Existenz

„Sie ist vor einer Stunde gestorben.“

„Gut. Braucht ihr Hilfe?“

„Nein. Der Arzt kommt bald. Ich rufe Dich an.“

Die seltenen Telefonate mit meinem Bruder waren schon immer von Sachlichkeit geprägt. Die Information über den Tod der Großmutter bildete da keine Ausnahme.
Ich legte das Telefon zur Seite und ließ mir ein Bad ein, genoss das warme Wasser, das meinen Körper umschmeichelt. Sie hingegen ist nun kalt. Der Körper hat bereits begonnen, zu zerfallen. Wie er wohl in einem Monat aussieht? In einem Jahr? Wann liegen nur noch Knochen in der Erde und wann hat sie sich völlig aufgelöst? Wann wird sie vergessen sein? Ich tauchte unter, das Wasser schwappte über mein Gesicht, floss durch mein Haar.  Nur Wasser. Keine Träne. Wer war diese Frau, die früh zwei Ehemänner begrub? Die eine Tochter hatte, für die sie nie ein gutes Wort fand, nur Missachtung und Schikane? Die ihre Enkel aufwachsen und leben sah, ohne jemals einen Funken Interesse oder Zuneigung zu zeigen? Diese Fremde, in deren Zimmer wir uns nur selten verirrten,  sprach mich oft mir den Namen meiner Mutter an. Sie liebte es, kleine Gemeinheiten und Spitzen zu verteilen, so dass wir oft flohen, wenn sie in der Nähe war. Sie lachte nach jedem ihrer bösen Kommentare und schaute, als würde sie erwarten, dass wir ebenfalls lachen. Aber wir schwiegen nur.
Ich kannte sie nicht. Sie kannte mich nicht. Wir lebten beinahe 15 Jahre unter einem Dach und waren doch Fremde. Den Anderen ging es ebenso.
Man kümmerte sich um Organisation und Ablauf der Beerdigung, traf Entscheidungen, vereinbarte Termine. Niemand trauerte.  Niemand trauert.
Wer war diese Frau? Ich kann mich nicht an ihr Gesicht erinnern.
Wenn Du stirbst und niemand weint um Dich, was war Dein Leben dann wert? Hast Du je existiert?

6 Gedanken zu „Existenz

  1. Das ist ein schwieriges Thema und ich weiß nicht, ob bei deinen Worten Beileidsbekundungen passend sind. Ich weiß nicht mal, warum es überhaupt solche gibt. Genauso wenig weiß ich, warum Menschen sich ständig irgendetwas wünschen, wie z. B. einen „Guten Morgen“ oder so was… aber ich schweife ab.
    Zu deinen offenen Fragen: Ich sehe das so, dass es durchaus nicht hinderlich ist, wenn niemand um einen Verstorbenen unnötig viel Tränen vergießt, über eine viel zu lange Zeit trauert. Schreibe ich, der auch seine beiden Großmütter und einen Groß-Onkel binnen 3 Monaten verloren hat und mit Sicherheit für sich alleine denen nachgesinnt hat. Wenn dich das interessiert: http://www.blog.adelhaid.de/2012/09/reflektiere-nur-dann-wenn-dir-danach-ist.html
    Dagegen finde ich es sehr wichtig, dass Menschen in ihrem Leben etwas erschaffen haben. Das mögen materielle Dinge sein, die es zu erhalten gibt. Von einem gebauten Haus bis – enorm wichtiger – zu einem blühenden Garten. Das möge Wissen sein, dass sie weitergegeben haben. Es mag aber auch nur ein einzelner Satz oder ein Sprichwort sein, ein Wort, dass man nie vergisst und stets in Zusammenhang mit dem Verstorbenen bringt.
    Mein o. e. Groß-Onkel sagte z. B. stets: „Das ist überhaupt das Wichtigste“ und meinte damit alles bis hin zu banalen Dingen wie Autoreifen. Die waren für ihn auch das Wichtigste am Konstrukt Verbrennungsfahrzeug. Sein Auto habe ich geerbt, es war damals 23 Jahre alt und die Reifen 12 Jahre. Das dazu als Anekdote.

  2. Ich kenne auch so einen Menschen. Eine Frau, die mit jedem Streit beginnt, die stichelt, die hinterlistig lügt.
    „Ich zanke, also bin ich!“ scheint ihr Wahlspruch zu sein.

    „Sie ist eine böse Frau,“ sagt eines ihrer Kinder.

    „Nein, sie ist im tiefsten Herzen gut,“ sage ich.

    Sie weiß nur nicht, wie man es macht.

  3. „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“

    Dieses Zitat von Albert Schweitzer las ich, während ich darauf wartete von meinem Vater abgeholt zu werden. Es war bereits dunkel, kühl, feucht. Wie Novembertage made in Germany nun mal so sind. Dieses Zitat prägte mich. Auch wenn ich Liebe nach meinen Vorstellungen definierte.

  4. Wenn jemand stirbt, zählen dann die Tränen und Schmerzen, die derjenige bei anderen verursacht haben nicht als Existenzberechtigung?
    Zählt nur das Positive?

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