How to love an autistic

(Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit @misharrrgh.)

Du hast also erfolgreich einen autistischen Menschen gedatet, alle Level gemeistert und stehst jetzt vor dem Endgegner Liebe? Klar, Beziehungstipps bietet Dir jedes Onlinemagazin und alle wollen es besser wissen. Mit einem Autisten solltest Du aber all das, was Du über die Liebe weißt, noch einmal überdenken. Glaube nicht, Du wüsstest, wie der Beziehungsalltag mit Autisten läuft. Auch wir beide haben die Weisheit nicht gepachtet, uns aber bemüht, ein möglichst aufschlussreiches How To zusammenzustellen. So schaffst Du es vielleicht auch zu Deinem “happily ever autistic after”.

 

Anfangen.
Gut ist es, der Sache zwischen euch einen Anfang zu geben. Das heißt, einen Zeitpunkt zu definieren, an dem ihr vom Dating in eine Beziehung wechselt. Du erinnerst Dich, Klarheit und Gewissheit sind für Autisten sehr wichtig. Und so lange man niemandem einfach ein bisschen Blut abzapfen darf, um anhand des darin gemessenen Oxytocin-Spiegels den Beziehungsbeginn zu definieren, bleibt euch wohl nichts anderes übrig, als das Thema direkt anzusprechen. Ein Autist orientiert sich daran, was miteinander besprochen wurde. Wenn man nun also nach und nach in eine feste Beziehung gleitet und niemand von beiden spricht es an, kann man nicht davon ausgehen, dass der autistische Partner das auch bemerkt.

 

Reden.
Autisten mögen direkte Kommunikation. Zwischen den Zeilen zu lesen fällt ihnen nicht bloß schwer, sie können es kaum. Autisten bevorzugen es, zu wissen, woran sie sind. Klar, das nimmt dem Dating den Überraschungsmoment, aber Autisten finden Überraschungen sowieso nicht besonders romantisch. Im Gegenteil: Spielchen sind ihnen zuwider. Du magst eine autistische Person? Dann sage es ihr. Du machst Dich damit nicht uninteressant. Autisten wissen Offenheit zu schätzen. Das Schlimmste, was Dir passieren kann? Ein Korb. Aber dann hatte Dein Schwarm eh kein Interesse. Falls doch, machst Du mit Deiner Ehrlichkeit auf keinen Fall etwas falsch. Die Notwendigkeit klarer Kommunikation endet nicht mit dem Beginn eurer Beziehung. Du möchtest auf der rechten Seite im Bett liegen? Sprich es aus. Es geht dir nicht gut? Sprich es aus. Du möchtest in den Arm genommen werden? Sprich es aus.
Autisten sind alles andere als gefühlskalte Psychopathen. Sie mutmaßen und spekulieren nur nicht wild, was Deine Gefühlswelt betrifft. Natürlich machen sie sich Gedanken – das ist ja das Problem. Zu jedem gegebenen Zeitpunkt denkt ein Autist über eine Million Dinge gleichzeitig nach. Aber weil es einem Autisten schwer fällt, Mimik, Körpersprache und Andeutungen einzuordnen, wartet er im Zweifel ab. Und das hat mehr Vorteile als Nachteile: Einem Autisten musst Du Dinge nicht schonend beibringen. Das wäre kontraproduktiv. Autisten nehmen viele Dinge wörtlich. Ihnen etwas geschönt beizubringen könnte dazu führen, dass sie die Lage nicht so dramatisch einschätzen, wie es vielleicht angebracht wäre. Sei also immer offen und ehrlich. Dir geht es nicht gut? Du würdest gern wissen, wie es dem anderen geht? Sprich es einfach aus und nenne die Dinge beim Namen.

Die Sache hat aber einen Haken. Klar, Du musst eindeutig kommunizieren. Dein autistischer Partner tut das aber auch. Wie angenehm das für Dich ist, hängt stark von der Situation ab. Wenn Du sie oder ihn um eine Meinung zu Deinem neuen Outfit, Deiner Frisur oder einem Plan bittest, bekommst Du unter Umständen eine Antwort, die Dir nicht gefällt, ja, die Dich manchmal auch verletzen kann. Dahinter steckt keine böse Absicht. Die Wahrheit ist nicht immer bequem. Und eine dieser Wahrheiten ist auch, dass Autisten keine geschickten Lügner sind. Harte Lügen betrifft das ebenso wie gesellschaftlich etablierte white lies. Das ist vielleicht ungewohnt. Aber Du wirst immer wissen, in welchem Kleidungsstück Du eher unvorteilhaft aussiehst.

Autismus ist nicht das, was den Menschen ausmacht und der Mensch ist nicht nur sein Autismus. Aber diese Behinderung ist nun eben auch nicht wie ein Schnupfen, der irgendwann von selbst verschwindet. Es ist wichtig, darüber zu sprechen, egal, ob Dein Partner autistisch ist, ob Du es bist oder gar ihr beide. Sprecht eure Bedürfnisse an, sprecht über eure Sorgen und Ängste, über eure Wünsche und Vorstellungen. Kommunikation ist nicht nur der Schlüssel für Menschen mit Kommunikationsproblemen. Kommunikation ist der Schlüssel, das Schloss, die Tür, die Mauern – Kommunikation ist alles.

 

Die Anderen.
Egal, ob du Autist bist oder nicht, es ist immer falsch, sich mit Anderen zu vergleichen. Dass das automatisch geschieht, ist aber menschlich. Und gerade Autisten neigen dazu, sich am Leistungsumfang und -vermögen neurotypischer Menschen zu orientieren. Warum ein solcher Abgleich nur unnötig Druck aufbaut, liegt auf der Hand.
Vergiss alles, was du bislang über Beziehungen zu wissen geglaubt hast. Das gilt hier nicht. Du fängst bei Null an, nein, ihr fangt bei Null an. Alles wird anders sein. Eure Kommunikation, eure Wohnsituation, euer Sozialleben, eure Freizeit, eure Urlaube, eure Zärtlichkeiten, euer Sex. Manche Bereiche sind vielleicht marginal anders, andere werden Dich überfordern. Aber das ist nicht schlimm. Wenn Du neurotypisch bist, magst Du ja Überraschungen. Und wenn Du auch Autist bist, nun, dann gibt es die Chance, dass die einzige Überraschung darin besteht, dass Du erstmals auf jemanden triffst, der so ähnlich tickt wie Du. Ganz egal aber, wie die Konstellation in eurer Partnerschaft ist, sie wird sich von denen in eurem Umfeld unterscheiden. Vergleiche mit anderen Beziehungen werden euch im Zweifel frustrieren, weil eine Beziehung mit einem Autisten der Erwartungshaltung einer normativen Gesellschaft einfach nicht gerecht werden kann. Erspart euch die Enttäuschung, gönnt euch euer eigenes Tempo und akzeptiert eure Beziehung so, wie sie ist.

 

Der Alltag.
Beziehung bedeutet auch, viel gemeinsame Zeit haben zu wollen. Das kann für Autisten schwierig sein. Zum einen gibt es das intensive Bedürfnis nach dem Alleinsein.  Zum anderen haben sie oft lange gebraucht, um sich ihren Alltag mit Routinen und Ritualen halbwegs stabil und lebenswert zu gestalten. Stress und Veränderung können zu einem Overload führen und Autisten haben gelernt, dass Struktur hilft, Overloads zu vermeiden. Das mag für Dich anfangs befremdlich sein. Und ja, für einen Außenstehenden wirkt es komisch, wenn jemand täglich das gleiche frühstückt, zu Mittag und Abend isst, jeden Tag exakt gleich viele Tassen Kaffee trinkt, immer nur morgens staubsaugt, aber Abends duscht, die Bücher nach Farben oder Größe sortiert, keinen Schnickschnack im Regal herumstehen hat und Dich bittet, Dich auf einen ganz bestimmten Stuhl zu setzen. Je länger ihr zusammenbleibt, desto mehr Mannierismen und Gewohnheiten werden Dir auffallen.

Nun zu erwarten, dass der autistische Partner all das über den Haufen wirft, weil Du in sein Leben geplatzt bist, ist so egozentrisch wie naiv. Gibt er oder sie diese Struktur auf, geht das nur eine Zeit lang gut und endet erfahrungsgemäß in einer mittelschweren Katastrophe aus Overloads, Überforderung, Zusammenbruch und Rückzug. Ihr könntet eure Zeit doch sicher angenehmer verbringen. Respektiere die Rituale Deines Lieblingsautisten ebenso, wie die Zeit, die er allein verbringen muss. Bring Dich in seine Abläufe ein. Gestaltet gemeinsam neue Rituale. Die können simpel sein, wie ein wöchentlicher Kinobesuch oder komplexer, wie ein gemeinsam gestalteter Sonntag. Sieh es mal so: Irgendwie ist es doch entspannend zu wissen, dass es Sonntags immer indisch gibt, oder?

Du bist ein Partymensch und gehörst zur alkoholgetränkten Inneneinrichtung Deines Lieblingsclubs? Wir möchten uns nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, denn es gibt auch Autisten, die gerne feiern gehen. Aber vielleicht wäre ein neurotypischer Partner doch besser für Dich. Oder ihr findet in einem offenen Gespräch eine Grundlage, mit der sich eure Interessen und Bedürfnisse verbinden lassen. Auch hier ist der wichtigste Faktor die Ehrlichkeit. Fühlt sich ein Autist geborgen und fasst er Vertrauen, so kann er mit den “Eigenheiten” eines neurotypischen Partners selbst dann umgehen und sie akzeptieren, wenn er sie nicht versteht.

Du kannst Dich natürlich darauf konzentrieren, dass ein Autist manches nicht so gut beherrscht und hier und da Schwächen hat, wo andere Menschen sich hervortun. Du kannst aber auch einfach mal aus Deinem gewohnten Denken ausbrechen und etwas Neues versuchen. Samstag Mittag in die Mall? Nicht im Ernst. Wie wäre es mit Onlineshopping? Netflix? Board Games? Oder eine andere gemeinsame Aktivität? Dein Partner wird Dir Dein Entgegenkommen danken und eure Beziehung wird selbst zu einer geschätzten Routine. Ja, Routine! Das böse Wort in jeder neurotypischen Beziehung. Für eine Beziehung mit einem Autisten ist sie jedoch das Lebenselixier, weil sie emotionale Freiräume schafft, in denen sich der Autist ebenso wie Du fallen lassen und sich der Beziehung hingeben kann. Betrachte Routinen also nicht als Gefährdung. Vielleicht wirkt das erstmal langweilig. Aber in dieser “Langeweile” habt ihr die Chance, gemeinsam zu wachsen und zusammenzufinden.

 

Berühren.
Autisten mögen keine Berührungen, hast Du gehört? Das ist falsch. Autisten können genau so verschmust, abweisend, offen, schüchtern, promiskuitiv, asexuell, polyamor oder monogam wie alle anderen auch sein. Fakt ist: Man kann nichts verallgemeinern. Lege mit Deinen Kleidern doch auch gleich die Vorurteile ab. Und da wir an dieser Stelle lieber nicht erzählen wollen, wie wir beide das so anstellen, belassen wir es einfach mal dabei. So viel können wir aber verraten: Auch in diesem Bereich ist eine direkte, offene Kommunikation ohne Netz und doppelten Boden das A und O.

 

Probleme.
Konflikte kommen in den besten Familien vor. Egal, wie viel ihr miteinander redet, irgendwann kracht es. Und dann ist da wieder diese Sache mit dem Autismus. Natürlich könnt ihr euch in euer Schneckenhaus verkriechen und den Streit aussitzen. Dabei riskieren aber beide Partner, die entstandene Kluft zu einem unüberwindbaren Graben auszuweiten, über den man keine Brücke mehr bauen kann. Auch hier gilt: Kommuniziert miteinander. Emotionen können für Autisten derart intensiv und überwältigend sein, dass sie weder imstande sind, sie zu erfassen, noch zu verarbeiten. Das wirkt nach außen hin, als gäbe es keine Gefühle. Stimmt nicht. Es braucht nur Zeit, diese emotionalen Berge in kleine Brocken zu zerlegen, die man bewältigen kann. In dem Fall ist Geduld und Feingefühl gefragt. Sucht euch Hilfsmittel. Manchmal ist es einfacher, einander Textnachrichten zu schreiben, auch, wenn ihr euch dabei in einem Raum befindet. So kann man Konflikte schon während ihrer Entstehung lösen.

An dieser Stelle wird es übrigens etwas kompliziert. Autisten sind oft von ihrem bisherigen Leben traumatisiert und haben sich destruktive Verhaltensmechanismen angeeignet, um den Erwartungen ihrer Umwelt gerecht zu werden. Die kann man nicht von heute auf morgen ablegen. Man sagt außerdem, dass autistische Menschen in der emotionalen Entwicklung oft hinter Neurotypischen herhinken. Das gilt nicht für jeden Autisten gleichermaßen. Manche arbeiten hart an ihrer Persönlichkeit, andere lassen sie außer Acht. Aber diesen Punkt solltest Du auf jeden Fall bedenken, denn er kann dazu führen, dass Dein Partner etwas, wozu wir Dir geraten haben, selbst nicht erfüllen wird. Du gehst also mit der Beziehungsarbeit womöglich in Vorleistung und musst vielleicht mehr Stärke und Geduld aufbringen, als Du es gewohnt bist. Aber die Liebe ist nun einmal keine ausgeglichene, vorhersehbare Sache. Glaub uns, als Autisten können wir ein Lied davon singen.

Stört Dich etwas an Deinem autistischen Partner, kannst Du schlecht erwarten, dass er das auch merkt. Wie wir schon erwähnt haben, gibt es Einschränkungen in der Kommunikation. Nichtautisten können zwar ebenfalls keine Gedanken lesen, sie schaffen es aber immerhin, Deinen Tonfall, Deine subtilen Hinweise und Dein passiv-aggressives “Ach, es ist nichts” halbwegs zu deuten. Ein Autist ist in diesem Fall einfach nur aufgeschmissen. Wenn Du ihm erzählst, dass alles in Ordnung ist, dann wird er sich darüber freuen. Klingt vielleicht dumm, ist aber nur ein Kommunikationsproblem. Darum verhalte Dich Deines Alters entsprechend und benenne Deine Probleme. Du kannst nicht erwarten, dass Dein Partner aus lauter Liebe zu Dir das Hellsehen lernt.

Mit Lügen sieht es ähnlich aus. Viele Autisten erkennen es nicht, wenn man sie anlügt. Wenn sie es aber herausfinden, sind die wenigsten in der Lage, mit diesem tiefen Vertrauensbruch umzugehen. Vielen Autisten wohnt eine ungewöhnlich große Loyalität inne. Sie sind in der Regel auch sehr zuverlässig. Dein autistischer Partner wird mit hoher Wahrscheinlichkeit hinter allem stehen, was Du tust und Dich darin bestärken. Das ist ungewöhnlich, ein seltenes Geschenk. Es liegt an Dir, es wertzuschätzen oder zu verspielen.

 

Beenden.
Funktionierende Beziehungen bedeuten immer Arbeit. Egal, ob Autismus im Spiel ist oder nicht. Wenn Du die nicht investieren möchtest, ist es wohl besser, noch eine Weile Single zu bleiben.

Gehen wir davon aus, ihr habt euch beide bemüht und es ist doch nicht so ganz das, was ihr euch vorstellt. Ihr glaubt, ihr schafft es nicht, als Oma und Opa händchenhaltend in euren Schaukelstühlen zu sitzen, weil ihr euch vor Wut aufeinander vorher gegenseitig liquidiert? Dann lasst es. Eine Beziehung lässt sich nicht erzwingen. Zeig Größe und beende die Sache genauso klar und deutlich, wie sie begonnen hat. Ohne Lügen, Geheimnisse und Schweigen. Beende es wie ein reifer, erwachsener Mensch und quäle Deinen nicht mehr ganz so liebsten Menschen nicht auch noch mit Ungewissheit. Aber hey, falls Du etwas mit diesem How To anfangen konntest, wird es vielleicht gar nicht erst dazu kommen.

 

Die AutorInnen

Marlies Hübner und Misha Anouk sind Autoren und haben im Laufe ihres Lebens sämtliche Abgründe der Liebe kennengelernt.  Sie beide sind diagnostizierte Autisten und ein Paar. Das Schreiben ist, ebenso wie das Entwickeln gemeinsamer Rituale und Routinen, eines ihrer Spezialinteressen.

 

8 Gedanken zu “How to love an autistic

  1. Meine Beziehung mit „meinem“ AT ist das Schönste, was das Leben mir bisher beschert hat. ❤️
    Ich würde ihn gerne Klonen und allen so einen schenken.
    Das Wichtigste an einer Beziehung ist nämlich NICHT telefonieren (nie), shoppen gehen (nie), sich überraschen (nie) oder sonstige Kleinigkeiten, woran sich NTs aufziehen (wer darauf nicht verzichten kann, der sollte es am besten sein lassen). Das wichtigste ist Ehrlichkeit, Vertrauen. Loyalität und so geliebt zu werden, wie man ist. Und das ist ein wunderbares Geschenk!

  2. Manche Tipps sollten auch Paare ohne Autist/innen zu Herzen nehmen! Insbesondere der Kommunikationsaspekt, der in manchen Beziehungen fehlt.

  3. Okay, ich heule schon jetzt, dabei habe ich erst ein Viertel gelesen. Ich durchlebe die Liebe meines Lebens. Es ist aber auch die schwerste. Für beide. Dankeschön. Lydia

  4. Nifty. Könnten sich auch beidseitig Nicht-betroffene ein paar Scheibchen von abschneiden – Reizüberflutung is ja nich nur die Last der lieben Autisten 😉

    Agoraphobiker, „AdeHaDeDudedas“ bzw. MCDler aka psychologisches Auffangbecken (psychologische Literatur is your friend!), Aspis (nicht meine Worte), BPSler und wie sie nich alle heißen mögen .. teilen dieses Problem ja. Schnittmenge / Teilmenge? Whatever. Mengenlehre war nie meine Stärke.

    cu, w0lf.

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