Meltdowns und selbstverletzendes Verhalten – gibt es einen Zusammenhang?

Ob sich Vincent van Gogh die Ohren abgeschnitten hat, weil ihn jemand pausenlos angeschrien hat? Nein, er war im Rausch, glaube ich, oder war, ach, ich weiß es doch nicht, ich will doch bloß nichts mehr hören müssen, ich ertrage das keine Sekunde mehr, wir kommen doch nicht zu einer Lösung, warum hört er nicht auf zu schreien?

Ich stand mit dem Rücken zur Wand, nicht nur im übertragenen Sinne. Er gestikulierte und schrie noch immer, stapelte Vorwürfe und Anschuldigungen zu einer Mauer, die so hoch wuchs, wie sie für mich undurchlässig war.

Meine Schulterblätter drückten sich gegen die weiße Wand, ich wollte nur darin verschwinden – nach links oder rechts ausweichen konnte ich nicht mehr, ich war eingesperrt, in die Ecke getrieben und war nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Körper wurde von Schluchzern durchgeschüttelt. Mit den Händen bedeckte ich mein tränennasses Gesicht, rang nach Fassung. Vergebens.

In mir tobte ein Sturm aus Worten und Emotionen, doch nichts davon konnte ich schlüssig und sinngebend verbalisieren, zu einer Antwort auf diese Schimpftirade formen. Ich muss das hier aushalten, sagte ich mir, als sei es ein Mantra. Immer wieder. Ich muss das aushalten. Ich muss das überstehen. Es wird vorbeigehen.

Atmen, atmen, auf das Luftholen konzentrieren, doch alles in mir war verkrampft, meine Lunge, mein Herz, mein Gehirn, ich war in die Enge getrieben, fühlte mich völlig wehrlos und diese massive Überforderung blockierte mein gesamtes Denken. Mein Kopf setzte aus. “Hör auf”, brüllte ich zurück, “Hör endlich auf, ich kann nicht mehr”, immer wieder nur “ich kann nicht mehr”.

Als ich wieder zu mir kam, war ich allein, unfassbar erschöpft und meine Arme schmerzten so sehr, dass ich es kaum ertragen konnte. Mit den Fingernägeln hatte ich die Haut in langen, blutigen Striemen aufgerissen, ohne es zu merken. Ich war völlig entsetzt von mir selbst und konnte mir das nicht erklären.

Das war der schlimmste Meltdown, an den ich mich bis heute erinnern kann. Ich weiß nicht, wie lange die Situation in Summe dauerte und wie ich in der Außensicht gewirkt habe, an weite Teile kann und möchte ich mich nicht erinnern.


Meltdowns, die eine impulsive, nicht gesteuerte Reaktion auf massive Überlastung sind, kennen wohl alle Autist*innen. Sie machen Außenstehenden in ihrer Intensität, mit der sie sich Bahn brechen, große Angst. Jedes Eingreifen verschlimmert einen Meltdown nur, Außenstehende sind also zur Handlungslosigkeit gezwungen. Dass sie das als äußerst belastend empfinden, kann ich verstehen.

Ein Wutausbruch zum Beispiel hat ein klares Ziel (wie etwa das Bekommen eines Spielzeugs). Meltdowns sind jedoch keine zielgerichteten Verhaltensweisen, sondern Reaktionen auf eine Überlastung des autistischen Menschen.

Im Gegensatz zu selbstverletzendem Verhalten, das als bewusst oder geplant betrachtet wird und eine Ventilfunktion besitzt, sind Selbstverletzungen bei autistischen Meltdowns weder die Regel, noch fügt man sie sich bewusst zu.
Selbstverletzendes Verhalten wird bei Diagnosen wie Borderline, Essstörungen, Körperschema-Störungen, Zwangsstörungen und einigen mehr beobachtet. Diese können als Komorbidität zu Autismus auftreten, sind aber von Autismus getrennt zu betrachten.

Es kann passieren, dass man sich bei einem Meltdown durch unkoordinierte, ohnmächtige, impulsive Bewegungen selbst verletzt – manchmal schlagen Autist*innen mit dem Kopf gegen Wand oder Boden – es ist aber per Definition kein selbstverletzendes Verhalten und sollte deshalb nicht miteinander verwechselt werden. Ebenso wie eine Verwechslung vom Wutausbrüchen und Meltdowns im Zweifel eher schadet. Aus derartigen Fehldeutungen entstehen falsche Schlüsse, die in falschem Verhalten gegenüber Autist*innen münden, was das ursächliche Problem, nämlich die Meltdowns auslösende Überforderung, im schlimmsten Fall noch verstärken kann.

Tatsächlich ist es ratsam, dem autistischen Menschen im Meltdown Ruhezonen zu schaffen, Möglichkeiten, sich im eigenen Tempo wieder zu fangen und zu erholen. Reden, Berührungen und andere Reize verstärken den Meltdown nur noch. Ist man draußen, sind sichere Räume fernab von Gefahrenzonen wie Straßen natürlich wichtig, bringt man die Person dann in einen ruhigen Raum, geht es natürlich schlecht ohne Berührungen – doch Sicherheit hat natürlich vorrang. Gespräche können aber getrost auf später verschoben werden, in diesen persönlichen und verletzlichen Momenten eines Meltdowns zählt vor allem Ruhe und Erholung.

Auf lange Sicht sollten aber die auslösenden Faktoren erkannt und im Idealfall beseitigt oder zumindest abgeschwächt werden.


In der Vielzahl der Begriffe und Verhaltensweisen kann man schnell den Überblick verlieren, Kurzdefinitionen sind selten zu finden und schwer zu verfassen – zu schnell vergisst man darin wichtige Aspekte. Darum ist folgendes als unvollständiger Versuch zu betrachten:

Overload: Überlastungsreaktion autistischer Menschen, bei denen durch Überlastung zum Beispiel Konzentration, Artikulationsfähigkeit und Motorik leiden.

Meltdown: Eine oft auf den Overload folgende, heftige und impulsive Reaktion. Schreien, Weinen und Toben sind Reaktionen auf die durch die Überforderung bzw. Überreizung empfundene Hilflosigkeit.

Shutdown: Es erfolgt nach Außen hin keine Reaktion mehr, durch Überlastung zieht sich die autistische Person völlig in sich zurück, artikuliert sich nicht mehr und reagiert nicht mehr auf Ansprache.

Stimming: Selbststimulierendes Verhalten, das der Entspannung und Fokussierung dient und in der Regel unbewusst ausgeführt wird. Das kann das Wippen und Schaukeln mit dem Körper sein oder das Händeflattern. Auch das Kauen auf bestimmten Materialien oder das Spielen mit Ketten oder Ringen kann Stimming sein.

 

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