Eigentlich ganz schön

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„Wie sieht denn deine Beziehung aus“, fragt mich Sabine und hält mir eine Frauenzeitschrift unter die Nase.
„Na ja“, sage ich, „rein äußerlich ist sie schon ganz attraktiv.”
„Du schon wieder“, sagt sie und murmelt irgendwas von wegen immer diese Autisten, die alles wörtlich nehmen, und dass ich doch mal diesen Psychotest hier machen sollte, dann wüsste ich nämlich, wie sie aussieht, meine Beziehung.
Gut, denke ich, gesichtsblind bin ich ja auch noch, also vielleicht nicht das Schlechteste, so etwas mal schwarz auf weiß zu bekommen.

Fünf Fragen später, fünf Fragen, bei denen meine Nackenhaare die Form von Edward Snowdens Frisur annehmen, so tief dringen sie meine Privatsphäre ein, so viel weiß noch nicht mal WhatsApp über mich, fünf Frage später stellt sich heraus, sie ist eigentlich ganz schön, meine Beziehung. Nicht perfekt, aber auch nicht zum Scheitern verurteilt, so ein Allerweltsgesicht hat sie halt, die Beziehung, nichts, weswegen man atemlos umkippt, aber durchaus so ein Gesicht, in das man sich verlieben kann, wenn nicht gerade Jake Gyllenhaal daneben steht, das sagt mir der Test, eigentlich ganz schön also, und ich überlege, was dieses „eigentlich“ bedeutet, das vor dem „ganz schön“, das klingt ja doch schon nach einer ganz schönen Einschränkung, so ein „eigentlich“, das klingt danach, dass da noch was kommt, aber was Gewaltiges und ich glaube tatsächlich, dieses „eigentlich“ ist genau genommen die kleine, hässliche Schwester von „aber“. Das meine ich weder böse, noch diskriminierend oder gar lookistisch, falls es das überhaupt gibt, Lookism bei Wörtern. Sprach-Lookism, quasi. Ich meine es nur ehrlich.

Obwohl ich mir schon vorstellen kann, dass Leute Wörter abwerten und meiden, weil sie nicht so schön sind, dass sie sie schlechter behandeln, sich über sie lustig machen oder sie sogar völlig aus ihrem Wortschatz verbannen.
So wie „Glubsch“. Das kann man ja kaum aussprechen, ohne sich zu ekeln. Selbst beim Tippen bekomme ich Gänsehaut. Oder „Ökotrophologie“, ein Wort, bei dem es um so etwas Großartiges wie Essen geht und das dann doch die ganze Hässlichkeit der Sprache in sich vereinen will. Und das mit Erfolg. Aber was weiß ich schon, vielleicht ist das, was ich nicht besonders attraktiv finde, Wörter wie “Falzzangen”, “Konglomerate” oder “Blunzengröstel” zum Beispiel, vielleicht sind solche Wörter für andere das Schönste auf der Welt. Da kommt man nicht zueinander, da bestehen dann Differenzen und man bricht schon einmal Streit vom Zaun. Dann wird es kompliziert, wie bei so einem richtigen Beziehungsdilemma.

Dafür müsste es doch eigentlich auch Psychotests geben. „Wie sieht dein Lieblingswort aus“ oder „Welches Wort passt zu dir“ und „So  klappt es mit dem Wort und dir“. Sprachwissenschaftlich geprüft und garantiert ohne Garantie. Aber einfach und schnell. Eigentlich sollte es für alles Psychotests geben, man sollte seine ganze Entscheidungsfindung auslagern in diese Psychotests, all die kleinen, anstrengenden, zeitraubenden Entscheidungen, die jeden Tag anfallen, angefangen von „Wie viele Tassen Kaffee trinke ich heute“ über „Hosen oder Röcke, was macht mich wirklich glücklich“, „Mops oder Dobermann“ bis hin zu „Gehaltsverhandlung – betteln oder fordern“. Mein Leben wäre so viel einfacher, wenn ich den ganzen Entscheidungsfindungsprozess einfach outsourcen könnte an diese Tests, diese Therapieersatzversuche auf Wendy-Niveau, konzipiert für die überforderte, moderne Frau, die wir natürlich alle sind, die, der man sagen muss, was sie fühlt und was sie denkt, was sie tun und was sie lassen soll.

Ich müsste mir keine Gedanken mehr machen, welche Farbe die Schuhe haben sollen, die ich mir kaufen will oder ob ich mir überhaupt Schuhe kaufen will, eventuell passen Schuhe und ich ja gar nicht zusammen, das muss man ja vorher klären. Nachher endet das noch im schlimmen Streit und ich muss mich zusätzlich zu meinem psychotestgeprüften Schnürstiefeln mit einem Paar kostspieliger, aber äußerst attraktiver Sandalen auseinandersetzen, welche das unerwartete Ergebnis einer feucht-fröhlichen Nacht sind. Das wird dann schnell unschön.

Wobei ich ja glaube, dass wir ohnehin zu sehr auf Attraktivität fixiert sind. Alles muss attraktiver werden: Pflegeberufe, die EU, Olaf Schubert. Das setzt einen schon ganz schön unter Druck, diese ständige Erwartungshaltung an Attraktivität und wenn man nicht aufpasst, kehrt man alle Bemühungen, diese zu erreichen, glatt ins Gegenteil um. Beim Beine rasieren, zum Beispiel, einmal kurz unkonzentriert gewesen und man weiß nicht mehr so genau, ob es hier um glatte Schenkel oder um eine Neuinszenierung der 120 Tage von Sodom geht. Muss man ja schon aufpassen, bei so etwas, unter Umständen spricht man plötzlich das ganz falsche Publikum an und dann ist Schluss mit Ästhetik und all dem.

Und überhaupt, dieser ganze Hype ums Schönsein. Das einzige Ziel der ganzen erstrebten  Schönheit ist doch noch immer nur, zusätzlich zur eigenen Dreckwäsche auch noch die eines Typen zu waschen, den man sich vor lauter glattrasierter Attraktivität eingefangen hat. Der sich dann nicht in der Lage sieht, auch mal den Abwasch zu machen oder Staubzusaugen, weil das ja Frauenarbeit ist und nee, das geht nicht, das kann er genau genommen auch gar nicht, dafür ist er körperlich schlichtweg nicht in der Lage, für diese Frauenarbeit, da nutzt auch kein Zeigen und Erklären, er habe da mal was gelesen, was mit Genetik und so. Und dann sitzt man wieder da und fragt sich, wie denn seine Beziehung so aussieht und wie heißt es doch noch, Schönheit liegt im Auge des Betrachters? Dann mach ich wohl besser die Augen zu.

Disclaimer für Neugierige: Misha kann kochen, putzen und er ist derjenige von uns, der die Wäsche macht.

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