Liebesgeschichte (6)

Wenn ich mich bewege, auch nur einen Millimeter bewege, falle ich auseinander. Meine Glieder werden sich vom Körper lösen, mein Kopf haltlos zur Seite fallen. Die Gelenke zerbrechen unhörbar und die Muskeln schälen sich von den Knochen. Dann sacken die Organe in sich zusammen, jeder Knochen wird porös, instabil. Schließlich werde ich mich Zelle für Zelle auflösen, bis ich nur noch Staub bin, ins Nichts übergehe.
Ohne es zu wollen, atme ich ein.
Meine Brust hebt sich.
Nichts geschieht.
Enttäuscht schließe ich die Augen.
Meine Hand beginnt, auf dem kühlen Laken zu wandern. Berührt meine Hüftknochen, bewegt sich weiter zum Oberschenkel und ertastet diesen rot pulsierenden Wulst, die sich quer darüber zieht. Ich befeuchte den Zeigefinger mit meinem Speichel und ziehe diese geschwollene Linie mit dem nassen Finger nach, bis sie brennt, in Flammen steht und meine Gedanken aus ihr herauszurinnen scheinen wie ein winziger, zäher Lavastrom. Sie bilden Seen unter mir. Ich lasse es zu, lasse sie tropfen, fließen, bis ich ganz leergelaufen bin.
Die Luft ist schwer und feucht. Feucht von seiner Lust, feucht wie der Schweiß, der einem leichten Regen gleich auf mich niederfällt, wenn er mich konzentriert und monoton fickt.
Er ist dabei so auf seine Bewegung fixiert, dass er nicht bemerkt, wie ich mein Gesicht abwesend zur Seite drehe und die einige Meter entfernten Strommasten durch das Fenster betrachte.

Früher hatte ich große Angst, unter diesen bedrohlich summenden Stromleitungen hindurchzugehen. Ich fürchtete, die Leitungen können abreißen, auf mich fallen und mich töten. Ich fürchtete bei allem, was mir begegnete, es könne mich töten. Der wütend kläffende Nachbarshund. Riesige Baustellenfahrzeuge. Brücken. Menschen, die mich auf der Straße ansehen. Bäume. Die ganze Welt war eine potenzielle Todesursache und es war nur eine Frage der Zeit, bis mich etwas aus dem Leben riss. Um vorbereitet zu sein, las ich alles, was ich über das Sterben und die möglichen Ursachen finden konnte.

Süßlich-herber Geruch schleicht sich ins Zimmer. Er folgt ihm. Setzt sich. Zwingt mir den kantigen Papierfilter zwischen die rissigen Lippen. Betrachtet die leuchtende Strieme. Fragt mich, ob ich Schmerzen habe.
Mein Körper ist eine brennende Hülle aus Schmerz, die mich zusammenhält und meine Form bestimmt.
Ich schüttle den Kopf. Keine Schmerzen. Bitte mehr.

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