habe, bekomme ich unzählige Vorschläge. Eine Handvoll Bilder und im besten Falle ein paar beschreibende Worte sind die Basis, auf der ich entscheiden muss, ob mir der Mann gefällt und ich an einer Konversation Interesse habe. Ist dies nicht der Fall, schiebe ich das Bild nach links und er ist verschwunden. Nach einigen uninteressanten Vorschlägen zeigt sich mir ein attraktives Gesicht, ich schiebe es also nach rechts. “It’s a match!“ – dieser Satz tanzt über das Display und ich bin ziemlich überrascht, wie schnell das ging. Auch bei den kommenden Profilen gibt es ausnahmslos Matches. 
Wie kann das sein? Mir kommt der Verdacht, dass der Großteil der User die Auswahl eher großzügig trifft und es dauert nicht lang, bis ich erste Nachrichten erhalte. Doch das ist erst der Anfang. Ein paar Stunden später pusht das Mobiltelefon permanent neue Nachrichten, fremde Leute stellen immer gleiche Fragen, wollen mehr über mich erfahren, mich möglichst bald treffen und ich bin restlos überfordert. Wenn ich doch schon Probleme habe, mich für einen neuen Wasserkocher zu entscheiden, da ich einfach nicht herausfinden kann, welcher der beste für mich ist, wie soll ich es dann bei einem Menschen schaffen?
Die kleine Marlies möchte bitte aus dem Tinder-Paradies abgeholt werden!
Schnell werfe ich diese App wieder von meinem Telefon, diese Art des Kennenlernens liegt mir wohl doch nicht.

Die Partnersuche ist ja für neurotypische Menschen schon schwierig, für Autisten hält sie ein paar ganz besondere Schrecken bereit. Allein am Vorgang des Kennenlernens kann man auf beinahe unzählige Arten scheitern. Ein Flirt läuft größtenteils nonverbal und im Subtext ab und bezieht sich somit auf eben jene Arten der Kommunikation, die ein Autist nur mit viel Mühe oder gar nicht beherrscht. Das Spiel aus Ablehnung und Anziehung, die Jagd, die Versuchung des Ungewissen – all das liegt mir nicht und es löst Angst aus, statt mich zu reizen.
Aber welche Alternativen gibt es, wenn man schüchtern ist und große Probleme hat, Kontakte herzustellen und zu halten?

Ich fand vor vielen Jahren einmal einen Partner, indem ich im Overload durch einen Club torkelte, er mich umrannte und ich dabei eine Kontaktlinse verlor. Wir kamen ins Gespräch, er fragte nach meiner Telefonnummer, wir sahen uns wieder und gefielen uns auch im nüchternen Zustand noch sehr gut. Der Stoff genügt vielleicht nicht für eine Hollywood-Romanze, uns langte er aber immerhin für zwei Jahre solide Beziehung.
Derartige Zufälle sind jedoch so selten, wie sie unberechenbar sind und einem anderen Mann hätte ich in der gleichen Situation vermutlich meinen Drink ins Gesicht geschüttet. 
Da Clubbesuche aber für die meisten Autisten ohnehin nur selten eine Option sind und ich mich selbst diesem Stress auch nicht mehr aussetze, fällt die Möglichkeit also weg.

Trotz dieser Besonderheiten sind die Grundbedürfnisse wohl bei den meisten Menschen ähnlich: Wir alle suchen in einer Partnerschaft nach Liebe, Zuneigung, Verständnis und Akzeptanz, bei Autisten kommt oft noch ein erhöhtes Bedürfnis nach Sicherheit und der Wunsch nach direkter, klarer Kommunikation hinzu.
An dieser Stelle möchte ich eine sprichwörtliche Lanze für das Onlinedating brechen. Sicher, es ist nicht frei von Problemen und auch nicht spielend einfach, doch es ermöglicht das Kennenlernen in einem geschützten Raum und auf der Basis schriftlicher Kommunikation, in welcher sich viele Autisten etwas wohler fühlen. Ich betrachte es als angenehme Alternative und meine, es ist deutlich besser als sein Ruf, denn es gibt uns die Möglichkeiten, einander auf eine emotionale und intellektuelle Art nah zu sein, ohne dass man sich gegenübersteht und Augenkontakt und Berührungen fürchten muss. Man kann länger und intensiver erklären, inwiefern man anders ist und wie wenig das an der eigenen Persönlichkeit ändert. 
Da es aber nicht ohne Gefahr ist, seinen Partner online zu suchen, sind einige Regeln zu beachten:

Wo man sich anmeldet und auf welcher Plattform man am besten aktiv wird, kann ich nicht sagen. Es muss nicht immer eine Singlebörse sein, auch Foren und soziale Netzwerke funktionieren. Neue Accounts bedeuten aber manchmal auch viele neue Kontakte, was schnell überfordert und schonmal einen Overload verursachen kann. Es ist also klüger, langsam und sorgfältig zu überlegen, wo man sich anmeldet.
Wenn es darum geht, über sich selbst zu schreiben, rate ich zu Klarheit und Fakten. Niemand sollte es nötig haben, sich schöner, klüger, interessanter zu schummeln und das Gegenüber könnte sich schon ein wenig wundern, wenn nicht Megan Fox zum ersten Date kommt, obwohl das Profilbild sie ja eindeutig zeigt.

Im Idealfall weiß man, was man will und was man sucht.
Eine Partnerschaft? Freunde? Oder Leute, die die gleichen Interessen teilen? Genau das packt man in schöne Worte. Mit einem ansprechenden Profil hat man auch als schüchterner Mensch die Chance, nicht den ersten Schritt machen zu müssen und Nachrichten zu erhalten, obwohl meine Erfahrungen als Frau dabei sicher kein Maßstab sind. 
Bei den sich ergebenden Kontakten ist Achtsamkeit wichtig. Der schriftliche Austausch ist direkter und mit weniger kommunikativen Stolperfallen wie Subtext und Metainformationen versehen, bietet Raum für Nähe, Romantik und Emotion, ohne dabei so anstrengend zu sein, wie ein direkter Kontakt. Man fasst aber auch schnell Zutrauen und ist vielleicht zu offen mit privaten Informationen. Viele Autisten sind erfahrungsgemäß sehr vertrauensselig, auch ich habe oft Mühe, mir vorzustellen, mein Gegenüber habe etwas Böses im Sinn. So ein Traumprinz ist oft nicht viel mehr als ein Frosch im Prinzenkostüm, die Erfahrung musste ich bereits machen. Und dann endet der Kontakt mit einem gebrochenen Herzen, übermäßig hohem Verbrauch an Taschentüchern und der Frage, was nun eigentlich schief gelaufen ist. 
Darum sollte man sehr vorsichtig sein und sich bereits im Vorfeld Gedanken darüber machen, welche Details man über sich preis geben möchte, zudem auf sein Bauchgefühl hören und auch einmal den Rat des sozialen Umfelds einholen, wenn man sich bei einer Person unsicher sein sollte. Adressen, Telefonnummern und alle Informationen, die erreichbar machen, sind sensibel. Niemand möchte plötzlich und ohne Vorwarnung angerufen oder besucht werden.
Kontakte lassen sich online schnell wieder kappen, wenn es denn nötig sein sollte, eine freundliche, aber bestimmte Nachricht reicht in der Regel dafür. Falls nicht, nutzt man die Block-Funktion. Das ist nicht unhöflich, sondern Selbstschutz.
 Wann, wie und ob es dann funkt, ob man sich verliebt, die große Liebe findet oder das Experiment doch scheitert, nun, das sind Geschichten, die jeder einzelne für sich schreiben muss. 
Meine hat gerade erst begonnen.

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Dieser Text erschien erstmals im N#mmer-Magazin Ausgabe 1 / Dezember 2014 .

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