Mein Freund Hermann

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In den 90ern aufzuwachsen barg gewisse Herausforderungen.
Gerade eben ging die DDR noch mit wehenden Fahnen unter und mit ihr meine potenzielle Karriere bei den Jungpionieren, da sang Whigfield schon, was sie Samstag Nacht so alles Aufregendes tut und es war irgendwie nie das, was ich Samstag Nachts so alles tun durfte. Ich durfte ins Bett und ich glaube zu meinen, da landete Whigfield auch. Mein Englisch war nur noch nicht gut genug, um das mit absoluter Sicherheit sagen zu können.

Ich war als Kind nicht sehr beliebt. Das war insofern problematisch, weil ich niemanden, geschweige denn »10 Freunde« hatte, an die ich die ganzen Kettenbriefe weiterleiten konnte, die zu der Zeit ein wichtiges soziales Bindemittel darstellten. Also endeten die Ketten der Briefe spätestens bei mir, weshalb ich irgendwann davon überzeugt war, am Elend der Welt eine nicht gerade geringe Teilschuld zu haben. Mit so einem Pechmagneten will dann natürlich keiner befreundet sein, und schon hat man einen Teufelskreis. 
Wenn man meine Freunde aus der Kindheit so durchzählt, waren es, bis auf das Mädchen, das meine Mama einige Jahre lang erfolgreich zwingen konnte, sich mit mir abzugeben, nach Adam Riese, nun, es waren keine. Fand ich jetzt nicht so tragisch, ich war ja eh am liebsten alleine und habe Bücher gelesen und lesen ist nicht unbedingt das geselligste Hobby. Jedenfalls habe ich noch nie gesehen, dass Kinder durch die Gegend ziehen, sich in Rudeln zusammenfinden und Bücher lesen, aber ich komme ja auch aus der Arbeiterklasse. Da ging es eher darum, wer am weitesten Steine schnipsen konnte und nicht darum, wie viele Seiten ich pro Minute schaffte. Spoiler: Es waren zwei. Seiten. Nicht Meter.

Manchmal, wenn ich so zurückdenke, frage ich mich jedoch, was aus Hermann geworden ist. Hermann war nicht irgendwer, jeder kannte Hermann, Hermann war Kult und es war, als würde man in eine Art geheimen Club aufgenommen, wenn man einen Hermann ergatterte. Hermann war auch eine Art Kettenbrief, aber in Teigform, nur eben kein langweiliger Teig, so wie Mürbeteig oder Hefeteig, er war vielmehr ein Teig-Tamagotchi und er wurde von Kind zu Kind weitergegeben.

Ich weiß nicht mehr, welchen Umständen ich es zu verdanken hatte, vielleicht war es auch nur ein Versehen – wenn ich mich so zurück erinnere war es ganz sicher ein Versehen –, jedenfalls hatte ich irgendwann auch einen Hermann. Er lebte in einer kleinen Plastikschüssel mit Deckel und hatte den gleichen beigen Farbton wie Omas und Opas Funktionskleidung. Harmlos und freundlich. Ich ließ ihn unter meiner Heizung wohnen, denn dort war der wärmste Platz in meinem Zimmer. 
Ich mochte Hermann, Hermann war still. Wenn man von dem gelegentlichen Blubb absah. Aber so ein Blubb war allemal besser zu ertragen als eine Diskussion darüber, wer man in der Mini Playback Show sein wollte. Ich hätte nämlich Heike Makatsch sein wollen, weil die nicht sang, sondern still war, so wie Hermann, aber schweigend hätte man mich nicht auf die Bühne gelassen, was ich ein bisschen verstehe, bei einer Sendung, in der es ums Singen geht.

Am stärksten blubberte Hermann nach seiner Fütterung. Er bekam eine Tasse Milch, eine Tasse Zucker und eine Tasse Weißmehl – genau das, was ich auch am liebsten mochte und man weiß doch, dass Essen verbindet. 
Ich hingegen bekam Rotbäckchen Kindersaft, das musste sein, sagte Mama, das war gesund, doch ich sah nach meiner Fütterung lang nicht so zufrieden aus wie Hermann.

Nach 10 Tagen sollte man Hermann dann teilen und somit eine der wichtigsten Lektionen in einem Kinderleben live und direkt erleben: Was man teilt, vermehrt sich. Eigentlich totaler Quatsch, denn wenn ich meine Barbie teilte, hatte ich eine kaputte Barbie und das einzige, was sich vermehrte, war mein Kummer, aber bei Hermann klappte es auf wundersame Weise. 
Einen Teil sollte man also backen, einen weiterverschenken und den dritten Teil behalten, weiter füttern und wieder groß ziehen.

Mir stand bei dieser pädagogischen Glanzleistung aber eines ganz gewaltig im Weg: Meine Phantasie. Wenn nun der Hermann von Kind zu Kind weitergegeben wurde, wer konnte mir garantieren, dass sich jedes Kind die Hände wusch, bevor es mit ihm hantierte? Wer konnte mir sagen, dass niemand einen Teil seiner Körperflüssigkeiten hineingeniest, gespuckt, oder geheult hatte? Jeder weiß, dass Kinder zu einer gewissen Undichte neigen, was ihre Sekrete betrifft, die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein großer Teil davon in Hermann befand, war also entsprechend hoch und machte die Vorstellung, ihn zu backen und zu essen zu einer Art Horrorshow. Die Teigsuppe mit dem DNA-Mix hunderter, vielleicht tausender Kinder wurde in meiner Phantasie zu einem süß-klebrigen Frankenstein, eine Person, nur eben im falschen Aggregatzustand. Und jemanden mit Persönlichkeit kann man ja schlecht essen, zumindest habe ich schon damals ziemlich Ärger bekommen, als ich meine Schwester im Streit gebissen habe. Wenn schon ein Biss Schwierigkeiten einbringt, was würde dann erst passieren, wenn man jemanden komplett aufisst?

So blieb Franken-Hermann unter meiner Heizung wohnen und wurde weiterhin liebevoll gerührt und gefüttert, er war ein wichtiger Teil meines Lebens, mein Hermann. Er war es jedenfalls so lange, bis eines Tages der spitze Schrei meiner Mutter aus meinem Zimmer drang. Mein Freund Hermann wollte nicht länger in seinem beengten Plastikbehälter bleiben, wer weiß, vielleicht hat sich die Teig-Gen-Mischung tatsächlich einen Willen entwickelt und forderte nun tatkräftig seine Teilhabe an unserem Leben. Hermanns Teilhabe endete jedoch auf dem VEB-geklöppelten, grauen Kinderzimmerteppich, sehr zum Ärger meiner Mutter, die Hermann daraufhin kurzerhand in der Toilette entsorgte. Manchmal, wenn ich traurig bin, stelle ich mir vor, dass Hermann glücklich ist, dort unten in der Kanalisation. Immerhin ist er nicht allein: Ronny der Goldfisch und Trixie der Hamster waren schon vor ihm da.

2 Gedanken zu „Mein Freund Hermann

  1. Ach was für ein schöner Artikel, da möchte ich auch wieder einen Hermann pflegen und freue mich auch ein Kind der 90er zu sein.

  2. Die Tradition des Hermann-Teigs kannte ich noch nicht, das finde ich interessant. Aber die Kettenbriefe, die haben mich als Schüler auch genervt. Da stand ja meist so ein Satz wie „Bisher wurde dieser Kettenbrief noch nie unterbrochen“, verbunden mit der Aufforderung, nicht der erste zu sein, der den Brief nicht an zehn neue Empfänger weiterschickt. Da habe ich damals schon gedacht: Das ist doch total unlogisch! Derjenige, der mir den Brief gegeben hat, kann doch gar nicht wissen, wie oft andere Menschen den Brief in der Vergangenheit bereits nicht weitergeschickt haben. Wie sollte denn die Fernwirkung stattfinden, daß diese Sätze aus allen existierenden Kopien des Briefes herausgestrichen werden, sobald irgendjemand den Brief nicht weiterverteilt?

    Das mit den Büchern, das kenne ich auch. Wenn ich nach meinen Hobby gefragt wurde, dann habe ich immer „Lesen“ angegeben. Alle 14 Tage hielt bei uns in der Nähe für zwei Stunden am Nachmittag der Bücherbus (die rollende Version der städtischen Bücherei), und dann bin ich jedesmal mit einem Stapel Bücher wieder nach Hause zurückgekommen.

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