Liebe Die Welt-Redaktion,

ich begrüße es, wenn Medien über Autismus berichten.
Zum einen bin ich stets an neuen Forschungsergebnissen interessiert, zum anderen hoffe ich, dass mir gut recherchierte Berichterstattung hilft, mich besser in meine so gar nicht autistengerechte Umwelt zu integrieren. Ja, das möchte ich gern. Mich integrieren. Auch, oder gerade weil das Leben oft nicht einfach für mich ist. Und Wissen hilft uns doch, zu verstehen, richtig?
Tauchen dann aber Artikel auf, die Autisten als meist geniale Sonderlinge bezeichnen, als Leidende, Kranke, als Ausgegrenzte, dann ist das, um ehrlich zu sein, ein wenig kontraproduktiv. Denn wissen Sie, die meiste Zeit über leide ich nämlich gar nicht. Es geht mir sogar ziemlich gut. Ich bin auch kein Genie und hatte noch nie das Bedürfnis, ein Telefonbuch auswendig zu lernen. Ich kann keine Landkarten zeichnen und habe auch keine – Wie nennen Sie es? – unheimlich anmutende Merkfähigkeit. Ich bin kein Savant. Das sind die Wenigsten.
Nein, ich bin einfach nur Autist, wie viele andere auch. Mit Stärken und Schwächen.
Ich möchte nicht, dass man mir Medikamente geben wird, damit ich annähernd so funktioniere, wie man funktionieren soll. Ich hoffe nicht auf Wirkstoffe, die mich aus meiner „eigenen Welt“ befreien, es ist sogar äußerst beängstigend, dass man derart in die Arbeitsweise des Gehirns eingreifen, ja das ganze Sein beeinflussen will. Ich möchte einfach nur als Mensch akzeptiert werden. Mit meinem Autismus.
Und als Mensch mit Autismus möchte ich Ihnen einen wichtigen Rat geben: Wenn Sie erfahren möchten, wie die Welt eines Autisten aussieht, fragen Sie doch einfach einen Autisten. Mit Sicherheit wird man Ihnen freundlich und ausführlich antworten.
Vielen Dank.

5 Gedanken zu „Liebe Die Welt-Redaktion,

  1. Du bringst es mit wenigen Worten auf den Punkt.Leiden – Medikamente – Sonderlinge. Redakteure sind auch nur NTs, die Sensationsjournalismus lernen und Quote machen müssen. Als ich nach 50 Jahren endlich die Diagnose hatte, musste ich einerseits erklären, dass ich nicht Rainman bin und mich andererseits gegen Therapievorschläge und Medikation wehren. Dieser Planet ist nicht meiner…

    Liebe Grüße

  2. Hallo Robotinabox,
    hoffentlich hat Dich mein Kommentar zu dem Welt-Artikel (der erste Kommentar) nicht verärgert. Wollte damit aussagen, daß es nicht unbedingt erstrebenswert ist, so zu ticken wie die Massen.
    „Dieser Planet ist nicht meiner“ aus dem vorigen Kommentar könnte auch von mir sein. Ich denke allerdings öfter, daß ich auf dem „Planet der Affen“ gelandet bin. Durch zuviel Information, zuviel Nachdenken aus dem Paradies (der Ahnungslosen) vertrieben.
    Zum Glück habe ich zwei gerade erwachsene Töchter, die auch sehr ungewöhnlich sind, die noch zu mir halten, und einen einzigen Freund, seit meiner Schulzeit. Sonst ganz allein auf dieser Welt. Bin ich Autist? Oder Asperger? Oder einfach nicht gesellschaftsfähig?

  3. Schöner Kommentar, genau auf den Punkt gebracht. Ich kann es auch nicht mehr hören/lesen. Autist = Savant = Rain Man, Telefonbücher und wasweissichwas.
    Ich leide als diagnostizierter Autist auch nicht den ganzen Tag. Habe allerdings schon oft darüber nachgedacht, ob ich ein Medikament nähme, gäbe es eins. Es gibt ja schon Momente, in denen ich verzweifelt bin und vor allem, die Ahnung, dass es vermutlich immer Dinge geben wird, die sehr schwer für mch sein werden, die andere intuitiv erledigen, ist belastend.
    Trotzdem glaube ich, dass jedes Medikament, das die Psyche und die Kognition beeinflußt, auch das Wesen verändert. Das fände ich gelinde gesagt nicht so gut.
    Wie du schon schreibst: Ich möchte akzeptiert werden wie ich bin, es ist auch nachweislich möglich, wenn ich auch nicht viele Leute um mich habe. Diese schätze ich dann aber umso mehr.

  4. Ich wünsche dir, dass du erfolgreich davon Abstand nehmen kannst, in eine Form gepresst zu werden, die vielleicht einem passt, aber nicht einer ganzen Gruppe von Menschen… Wenn du dich wohl fühlst so zu sein wie du bist, dann sei genau so und nicht anders!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 × fünf =