Pausengedanken


Nachdem ich bei Anita las, wie schwer es ihren vier autistischen Kindern fällt, Pausen in ihren Alltag zu integrieren beziehungsweise die Notwendigkeit von Pausen überhaupt zu erkennen, dachte ich darüber nach, wie ich es als autistische Erwachsene handhabe. Und ich muss zugeben: Nicht unbedingt besser, im Gegenteil. Waren in der Kindheit die Schulferien zuverlässige Erholungszeiten, sind es heute, wo ich das Schreiben in einen vollen Berufsalltag integrieren muss, die… Ja, also, was soll ich sagen? Es gibt sie nicht mehr.

Ich bin eine zuverlässige Im-Urlaub-Erkrankende und halte Overloads und Zusammenbrüche wenn möglich bis in den Abend oder zum Wochenende zurück. Immer geht das natürlich nicht und es kam nicht nur ein mal vor, dass ich im Büro in einen heftigen Overload rutschte, doch meine Kolleg*innen wissen genau, wie sie in meinem Fall damit umgehen müssen. Da es für mich die Überlastungssituation verschlimmern würde, wenn sie mich, fürsorglich und mitfühlend wie sie sind, nach draussen oder nach Hause schickten – mich brächte der damit verbundene Verlust der Routine und Tagesstruktur nur noch mehr ins Straucheln –, haben wir uns darauf geeinigt, dass alle weitermachen, als sei nichts und ich schließe mich dann an, wenn es mir wieder möglich ist. Sollte ich Hilfe oder Unterstützung brauchen, kann ich das schriftlich äußern, in der Regel reicht es mir aber, wenn man mich einfach in Ruhe lässt.

Diese Büro-Overloads müssten wahrscheinlich nicht sein, wenn ich die Warnzeichen ernst nehmen würde, wenn ich entsprechende Erholungszeiten nach stressigeren Terminen oder Tagen einplane und generell meine Verpflichtungen verringere. So funktionieren Leben und Alltag für eine unnormal pflichtbewusste und perfektionistische Person wie mich aber nicht und ich kann es mir aussuchen, ob ich permanent gestresst und überlastet bin, weil ich mir zu viel zumute oder ob es mir schlecht geht, weil ich meine eigenen Ansprüche nicht erfülle. Da mir die erste Variante ein Leben lang vertraut ist, bleibe ich eben dabei.
Stecke ich erst einmal in einer herausfordernden Situation oder in einer anstrengenden Lebensphase, diktieren ohnehin Ehrgeiz und Willen das Tempo. Scheitern ist in der Regel keine Option und so treibe ich mich selbst an, zwinge mich zum Durchhalten, zum Weitermachen. Überlastungs- und Krankheitssymptome gehen dabei einfach unter. Ich nehme sie ab einer gewissen Stärke schon wahr, aber nicht ernst. Das ist nichts, was ich selbst steuern kann, sondern bildet einen Teil meines Charakters, meiner Persönlichkeit. Es ist einfach nur meine Art zu leben und nichts, was aus Übermut und Leichtsinn geschieht.

Planen kann man vieles, auch Pufferzeiten und Spontaneität, die man dann theoretisch nicht mehr Spontaneität nennen dürfte, sondern geplantes Ungeplantes vielleicht oder optionale Aktionszeiträume. Aber Pausen – das ist unmöglich. Selbst, wenn ich mir wöchentlich mehrere Stunden zur Erholung freihalten könnte, wären sie zum einen sicher nicht dann verfügbar, wenn ich sie akut brauche und zum anderen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausreichend, schaffte ich es, bis zu ihrem Beginn hin durchzuhalten. Blieben sie ungenutzt, wären sie Ballast, ein Stressfaktor. Für mich ist es keine Erholung, wenn ich mich zwischendurch einmal zwei Stunden aufs Sofa setze und nichts mache, es wäre mir nicht möglich, mich dabei zu entspannen. In Gedanken wäre ich doch schon bei den nachfolgenden Terminen und Aufgaben und würde nur nervös warten, bis der leere Zeitraum vorrüber ist oder einfach eher mit der wartenden Arbeit beginnen.

Ich bin mir nicht sicher, ob man das verstehen kann, wenn man nicht autistisch ist. Ich weiß nicht einmal, ob jede*r Autist*in auf meine Art an Termine, Verpflichtungen und die Schwierigkeit von Pausen herangeht. Fakt ist jedoch, dass meine Umgangsart nicht änderbar ist. Die einzig anstrebbare Möglichkeit für mich ist jene, weiterhin für eine möglichst hohe Lebensqualität zu sorgen, für Stabilität und Routine, so dass ich mehr Kraft zur Verfügung habe, um Stress, meine eigenen Ansprüche und fehlende Pausen so lange wie möglich zu kompensieren.

4 Gedanken zu „Pausengedanken

  1. Ich hab mein Pensum auf ein verträgliches Maß reduziert. Ich hab zum Glück kein Pflichtbewusstsein und slacke sehr gerne rum. Wenn ich im Overload bin, ist es sehr wichtig, dass ich aus der Situation rauskomme. Die Routinen danach sind durch den Overload eh zunichte, also ist das auch egal. Dann hab ich lieber weniger Stress.

  2. Autsch… schon bei Deinem Satz „…Pausen in ihren Alltag zu integrieren beziehungsweise die Notwendigkeit von Pausen überhaupt zu erkennen…“ fühlte ich mich erwischt und überführt. Und ja, alles wie Du es weiter beschrieben hast, stößt bei mir auf Verständnis. fidne ich gut, das Du, zumindestens bei Deinen Arbeitskolleg*innen, ein Agreement treffen konntest!
    Danke Marlies für Deine Pausengedanken und auf das 2017 viel Stabilität und Routine hat!

  3. ich finde mich in großem maße wieder und sehe noch immer nicht, wann zeichen laut genug sind, dass ich pausiere, bevor es zu doll wird. da scheint nicht viel an anzeichen dagewesen zu sein, aber da muss ja was gewesen sein.

  4. Heute, mit fortgeschrittenem Lebensalter (>50 😉 ) kann ich die Zeichen der Überforderung im Alltag schneller wahrnehmen, das bedeutet aber nicht, dass ich überall und immer adäquat und rechtzeitig auf den drohenden Overload reagiere.

    Overloads werden auch bei mir i.d.R. für die Abendstunden, Wochenenden und Urlaube aufgehoben.

    Dann, wenn ich den Kopf frei habe, keinerlei Verpflichtung mehr im Hintergrund lauert, kein Termin ruft und der Schreibtisch leer ist, erlaube ich mir jegliche Kompensationsstrategie zu vergessen und einfach nur ICH zu sein. Und zwar ICH mit all meinen Eigenheiten, meinen Regeln und Routinen.

    Sollte es dennoch im Berufsalltag zum Supergau kommen, heißt es nur noch: „Bitte nicht mehr ansprechen, ich brauche ein Auszeit!“ Nicht mehr und nicht weniger, keine langen Erklärungen.

    Deswegen mag ich den Satz von Paulo Coelho: „Entschuldige dich nie dafür, du selbst zu sein.“

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