Kann man autistisch werden?

Der Mensch ist seit jeher ein neugieriges Wesen, das nie aufhört zu lernen und unaufhörlich nach Lösungen und neuen Erkenntnissen strebt. Das ermöglicht es uns, immer mehr Wissen zu erlangen und den Geheimissen des Universums auf die Spur zu kommen.

Autismus – die große Unbekannte



Eines der noch kaum ergründeten Themen, die den Menschen intensiv beschäftigen, ist Autismus. Es wird viel dazu geforscht,  gemutmaßt, gerätselt und scheint derart unbegreiflich zu sein, dass man oft von einer „geheimnisvollen Krankheit“ liest, von „anderen Welten“, in denen Autist*innen leben, von „unerklärlichen Verhaltensweisen“. 
Autist*innen hingegen finden sich gar nicht so geheimnisvoll und können sehr viel von dem, was ganze Forscherteams beschäftigt, recht umfangreich erklären. Was sie nicht erklären können ist, warum sich die Forschung vor allem mit den Ursachen und deren Beseitigung beschäftigt, nicht aber damit, wie man ihnen das Leben erleichtern könnte.

Es werden Theorien aufgestellt, Vermutungen geäußert und Artikel geschrieben. In dieser Woche beschäftigte uns einer davon besonders. Im Spiegel äußerte sich ein Autor, der schon AD(H)S als Erfindung betrachtete, zu einer möglichen Ursache von Autismus, die in seinen Augen in falscher Ernährung und der dadurch beeinflussten Darmflora begründet sein könnte. Fast Food, Weißmehl, Zucker – also Nahrung mit hoher Energiedichte, würde eine bestimmte Art Bakterien entstehen lassen, die das Verhalten dahingehend beeinflussen, dass die Fast Food-Hungrigen autistisch würden.

Problemthema Essen

In einer Sache muss ich dem Autor recht geben: Unser Darm beeinflusst unser Wohlbefinden und somit unser Verhalten. Essen wir gut und bewegen wir uns ausreichend, verhalten wir uns ganz anders als mit Verdauungsproblemen, Stress und Krankheit. Darauf mehr Aufmerksamkeit zu lenken ist ein wichtiger Ansatz für die Gesundheit aller, auch der von Autist*innen. Wir stehen sehr oft unter Stress, was sich auf den ganzen Körper auswirkt und unsere Ernährung ist beeinflusst von Ritualen, strengen Vorlieben und Abneigungen und vielem mehr. Es ist ein wahrer Punkt, dass Menschen mit Autismus mehr unter Verdauungsbeschwerden leiden. Aber niemand ist wegen Verdauungsbeschwerden autistisch geworden. Das ist höchstens eine Komorbidität der Diagnose.

Autistisch sind wir, egal, was wir essen. Dass auch Autist*innen ein breites Spektrum an Verhaltensweisen zeigen, wenn es ihnen besser oder schlechter geht, scheint mitunter zu überraschen. Wir sind hochemotionale und sensible Personen, die mit Veränderungen oft große Probleme haben. Wenn ich jemandem erzähle, dass selbst der Wechsel der Jahreszeiten in seiner Intensität meinen Alltag beeinflusst, würde die Person das nachvollziehen können? Leugnen lässt es sich aber nicht.
Geht es autistischen Menschen besser, wirken manche von ihnen fast schon unauffällig. Dann sind sie aber nicht weniger autistisch, die neurologische Grundgegebenheit hat sich ja nicht gewandelt. Geht es ihnen aber schlechter, können autistische Verhaltensweisen sogar den Alltag unmöglich machen. Autist*innen kennen das und leben damit – das fällt eben mal leichter und mal schwerer.

Ursachensuche

Autismus hat, soweit man weiß, genetische Ursachen, mehr konnte bislang nicht entschlüsselt werden. Er ist eine erbliche Neurodiversität und damit äußerst komplex. Umwelteinflüsse sind zwar immer wieder im Gespräch, konnten aber nie als sicher autismusauslösend bestätigt werden. (An dieser Stelle möchte ich die Leser*innen bitten, auf Grundsatzdiskussionen in der Kommentarspalte zu verzichten.) Man kann also keinen Autismus bekommen. Er entsteht weder durch Impfungen, noch durch falsche Ernährung. Und er verschwindet auch nicht irgendwann wieder, wächst sich nicht aus. Man wird als Autist*in geboren, oder aber nicht.

Zur Autismusdiagnostik muss man also auf die Verhaltensbeobachtung zurückgreifen. Das wird von den diagnostizierenden Fachärzt*innen selten auf die leichte Schulter genommen, was den Diagnoseprozess anstrengend und zehrend für alle Beteiligten macht.
In langen, intensiven Gesprächen wird die Vergangenheit und die aktuelle Situation beleuchtet. Wenn möglich, werden die Eltern, Verwandte oder Partner einbezogen. Selten wird so eine Diagnose über das Knie gebrochen oder gar leichtfertig vergeben, ich habe im Gegenteil den Eindruck, dass viele Fachärzt*innen das Thema verantwortungsvoll behandeln. Denn wenn eines schwierig zu beurteilen ist, dann das menschliche Verhalten.

Wunderwerk Mensch

Unsere Psyche ist ein Wunderwerk, unser Körper ein erstaunliches System. Wir sind unablässig dabei, uns zu entwickeln und zu verändern, zu lernen und zu vergessen. Das menschliche Verhalten wird dabei von unfassbar vielen Faktoren beeinflusst, nicht nur vom Darm. Entscheidungen, die ich hungrig treffe, würden ohne Hunger anders ausfallen. Mein Verhalten in der Lutealphase meines Zyklus entspricht nicht in Gänze dem, das ich in der ersten Zyklushälfte zeige. Und das ist völlig normal, vielen Frauen mit Zyklus geht es so. Andere merken kaum Schwankungen. Trotzdem existieren unzählige Fehlannahmen über unser Verhalten, die erst nach und nach widerlegt und durch neue Theorien ersetzt werden.

So erliegt auch der Autor dieses „Autismus durch Ernährung“-Artikels einer falschen Schlussfolgerung. Er nimmt an, dass Kinder, die vor einem Bürgerkrieg in ein Industrieland geflüchtet sind, durch energiedichte Nahrung autistisch werden und vergisst dabei, was für massive Belastungen Krieg und Flucht für die menschliche Seele sind. Diese Kinder wurden sicherlich nicht autistisch, weil sie ein paar Burger zu viel aßen, sie litten stattdessen an dem Erlebten und mussten in einem Land leben, das ihnen völlig fremd ist. Auch Erwachsene zeigen dann ein verschlossenes Verhalten und verarbeiten Traumata mitunter auf auffällige Art. Da einen Autismus zu schlussfolgern, ist schon etwas abenteuerlich.

Hier scheint der Autor einige Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung mit passenden Symptomen des Autismus zu verwechseln: Nervosität und Reizbarkeit ist natürlich auch angesichts von Veränderungen häufig bei Autisten vorhanden, und die bei der PTBS beobachteten Verflachung von Gefühlen und Interessen kann man mit ein bisschen Fantasie selbstverständlich mit autistischen Stereotypen verwechseln.
Natürlich ist bei Flüchtlingen aus einem Kriegsgebiet eher von einer PTBS auszugehen – aber das klingt natürlich nicht so spannend wie die steile These, der Westen hätte die geflüchteten Kinder autistisch gemacht.

Was brauchen wir?

All das könnte uns recht egal sein, wir könnten derartiges mit Ignoranz behandeln und warten, bis der von Fehlinformationen strotzende Text vergessen ist. Aber das ist nicht so einfach, denn diese Theorien verunsichern Menschen, was unseriösen Heilsversprechen Tür und Tor öffnet. Egal ob MMS, ABA, VAT, GFCF – die Namen all der angeblichen Wundermittel und -therapien kann man sich in ihrer Summe kaum merken. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie akzeptieren uns nicht in unserem ureigenen Verhalten, sie unterstützen und helfen nicht, sondern wollen etwas beseitigen oder unterdrücken, was untrennbar mit unserer Person verbunden ist. Unseren Autismus. Und dagegen wehren sich viele Autist*innen und Eltern autistischer Kinder. Wir sind nicht falsch, nichts muss beseitigt werden, außer derartige Ansätze und Ideen.
Denn Akzeptanz ist das, was wir brauchen, das, was uns Teil unserer Gesellschaft werden lässt. Die Akzeptanz des autistischen Verhaltens als normale Facette des menschlichen Seins.

3 Gedanken zu „Kann man autistisch werden?

  1. Vielen Dank Marlies für deinen Kommentar. Als ich den Spiegelartikel las, war ich wirklich erschüttert, wie einfach sich es manche machen, über Autismus zu urteilen. Als betroffene Mutter von einem 14 jährigen Sohn mit Autismus bin ich dir sehr dankbar über deinen Text. Liebe Grüße, Claudia

  2. Ein wirklich toller Bericht. Eigentlich geht es doch nur um Akzeptanz. Es würde vielen Familien von Betroffenen enorm weiter helfen .

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