Möglichkeiten.

Vielleicht sollte ich nach Berlin ziehen, ganz viele Freunde haben, mit denen ich an Orten Zeit verbringe, die erst nächstes Jahr hip werden, frühestens, um sagen zu können, wie öde das ist, denn dort waren wir ja schon lange vorher und unzählige One Night Stands haben, die mich völlig kalt lassen, denn Liebe ist doch nur ein banaler hormoneller Vorgang, da stehe ich doch drüber, in einer zu kleinen Wohnung wohnen, mit Fenstern zum Hinterhof, an denen die Farbe großflächig abbröckelt und dann schreibe ich wütende Bücher über junge Erwachsene in Berlin und ihre Sex- und Drogeneskapaden, die eigentlich meine sind, aber darüber schweige ich geheimnisvoll, das wirkt schließlich interessanter.

Vielleicht sollte ich nach Hamburg ziehen, um mich selbst zu finden, reserviert und schmallippig werden und anfangen, alles blöd zu finden, was vorher nicht blöd war und die Nase zu rümpfen über die, die nicht die richtigen Schuhe tragen, nicht in der richtigen Gegend wohnen, die richtige Musik hören, den richtigen Kaffee trinken und dann bekomme ich Kopfschmerzen und fühle mich gestresst von all dem Finden und Werden und möchte mir eine Katze kaufen, keine gewöhnliche natürlich, denn Katzen wirken wohl stresslösend, doch sie sind nicht erlaubt in meiner überteuerten, unsanierten Altbauwohnung.

Vielleicht sollte ich nach Leipzig ziehen, denn Leipzig ist das neue Berlin und das alte New York, was wiederum das neue Wasauchimmer sein wird und ein Café eröffnen, in dem Studenten vor ihren MacBooks sitzen und wichtige Drehbücher schreiben, oder Romane, Lyrikbände, Kurzgeschichten, egal, hauptsache sie schreiben und in der ideenschwangeren Atmosphäre träume ich davon, wie es wäre, selbst kreativ zu sein und etwas eigenes zu erschaffen, aber nicht lange, denn da warten Bestellungen, die aufgenommen werden wollen und Tische, die gewischt werden müssen und ein bisschen mehr Trinkgeld hätte es schon sein können, aber so sind Studenten eben.

Vielleicht sollte ich nach Paris ziehen und meine große Liebe finden, dünn werden und anfangen mich so elegant wie die Pariserinnen zu kleiden, mit viel schwarz und dezentem Schmuck, heiraten und mich wieder scheiden lassen, zwei entzückende, stupsnasige Kinder bekommen, die ich liebe, die aber nie der Mittelpunkt meines Lebens sind und aus kultivierter Langeweile Malerin werden, bekannt, aber nicht kommerziell berühmt, denn das habe ich nicht nötig, sage ich, denn das schaffe ich nicht, denke ich, denn dafür wollen meine Werke unbedingt und auf Zwang zu eigenwillig sein, sagen die anderen.

4 Gedanken zu „Möglichkeiten.

  1. Vielleicht solltest du aber auch nach München ziehen, und dich in einem noch kleineren, noch teureren Zimmer darüber freuen, dass Italien nicht mehr so weit weg ist.

  2. (Mist, ich habe auch nur München in petto!)
    Vielleicht sollte ich nach München ziehen, Pelzmantel tragen und an überteuerten In-Getränken nippen, an meinem allerneusten Smartphone rumspielen und anschließend mit Sonnenbrille durch die Nacht laufen … aber nur bis zu meinem BMW-SUV natürlich!
    Ach, ich wohne ja schon in München. Irgendetwas mache ich falsch!

  3. Vielleicht sollten die ganzen GentrifizierungsHoschis mal eine neue Stadt bauen und dann im Ringtausch die diversen Stadtviertel mit HipFaktor 1-6 abwohnen, hip- und enthippen. Dann bleiben die spannenden Viertel in Berlin, Hamburg, Leipzig, München auch spannend. 😉

  4. Vielleicht solltest Du nach Freiburg ziehen, Dir eine grüne WG im Vauban suchen und ab sofort nur noch barfuß durch die Gegend laufen, nur noch beim kleinen Geschäft um die Ecke einkaufen (alles bio, natürlich!) und auch Deinen eigenen urban-guerilla-garden anlegen, hegen und pflegen und mit all Deinen Nachbar*innen teilen und auch generell alle Mensch*innen gendern und regelmäßig gegen die Entgrünung des Stadtinnenraumes gegenüber vom Stadttheater – (HE)ART OF THE CITY – protestieren, um dann festzustellen, dass es in der Innenstadt mit all ihren kleinen von den Freiburger*innen liebevoll Bächle genannten Wasserrinnen, in denen die Kinder ihre kleinen hölzernen Bächleboote schwimmen lassen und regelmäßig verlieren, um ihnen hinterherzurennen, doch ganz schön ist und Dir dann überlegen, dass Du doch lieber nur noch im Kaiser einkaufen gehst, Dir dann eine Jahreskarte für’s Theater und eine restaurierte Altbauwohnung im Zentrum kaufen und auf Highheels zum Kaffee im Colombo stöckelst.

    Lieben Gruß aus Siena (auch wenn ich Freiburg im Herzen trage)
    Fran

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