Liebesbrief an Wien

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Hey Wien,

eines muss ich dir gestehen: Ich finde dich ziemlich gut, da mache ich gar kein Geheimnis draus. Das sage ich auch all meinen Freunden und sogar denen, die lieber nicht mit mir befreundet sein wollen, was komischerweise die größere Gruppe Menschen ist und ja, ich habe auch echt Bock drauf, dass du in absehbarer Zeit mein neues Zuhause wirst. Du hast Manner-Waffeln, die liebe ich sehr, und eine Museumsdichte, wie andere Städte Supermärkte haben. Dagegen kann man einfach nichts sagen.

Ich mag sogar den Wiener Schmäh, da muss ich wenigstens nicht verstecken, dass ich eh immer schlechte Laune habe, sondern kann einfach mitgranteln und ich bin absolut begeistert davon, dass der Wiener unter Hot Dog das selbe versteht, wie wir in Sachsen, nämlich ein längliches Stück Semmel mit Loch drin, da kommt dann eine Wurst rein und ordentlich Ketchup, bums fertig, Hot Dog. Die gibts an jeder Straßenecke. Wir Sachsen sagen ja auch Erdäpfel, genau wie du, das macht mir so ein warmes Heimatgefühl. Und dann die Sache mit der Sachertorte. Du weißt schon, wie du mich kriegst, Wien, du weißt das schon ziemlich gut.

Zugegeben, dein Sprachschatz ist auch nicht von ohne. Paradeiser klingt so viel eleganter als das langweilige deutsche Wort Tomaten. Eins musst du mir dazu aber noch verraten, Wien: Sagt man dann “Hast du Paradeiser auf den Augen”, wenn jemand etwas nicht kapiert?

Hier in der Stadt ist es ja schon mit Anstrengung und Geduld verbunden, keine schöne Altbauwohnung mit Fischgrätparkett und Flügeltüren zu finden, da sehe ich auch mal darüber hinweg, dass die meisten Wohnungen keinen allzu hohen Ausstattungsstandard haben. Spülmaschine? Wärmedämmung? Moderne Fenster? Pah, das ist doch alles Verweichlichung. Aber Stuck an der Decke, als ob es kein Morgen gäbe. Schön sind sie allemale, diese Altbauappartements und apropos schön, von außen bist du echt der Hammer, Baby. Prachtvoll bebaut und sogar ordentlich grün, was will man mehr?

Ein paar Sachen gibt es da aber zwischen dir und mir, die machen mir echt Probleme, die muss ich einfach mal ansprechen, bevor es zu Spannungen zwischen uns kommt, Wien, das verstehst du doch. Ich will dir ja nicht drohen oder so, aber frag mal Stuttgart. Stuttgart und ich – das sieht gar nicht mal so gut aus.

Weißt du, Wien, ich liebe Milchkaffee. Klar, der hat viele Kalorien, das macht dick, doch du musst dir wirklich keine Sorgen machen, ich passe da schon auf, schließlich will ich, dass du mich attraktiv findest, aber ab und zu mal einen Milchkaffee, so eine riesige Tasse voll Milch und ordentlich Espresso, da passiert doch nichts, das könntest du mir schon gelegentlich mal gönnen. Stattdessen gibt es Melange, Verlängerten, braunen Verlängerten und natürlich Latte Macciato. Alles ganz schön längenfixiert, findest du nicht? Was würde Dr. Freud bloß dazu sagen?

Wenn ich nach einem Stuhl frage, schaut man mich hier komisch an und rümpft die Nase, das verstehe ich nicht. Man sagt nämlich nicht Stuhl, weil das hat ja was mit Ausscheidungen zu tun. Stattdessen sitzt man auf Sesseln, aber das sind nicht die gepolsterten, weichen Möbel, das sind dann keine Einmannsofas, deine Sessel nee, denn die nennt man hier Fauteil. Fluchen, ja, das macht der Wiener wahnsinnig fäkalfixiert, da werde ich allein schon beim dran denken rot, darum wird es an dieser Stelle auch keine Beispiele geben. Aber beim Möbel dann plötzlich eins auf Etepetete machen? Srsly?
Apropos Ausscheidungen, die von Hunden nennst du “Hundstrümmerl” und wenn ich ehrlich bin, Hundstrümmerl sind für mich die Trümmerteile abgestürzter Hunde, nur mit einem “L” hinten dran, so viel Dialekt muss sein, aber Hunde abstürzen lassen, das geht nicht, das macht man nicht, ich meine, die armen Hunde, denkt auch mal jemand an die Hunde?
Als ob das nicht schon genug Ekel wäre, Käsekrainer heißen hier “Eitrige”, weil da das gelbliche Käsezeug rausläuft, wenn man drauf drückt, das verleitet offenbar zum wilden Assoziieren und sind wir doch mal ehrlich, das ist echt unnötig, wer will denn da noch was essen?

Eigentlich mag ich, dass hier viele Gallizismen verwendet werden, Trottoir zum Beispiel, oder Billett. Außer bei der Aubergine, die nennt man, abgeleitet aus dem italienischen, einfach Melanzani. Warum? Because fuck you?
Ja und Bankomat klingt wie etwas, das Inspector Gadget sagen würde, du weißt schon, der Trickfilm-Typ, der immer “Go-Go-Gadget-o” rief und damit abgefahrene technische Geräte aus seiner Kleidung und seinen Gliedmaßen aktivierte. In seinem Hut hatte er zum Beispiel einen Propeller, damit konnte er fliegen. Den habe ich geliebt als Kind, den Inspector Gadget.
Oder wenn man mich in deinen Geschäften fragt, ob ich ein Sackerl dazu möchte, muss ich auch nach Monaten noch infantil lachen und denke jedes Mal an hässliche, kleine, skrotumgefertigte Tragetaschen.

Manchmal wirst du aber auch irgendwie sprachfaul und lässt Buchstaben, manchmal sogar ganze Silben, einfach mal weg. Dann heißt es “Anbot” statt “Angebot” und man sagt nicht “Wettbewerb”, sondern “Bewerb”. Faulheit, oder was soll das?
Und jetzt im Sommer, wenn es um Gelsen geht, das ist das, was man in Deutschland gemeinhin “Stechmücke” nennt, frage ich mich ja, wie du dann so zu einem Ausflug nach Gelsenkirchen stehen würdest, liebes Wien, das ist wohl nicht unbedingt dein liebstes Reiseziel, schätze ich mal.

Aber eigentlich ist das auch egal. Wir müssen ja nicht wegfahren, Wien, wir können ja einfach hier bleiben, an der alten Donau rumhängen, Spritzer trinken und in eines der unzähligen tollen Kinos gehen, die immer noch aussehen wie in den Siebzigern, weil, na ja, wie gesagt, ich finde es schon echt schön mit dir und das mit der Eingewöhnung, das geht sich schon irgendwie aus.

Bussi
deine Marlies

3 Gedanken zu „Liebesbrief an Wien

  1. Liebe Marlies,
    ist es nicht schön, wenn aus einem riesigen „Trumm“ ein kleines „Trümmerl“ wird? Diminutiv von Trumm sozusagen, was auf die ursprüngliche Bedeutung „Abfall am Webstuhl“ deutet. Vertreib die Assoziation mit „Trümmer“ – dann geht’s auch den Hunden wieder gut!
    Grüss mir Wien, die alte Tante ohne Isolation!

  2. Liebe Marlies,

    Ich komme mit nach Wien. Weil dein Beitrag so unterhaltsam war, weil Wien wunderschän ist und weil ich immer ganz genau das Gleiche denke. Inklusive der Museums-Sache. Nur bei den Sackerln werde ich ab jetzt immer an sehr lustige Beutel denken müssen… eigentlich ganz gut 😉

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