“Es tut mir leid, dass ich Sie schon wieder belästige”

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“Es tut mir leid, dass ich Sie schon wieder belästige” ist der erste Satz, den ich nach der Begrüßung am Telefon sage und das, was daraufhin in meinem Kopf passiert, ist neu. Ich meine nicht den Vorgang an sich, denken kann ich schließlich schon eine Weile, auch, wenn es dabei durchaus qualitative Schwankungen zu verzeichnen gibt. Auch nicht das Telefonieren, manchmal muss das einfach sein, egal, wie sehr man es hasst. Unerwartet ist eher das Ergebnis, dieses unangenehme Räuspern meiner inneren Stimme. Die innere Stimme, ihr wisst schon, dieses Ding, das sich immer in den unpassendsten Momenten zu Wort meldet und kräftig herummoralisiert.
Halt, sagt sie, in einer Lautstärke, die anderenorts als unangemessen gelten würde. Halt mal. Was genau tust du hier eigentlich?
“Ich bin nur höflich”, antworte ich meiner inneren Stimme. “Und jetzt Ruhe. Ich muss zu Ende telefonieren.”

Kaum lege ich auf, meldet sie sich erneut und zeigt sich so zuverlässig unangenehm wie Zahnweh. Höflich bist du, aha. Höflich wäre so etwas wie “Guten Morgen, wie geht es Ihnen”, aber nicht “Entschuldigung, dass ich existiere”.
“Haha, klar. Das habe ich nie gesagt.”
Hast Du wohl.
“Hab ich nicht.”
Hast du wohl.
“Ach halt die Klappe!”

Na ja. Eigentlich habe ich etwas Derberes gesagt als “Halt die Klappe”, aber wie gesagt, ich bin ja ein höflicher Mensch, habe eine gute Erziehung genossen und würde nie so einen Ausdruck, niemals würde ich, also im Ernst, das macht man nicht, das kann ich nicht, das wäre doch geradezu ordinär und ordinär bin ich doch wirklich ni–
HALLO, GEHT’S NOCH?
“Bitte was?”
Ja spinnst du jetzt komplett? Dich auch noch in Gedanken zu entschuldigen, das ist selbst für deine Verhältnisse ein bisschen zu neurotisch.
“Ey, jetzt wirst du aber beleidigend.”
Beleidigend, haha, ich zeig dir gleich beleidigend. Du bist hier das Problem, nicht ich. Du bist doch damals aus dem Geburtskanal geplumpst und hast erst mal gesagt “Entschuldigung, dass ich so ein Chaos hinterlassen habe”. So eine bist du nämlich. Und solche Leute wie du, die wirken eher unangenehm. Die mag doch keiner.
„Es gibt sehr wohl Menschen, die mich mögen!“
Ah ja? Dann frag die mal, wie die das sehen. Es nervt auf Dauer nämlich ziemlich hart, wenn sich jemand immer selber fertig macht. Selbstkritik und Selbsthass sind zwei verschiedene Dinge, so sieht das nämlich aus. Ersteres sollte man üben, zweiteres den Anderen überlassen.

“Blödsinn. Bloß, weil ich mal ein bisschen nett sein will, heißt das doch noch lange nicht, dass es anderen Leuten unangenehm ist. Im Gegenteil! Ich verbitte mir solche Unterstellungen.”
So. Real Talk, Marlies, denn du verstehst mal wieder nichts. Wenn du den Leuten gleich von vornherein suggerierst, dass ihnen etwas Mühe bereiten könnte oder du ihnen lästig sein könntest, dann empfinden sie das auch so. Unabhängig davon, wie es in Wirklichkeit ist. Imposter-Syndrom, schon mal gehört? Du bist das wandelnde Beispiel dafür. Immer schön tief stapeln, immer schön die eigenen Leistungen invalidieren. Hauptsache, sich selbst mies machen. Das ist echt nicht auszuhalten. Aber andere Menschen immer gleich auf ein Podest stellen und toll finden. Das kannst du. Dabei tun die meistens eh nichts anderes, als vorzugeben, etwas drauf zu haben. Fake it, till you make it, so läuft das. Aber du fällst drauf rein und gehst davon aus, dass alle gut sind und Ahnung haben. Alle außer dir.
“Das stimmt doch gar nicht.”
Und wie das stimmt.
„Aber du hast den Durchblick, oder was.“
Weißt du noch? Dein letztes Exposé? Du hast es abgegeben und gleich dazugeschrieben, dass es nicht gut ist. Hattest bloß Glück, dass du an jemanden geraten bist, der deine Masche durchschaut hat.

“Ich war nur ehrlich, das Exposé war doch auch…”
Sagst DU! Deswegen hast du ja auch Lob dafür bekommen, weil es ja SO. FURCHTBAR. SCHLECHT. IST.
„Hrmmpf.“

Hör mir mal genau zu: Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du da bist und etwas willst. Das ist dein gutes Recht. Du musst dich auch nicht für einen Anruf rechtfertigen. Es ist ihr Job, deine Fragen zu beantworten und wenn du 20 Mal am Tag anrufst, dann rufst du eben 20 Mal am Tag an. Sie bekommt Geld dafür, so etwas zu ertragen. Und jetzt nimmst du den Hörer, wählst die Nummer und sagst, dass du noch etwas fragen willst. Da ist nämlich noch etwas unklar. Ich bin in deinem Kopf, ich weiß das.
“Ist ja gut, ich mach ja schon. Musst ja nicht gleich so gereizt sein.”

*Freizeichen*
*Freizeichen*
*Anruf wird entgegengenommen*

“Hallo, Hübner hier. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie noch mal anrufe, aber ich habe da noch eine Frage.”
ACH WEISST DU WAS, ICH KÜNDIGE!

3 Gedanken zu „“Es tut mir leid, dass ich Sie schon wieder belästige”

  1. Hi Marlies, schön geschrieben – ich führe solche Diskussionen auch öfter mit mir selber.
    Eine Auflösung des Problems bewirkt bei mir die umgekehrte Vorstellung: Würde ich vielleicht erwarten, dass diese Person sich bei mir entschuldigen sollte, würde sie bei mir anrufen? Da Antwort wäre ein klares ja, schließlich hasse ich telefonieren, und die Person soll sich bitte schön schriftlich bei mir melden.
    Ich bin ein Aspie und sehr empfindlich, die meisten anderen sind es aber nicht …. und was predigen mir die NTs mein ganzes Leben lang: „Nicht so schüchtern, dazu gibt es keinen rationalen Grund.“
    Aaaalso noch mal von vorn: „Hallo, mein Name ist xxx xxxx, und ich freue mich, sie nochmals wegen einer Unklarheit zu kontaktieren: …“

  2. Hallo, dein Blog ist wirklich schön geschrieben^^
    Er ist sehr angenehm zu lesen, so konnte ich meine Gedanken im Grunde auch wiederfinden. In der Art wie ich denke bzw. dachte, da ich mal den Rat von einem Lehrer bekam, so zu denken als sei mir alles egal, um es einfacher ertragen zu können. Was letztendlich dann aber doch platze, wie eine Seifenblase, oder besser wie ein Kraftfeld welches seiner Energie entzogen wurde… ach Technik <3 xD
    Der Punkt ist, was ich eigentlich sagen wollte… schweife einfach zu schnell ab.
    Ich habe auch so ein überhöfliches Verhalten am Tage drauf, bei Menschen die mir wichtig sind ist das ja nicht (ganz so) gespielt, allerdings bei Fremden Leuten, eben doch .. irgendwie in einer Art und Weiße. Ich empfinde dieses Verhalten einfach nur als -höflich- nicht mehr und auch nicht weniger. Habe nie verstanden, warum ich den anderen Menschen komisch vorkam oder gar unhöflich, obwohl ich doch immer so höflich bin.
    Ach Schreiben ist nicht so meins.. XD ich schweife ab und rede um den heißen Brei.
    Auf den Punkt gebracht, habe auch so ein Denken, wie in deinem Text beschrieben und vorallem das auch gedacht das die anderen Menschen um mich herum auch nur das sagen, was ihnen gerade im Kopf rumschwebt und sich nicht in Lügen verstricken… Lügen, warum lügen NT´s, verstehe das nicht. Für mich ist es eher so zu beschreiben als würde ich meine Festplatte mit Malware oder anderen Anomalien, wie Bugs im Algorythmus zu häufen und mich so nur selber langsam zum Stillstand bringen….

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