Routinen

Ich schlage die Decke über das metallene Fußende, schwinge die Beine aus dem Bett, wackele mit den Zehen und greife nach dem Bademantel. Seine Flauschigkeit erfreut mich, ich genieße lächelnd. Im Bad nehme ich die Zahnbürste, darauf kommt ein kleiner Klecks der üblichen Zahnpasta. So vertraut. Zähne putzend laufe ich  ins Ankleidezimmer, schlüpfe kurz aus dem Bademantel, steige auf die Waage. Nun zurück ins Bad, dann schnell in die Küche. Fünf gehäufte Maßlöffel Kaffeepulver, es folgt ein Seitenschritt, den Arm zum Schrank mit den Tassen erhoben, Pirouette, zurück in die Grundposition. Es ist mir ein Fest, eine innere Symphonie, meine tägliche Choreographie, geliebte Routine. Sie bereitet mir eine Freude, die schwer in Worte zu fassen ist.
Stellen Sie sich vor, Sie schlüpfen in einen alten, kuscheligen Pullover, in dem Sie ihre schönsten Tage verlebt haben. So fühlen sich Routinen wohl an. Sicher, vertraut, behaglich. Man könnte mir die Augen verbinden, vermutlich wäre jeder Schritt intuitiv gleich und somit richtig.
Muss ich auf meine Routinen verzichten oder sie spontan abändern, angleichen, bleibt nichts als Hilflosigkeit und Verwirrung. Dann ist die Welt falsch und unvollständig, fremd und furchteinflößend. Dann braucht jeder Schritt Aufmerksamkeit, strengt an, will bewusst gemacht werden und erschöpft. Natürlich können diese Gewohnheiten angepasst, neu erfunden und abgeschafft werden, doch das bedarf viel Zeit und einer gewissen Notwendigkeit. Nicht jede Routine ist zeitlich festgelegt, so backe ich sonntags gern süße Leckereien, muss dies aber nicht zwingend jeden Sonntag machen. Anders ist es bei der Sendung mit der Maus. Für einen vollständigen Sonntag ist sie unerlässlich.
Manchmal hasse ich all das, empfinde es als Gefängnis, fühle mich eingeengt. Dann träume ich davon, einfach spontan zu tun und zu lassen, was ich möchte, hinauszugehen und in vollen Zügen zu leben, wie ich es bei anderen sehe. Doch das kann ich nicht, die Konsequenzen wären unangenehm wie langwierig und würden mich über einen unbestimmten Zeitraum völlig erschöpft und aufgerieben zurücklassen.
Obwohl ich vor beinahe drei Monaten umzog, kaufe ich noch immer in dem alten Supermarkt unweit der Arbeitsstelle ein und laufe mit den Lebensmitteln über zwei Kilometer in das neue Zuhause. Das mag ein wenig verrückt klingen, doch es ist mir wichtig. Die Verkäuferin lächelt mich immer an, sie schätzt meine Freundlichkeit und meine Dankesworte. Die stets gleichen Produkte liegen an ihren gewohnten Plätzen und ich kann sie auch in größter Verwirrung und Erschöpfung finden, während ich auf meiner üblichen Route durch die Gänge laufe.
Man darf nun aber nicht annehmen, ich sei gänzlich unflexibel und für immer festgelegt, auch wenn das gerade so klingen mag. Irgendwann werde ich in eine andere Stadt ziehen, vielleicht in ein anderes Land. Das ist nicht unmöglich, es gehört zum Lauf der Dinge. Es wird nicht einfach und ich werde große Schwierigkeiten haben. Doch ich werde schnell neue Wege finden, neue Sicherheiten aufbauen und neue Gewohnheiten entwickeln. Denn in den großen Veränderungen des Lebens sind es die kleinen Routinen des Alltags, die mich stützen und mir Halt geben.

Ein Gedanke zu „Routinen

  1. Die Sache mit den Routinen kenne ich auch recht gut. 😀

    Ich hoffe es stört dich nicht wenn ich sage, dass du absolut _großartig_ schreibst. Ernsthaft.
    Toller Blog.

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