Hund, Katze, Autist.

Zwischen dem Hund und mir liegen etwa zwei Meter. Ich fürchte mich nicht, auch er wirkt ruhig. Wir mustern uns einige Sekunden lang skeptisch, wissen nicht, was wir voneinander halten sollen. Er dreht sich um und läuft weiter.

Während viele Autisten mit Tieren wesentlich besser zurechtkommen als mit Menschen, schaffe ich es auch bei dieser Spezies nicht, eine Verbindung herzustellen und Sympathie aufzubauen.

Es ist nicht so, dass ich Tiere nicht mag, ich weiß auch bei ihnen nicht, wie ich Kontakt aufnehmen kann. Ich beuge mich nicht zu fremden Hunden oder Katzen herab, um sie zu streicheln. Nein, ich bleibe respektvoll stehen, nehme das Tier wahr, lasse es aber unbehelligt. Woher soll ich denn auch wissen, ob es angefasst werden möchte? Es ist fast, als ob mich ein Tier als ebenso merkwürdig und seltsam wahrnimmt, wie die Menschen es bei mir zu tun pflegen, als ob es spürt, dass ich irgendwie falsch bin, anders. So beäugen wir uns bei einer Begegnung nur argwöhnisch und jeder macht sich so seine Gedanken.

Als Kind hatte ich einen Hamster. Ich richtete den Käfig mit viel Liebe zum Detail ein und hielt mich dabei akribisch an die Ratschläge und Empfehlungen des Hamsterbuches. Doch das kümmerte den Nager wenig. Er starb nach einigen Monaten. Bald darauf hatte ich wieder einen Hamster. Er starb nach einigen Monaten. Nach dem dritten Hamster, er starb übrigens nach einigen Monaten, gab ich es dann auf. Es frustrierte mich, dass diese Tiere nichts anderes machten als fressen, schlafen und sterben. Zudem hatte ich immer zu viel Angst, das derzeit lebendige Tier zu berühren und mit ihm zu spielen, ich fürchtete, es könnte mich beißen. Hamster 1, 2 und 3 blieben mir daher immer unheimlich und fremd.
Auch der Familienkater, unser Dackel und ich lebten mehr so nebeneinander her und hatten nichts miteinander zu tun. Beide kamen nie zu mir, um zu schmusen. Wir gingen uns einfach aus dem Weg.
Als ich im Rahmen eines Ausflugs auf einem Pferd reiten sollte, stellte es sich auf meinen Fuß und ich schwöre, es kicherte böse, als ich vor Panik und Schmerzen anfing zu weinen. Jahre später, ich war Gast auf einer Hochzeit, die auf einem Hofgut mit eigenem Gestüt stattfand, versuchte ein Pferd, mein schönes blaues Cocktailkleid zu essen. Es scheint, Pferde halten wenig von mir und machen keinen Hehl daraus, mir das auch zu zeigen.

Ich versuchte es einige Jahre nach meinem Auszug  mit einer eigenen Katze, das war eine meiner unzähligen und kreativen Bemühungen, der zunehmenden Einsamkeit zu entkommen. Eine Weile teilte ich meine Wohnung also mit einer schönen, eleganten Perserkatze. Doch wir misstrauten uns irgendwie, wurden nie warm miteinander. Wir waren beide einsam, jeder für sich. Und als sie sich nach einiger Zeit nicht mehr bürsten ließ – ich kämmte sie wahrscheinlich, als ob die Gefahr bestand, dass sie bei einer falschen Bewegung kommentarlos explodierte  – beschloss ich, sie lieber einer anderen Person zu überlassen, die besser mit Tieren umgehen konnte. Sie leiden zu lassen stand ja auch nicht in meinem Sinn.

Es ist nicht schön zu wissen, dass sich meine Kontaktschwierigkeiten auf Lebewesen jedweder Art beziehen, das macht mir meine Andersartigkeit und Isolation umso bewusster. Bei Menschen kann man ja noch versuchen, Probleme mittels Gesprächen einzugrenzen und zu beseitigen, ein Tier lässt sich aber selten von klarer, barriereloser Kommunikation überzeugen.
Sollte ich jemals wieder den Wunsch nach einem Haustier hegen, werde ich mich wohl für eins aus Pappe entscheiden. Obwohl – vielleicht lieber nicht. Ich mag es nicht, wenn Dinge herumstehen und Staub ansetzen.

 

 

3 Gedanken zu „Hund, Katze, Autist.

  1. Die Schilderung Deiner Erfahrungen decken sich mit den von mir gemachten. Wohngemeinschaft mit Hund, Katze, Vogel, Fisch gestalteten sich schwierig. Stofftiere waren dagegen lebenslange geduldige Begleiter.

  2. Vielleicht ist die Lösung darin zu finden: die Tiere, die dir in deinem Leben begegnet sind waren alle einfach nur, aber eben nicht autistisch veranlagt. „Wie der Herr so sei Gescherr“. Ist meine rein praktische Erfahrung mit meinem Hund.

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