Noch ein Liebesbrief an Wien

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Liebes Wien,

eben stand ich mit meinem Besen auf dem Bürgersteig, denn heute ist ja Sonntag, Kehrwochentag, der nachbarschaftlich gesehen wichtigste Tag der ganzen Woche und ich wollte es mir hier ja nicht gleich schon zu Anfang verscherzen. Und als ich da so stand und gerade loslegen wollte mit meiner Demonstration außerordentlicher Reinlichkeit, gingen die Fenster auf und ich erntete eine Menge wunderlicher Blicke. Hier und da gab es auch Gelächter. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, Wien. Ich bin ja jetzt bei dir. Nicht nur auf Besuch, nein, so ganz und gar, richtig und vollständig. Mit Topf und Tiegel quasi, mit Buch und Bett.
Stuttgart liegt endlich hinter mir und mit Stuttgart auch all die wunderlichen Gepflogenheiten und das stets zu enge Korsett aus hausgemeinschaftlichen Regeln und Pflichten. Das hat mich so gefreut, Wien, dass ich erst einmal meinen Staubsauger auspackte und fröhlich singend die Wohnung saugte. An einem Sonntag! Staubsaugen! Das musst du dir mal vorstellen, Wien, dafür würde man im Schwabenland doch glatt an den Dorfpranger gestellt!

Nun leben wir sogar schon eine ganze Woche zusammen, liebes Wien, Wahnsinn, wie die Zeit vergeht! Und ich muss sagen, so eine ereignisreiche Woche hatte ich schon lange nicht mehr. Als ich letzten Freitag hier ankam und plötzlich die ganze Straße abgesperrt war, so dass der Möbelwagen nirgends parken konnte, dachte ich schon, du willst mich nicht mehr, hast kalte Füße bekommen und planst einen Rückzieher. Dann ging aber doch noch alles gut und dieser kleine Zwischenfall, der ist auch beinahe schon vergessen.

Morgens, wenn ich zur Arbeit fahre, zeigst du dich herrlich entspannt, das kommt mir gelegen. All die anderen berufstätigen Menschen, denen dabei ich begegne, sind leise und kümmern sich um ihren eigenen Kram, so kann ich in Ruhe und im Halbschlaf deine Straßen durchqueren. Und es fährt so oft eine Bim, gefühlt aller zwei Minuten tuckert sie an mir vorbei, so dass ich, selbst wenn ich es ganz arg wollte, einfach nicht zu spät ins Büro kommen könnte.

Am Mittwoch war ich dann in dem Magistrat, das man in Deutschland so poetisch „Einwohnermeldeamt“ nennt, mit gerolltem „R“ und strengem Blick, das gehört dazu. Der Beamte dort gab alles, aber keinen Fick, das hat mich schon beeindruckt. Genau so stellt man sich nämlich den Wiener vor: Grantig, apathisch und doch sehr direkt. Guter Service, Oida, echt guter Service. Man bekommt genau das, was man erwartet. Dass ich nun aber noch eine Aufenthaltsgenehmigung brauche, das geht doch wirklich etwas zu weit, findest du nicht? Muss das sein, vertraust du mir etwa nicht? Warum bist du so bürokratisch, Wien, macht dir das Spaß?

Sonst gibt es über diese Woche nicht sehr viel zu berichten, ich war arg damit beschäftigt, meinen Platz zu finden, mich einzuleben, einzuarbeiten und einzulieben. Das alles machst du mir ja nicht sehr schwer, Wien, und genau dafür hab ich dich so gern.

Bussi,
deine Marlies

4 Gedanken zu „Noch ein Liebesbrief an Wien

  1. Und ich dachte die Franken rollen nur das „R“ frömlich vor sich hin, aber egal, denn für dich ist jetzt beides ganz weit weg, zumindest ein paar Autostunden oder viele Tage Fußmarsch, je nachdem, vielleicht auch nur einen Finger lang auf der Karte.

  2. Kehrsonntag?!? Das muss echt was urschwäbisches sein, bei uns in Rheinland-Pfalz wärest du sicher auch total komisch angeschaut worden. Das „r“ wird hier zudem einfach verschluckt und eine Aufenthaltsgenehmigung brauchst du bei uns auch nicht.
    Aber deine Liebe wohnt ja auch nicht hier und das Wichtigste ist: sei glücklich!

    1. Sonntag ist der letzte Tag in der Kehrwoche, die letzte Chance, das blecherne Kehrwochenschild mit einem schadenfrohen Gesicht zum Nachbarn zu hängen, mit der Gewissheit x Wochen (x = Anzahl der Mietparteien -1) Ruhe vor dem Mist zu haben. Und weil man die ganze Woche über keine Lust oder keine Zeit hatte, das Treppenhaus und den Waschkeller zu wischen, sowie Hof und Bürgersteig zu kehren, macht man es eben noch schnell am Sonntag. Unter den wachsamen Augen der Vermieter, die hinter den Gardinen hervorspähen. Schwabenland – the struggle is real.

  3. … genau so ist es 😀

    Urlaub vorbei. Wieder im Schwabenland. Was hängt an meiner Tür?
    Das Schild „Kehrwoche“.
    Und es war Sonntag, 0:40 Uhr.
    Bin da doch ins Bett.

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