Gesichterlesen

Mit Gesichtern verhält es sich wie mit nicht zueinander passenden Puzzleteilen. Die einzelnen Details sind klar erkennbar, aber zusammengesetzt ergeben sie nur ein wirres Bild, das keine Sekunde in meiner Erinnerung verweilen möchte.
Sind wir uns bereits begegnet? Ich kann es nicht sagen. Wir müssen schon eine enge Bindung haben, bevor ich Sie ohne Probleme erkenne.  Befinden Sie sich zudem gerade in einer Menschenmenge, wird es mir kaum möglich sein.
Gesichter sind etwas Schwammiges. Meine Augen wandern unruhig darüber, versuchen, das Konterfei zu ertasten, zu identifizieren, zu fassen, mein Blick wendet sich aber schnell desinteressiert  ab. Warum ist es unmöglich, mir ein Gesicht mit all seinen mehr und weniger markanten Merkmalen einzuprägen und auf Wunsch aus dem Gedächtnis abzurufen? Selbst mein eigenes Antlitz bleibt mysteriös und verschwommen, dabei verbringe ich doch täglich einige Zeit damit, es hübsch herzurichten.
Es mag Sie vielleicht verwundern, aber für mich hat das Wort ‚Antlitz‘, ein Wort mit einer weit zurück verfolgbaren Herkunft, eine weitaus größere Ästhetik und Faszination als das, was es beschreibt.

Die Augen meines Gegenübers, die Fenster zu seiner Seele, meide ich. Sie sind meist weit offen und bestürmen mich mit Informationen, die ich nicht zu verarbeiten weiß, lösen ein Gefühl der Bedrängung in mir aus, sind unangenehm. Warum das so ist und wie sich das vermeiden lässt, konnte ich bisher nicht ausreichend eruieren. Aussagen über Gefühle und Befinden erhalte ich lieber verbal oder schriftlich, dann sind sie oft auch strukturiert und vorgefiltert.
Gesichter verziehen sich zudem gern zu verschiedensten Ausdrücken, die mit Konzentration auch interpretierbar sind, oft aber nicht mit anderen körpersprachlichen Signalen harmonieren und so eher für Verwirrung als für Verstehen sorgen.

Sehe ich also einen Menschen an, wandert mein Bick schnell ab und sucht spannenderes. Gern versuche ich stattdessen, an der Brechung der Brillengläser die Dioptrie zu schätzen, darin bin ich gut. Oftmals bleibe ich, wenn sichtbar, aufmerksam an der Clavicula, dem Schlüsselbein, hängen und verweile dort eine Zeit lang. Wussten Sie, dass Clavicula das lateinische Wort für Ranke ist? Die Anmut dieses elegant geschwungenen Knochens sehe ich gern.  Muster oder interessante Stofftexturen Ihrer Kleidung genieße ich ebenso.

Die Unfähigkeit, jemanden an seinem Gesicht zu erkennen, nennt man übrigens Prosopagnosie. Man stößt in der Literatur immer wieder auf ein gemeinsames Auftreten bzw. auf die Komorbidität von Prosopagnosie und Autismus, ich fand bei meiner Recherche aber recht widersprüchliche Aussagen und möchte das Thema daher aufgrund mangelnden Fachwissens vorerst nicht weiter vertiefen. Sollten Sie jedoch Informationen oder interessantes Material dazu kennen, freue ich mich, wenn Sie den Verweis als Kommentar hierzu hinterlassen.

5 Gedanken zu „Gesichterlesen

  1. Trotzdem: Ein faszinierender Blick und eine alles andere als zufällige Körperhaltung! Auch wenn die Kamera nur ein technisches „Auge“ ist, so hat das Bild doch eine Wirkung auf den Betrachter!

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