Religionszugehörigkeit: Verschwörungstheorie


Niemand weiß, wie es begann.
Der erste kollektive Glaube war vermutlich eine Erklärung für Naturphänomene und Schicksalsschläge, auf die sich eine Gruppe Menschen einigte. Dieser Glaube gab Halt angesichts des Donners, er spendete Trost, wenn der Regen ausblieb, er gab einen Grund, wenn die Liebsten starben. Kurz gesagt: Er verlieh Dingen, die dem Zufall geschuldet sind – inklusive der eigenen Existenz – einen Sinn.

Irgendwann begriff der Erste, dass man mit diesem Glauben Kontrolle ausüben konnte. Vielleicht beruhte dessen Motivation sogar auf einem ganz und gar unschuldigen Blickwinkel: Aus dem Wunsch heraus, Ruhe und Frieden in der Gruppe aufrechtzuerhalten, überhaupt eine Gemeinschaft zu bilden, die über Ort und Zeitpunkt hinausging, berief er sich auf den neuen Glauben, auf diese Erklärungen und forderte Einigkeit. Doch wie es bei Spider-Man heißt: Aus großer Macht folgt große Verantwortung. Einer berücksichtigte das, Andere zogen ihren Nutzen aus dieser Macht.

Der einzig wahre Glaube

Als man dann auf eine andere Gruppe stieß, die andere Erklärungen hatte, einen anderen Glauben, aber auch fruchtbarere Felder, mehr Vieh und schönere Frauen, waren die Erklärungen der anderen, die den eigenen Erklärungen zuwiderliefen eine Begründung dafür, den anderen ihr Hab und Gut zu rauben und Kriege zu beginnen. Schließlich war ihre Erklärung falsch, musste falsch sein. Denn wenn ihr Glaube richtig war – was sagte das über den eigenen Glauben?

Am Ende dieser Entwicklung standen irgendwann die Kirchen, die die spirituelle Macht mit der weltlichen verquickten. Und die Kirchen erkannten: Wissen war Macht. Je mehr das Volk wusste, desto weniger folgsam war es. Und je einfacher die Erklärungen, die man lieferte, desto mehr glaubten die Menschen.

Einfache Erklärungen für Unbekanntes – das ist im Prinzip das, was man Glauben nennt. Jahrhundertelang hat die Kirche das Leben der Menschen verständlich und übersichtlich gemacht, hat das komplexe Sein auf verdauliche Häppchen reduziert, die Deutungshoheit über die Moral erlangt und nebenbei noch eine finanzstarke Weltmacht aufgebaut. Wissen war in der Kirchengeschichte lange Zeit nur wenigen vorbehalten.

Die Menschheit im Wandel

Bis im 18. Jahrhundert die Aufklärung begann und mit ihr der Widerstand gegen Tradition und Gewohnheitsrecht. Die Kirche verlor immer mehr an Macht, rationales Denken und Wissenserwerb standen im Fokus und das Leben wurde immer komplizierter.

Mit dem Internet hat der bis heute fortschreitende Wandel noch einmal massiv Fahrt aufgenommen. Wir haben nahezu unbegrenzten Zugang zu Wissen und Information. In unserem gemütlichen Wohnzimmer erleben wir Naturkatastrophen, Terror, Gewalt – die Grausamkeit der menschlichen Rasse wird uns schonungslos vor Augen geführt. Wir leben nachweislich in so friedlichen Zeiten wie nie zuvor, doch subjektiv scheint die Welt uns immer bedrohlicher und es gibt keinen Gott, keine höhere Macht, der wir die Verantwortung dafür in die Schuhe schieben können.

Und wir reagieren darauf. In den USA wird an Schulen vermehrt der Kreationismus statt der Evolutionstheorie gelehrt, schließlich muss es einfache Erklärungen geben. Wir können doch nicht zufällig entstandene Zellhaufen mit Bewusstsein sein, da muss doch System dahinter stecken, eine Bedeutung, ein höherer Sinn!

Erklärungen bitte!

Die Kirchen verlieren stetig Mitglieder, Sekten haben immer weniger Zulauf, das Bedürfnis nach einer einfachen Weltsicht bleibt aber bestehen. Viele große Rätsel der Menschheit wurden bereits gelöst. Die Menschen waren im All und haben Teilchen entdeckt, deren Winzigkeit unvorstellbar ist. Viele Fragen sind beantwortet, viele werden es noch. Und doch, den Zufall kann man nicht erklären. Warum erkranken Menschen? Wie heilt man Krebs? Wie entstehen neurologische Diversitäten wie Autismus?

Auf unserer Suche nach den Erklärungen wollen wir es bequem, egal, ob es um Diäten geht, um Selbstoptimierung oder um Krankheit, Terror und Krieg. Aus der Fülle der Angebote wählen wir die, die am besten in unser Weltbild passt und uns am angenehmsten serviert wird. Wir wählen die Partei mit der niedrigsten intellektuellen Barriere. Wir zweifeln wissenschaftliche Quellen an und ziehen die anekdotische Evidenz der empirischen vor. Was der Schwester des Schwagers des Postboten geschehen ist, von dem die Nachbarin gehört hat, empfinden wir als vertrauenswürdiger als wissenschaftliche Studien von gesichtslosen Forschern. Sinn müssen die Theorien nicht ergeben. Es ergibt ja auch keinen Sinn, dass eine Jungfrau den Heiland gebar; der Beliebtheit dieser Geschichte tut das bis heute keinen Abbruch.

Die neuen Propheten

Um dieses Bedürfnis nach einfachen Erklärungen hat sich wieder, ähnlich wie bei den Kirchen in vergangenen Jahrhunderten, eine finanzstarke Industrie gebildet, die ganz genau weiß, wie sie Menschen erreicht. Das von ihnen als einzig wahr erklärte Wissen besitzen auch hier nur wenige Auserwählte. Personen wie Jim Humble genießen Prophetenstatus und lassen sich auf Kongressen und Versammlungen bejubeln. Niemand hat die Würmer, die seiner Meinung nach Autismus verursachen, je gesehen, nur Teile der Darmschleimhaut, die sein MMS weggeätzt hat, offenbaren sich dem unwissenden menschlichen Auge. Wenn die autistischen Kinder sich unter Krämpfen winden und sich erbrechen, dann, so sagt er, dann wirkt sein Mittel erst. Das erinnert stark an die Inquisition. Wenn die vermeintliche Hexe ertrinkt, dann war sie wohl doch unschuldig. Die Glückliche, hat sie doch nun ein One Way Ticket in den Himmel!

Auch für die Entschlüsselung der Aurafotografie, für die Erkennung von Chemtrails, vergifteten Impfungen und allerlei anderer geheimer Ausrottungspläne für die Menschheit muss man über geheimes Wissen verfügen, das die Hüter*innen der Verschwörungstheorie verantwortungsvoll bewahren. Aber gegen ein paar hundert Euro sind sie natürlich bereit, ihre Gegenmittel mit uns zu teilen. Iss dies, kaufe das, befolge jenes und es wird dir gut gehen. Wer sich dagegenstellt, ist natürlich Teil des Bösen, Mitverursacher des Übels, ein Ketzer. Die Erfinder des Ablasshandels würden vor Neid schier erblassen.

Jede Menge Verschwörungstheorien

Vielen von uns macht die gefühlt unablässig wachsende Masse tumber Verschwörungstheoretiker Angst. Diskussionen mit ihnen sind nicht möglich und erinnern an Taubenschach: Egal, wie geschickt du spielst, die Taube wird alle Figuren umwerfen und herumstolzieren, als hätte sie gewonnen. Verschwörungstheoretiker sind sich nicht zu schade, aus dem Schicksal von Menschen Profit zu schlagen. Impfgegner*innen benutzen autistische Menschen zur Untermauerung ihrer Thesen und behaupten, der Tod durch eine Infektionskrankheit sei dem Leben als Autist*in vorzuziehen.

Egal, wie fortschrittlich wir sind, wie schnell die Entwicklung der Menschheit vonstatten geht – im Grunde seines Wesens ist der Mensch wohl noch immer das Kind, das glauben möchte, dass der Onkel ihm die Nase geklaut hat. Und wie bei der geklauten Nase helfen bei Verschwörungstheorien kaum Argumente. Wer glauben will, wird glauben, dann verstärken gegenteilige Fakten diesen Glauben höchstens.
Am Ende ist Aufklärung eine Entscheidung: Habe ich den Mut, mein Weltbild in Frage zu stellen oder halte ich mir die Ohren zu? Man kann nur hoffen, dass es weiterhin mutige Menschen gibt, die nicht nur glauben, sondern wissen möchten.

 

 

 

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