Dies ist ganz sicher kein Text über das Dating.

Lange überlegte ich, einen Blogeintrag über Dating und Autismus zu schreiben, da dieses Thema früher oder später jeden Menschen, gleich ob neurotypisch oder Autist, betrifft und auch ich mich aktuell damit konfrontiert sehe. Ich startete mehrere Versuche, schrieb, korrigierte, verwarf sie wieder, formulierte ein paar Tweets, wertete die Reaktionen aus und kam schnell zu dem Entschluss, besser keinen Text über die Partnersuche online zu stellen.
Ich weiß nicht, wie es passieren kann und ich vermag nicht zu erklären, was zwischen meinen Zeilen gelesen wird, doch es scheint, dass allein das Themengebiet eine gewisse Verzweiflung und Dringlichkeit des Verfassers impliziert, so dass dies hier sicher kein Text über das Dating wird.
Ganz bestimmt nicht.
Denn, liebe Leser, es tut mir leid, das so direkt sagen zu müssen, aber ich bin gar nicht verzweifelt. Ich betrachte meine Situation als Single mit einem gewissen Humor und mache mich selbst gern über meine Unfähigkeit, Leute kennen zu lernen und Kontakte aufrecht zu erhalten, lustig.
Zudem maße ich mir nicht an, zuverlässig hilfreiche Ratschläge geben zu können, ich bin in diesen Dingen schließlich so bewandert wie in Quantenphysik und Naturwissenschaft war bekanntlich nie meine Stärke.

Ich hätte gern darüber berichtet, wie mich die App Tinder innerhalb von drei Tagen in einen heftigen Overload trieb und dass Online-Dating eine etwas entspanntere Möglichkeit ist, Leute kennen zu lernen, wenn man selbst eher zum sozial ungeschickteren Typ Mensch zählt.
Vielleicht hätte ich empfohlen, mit dem eigenen Autismus offen umzugehen,  ohne ihn völlig in den Mittelpunkt zu stellen, da er doch maßgeblich zur Persönlichkeit gehört. Man filtert gleich Menschen aus, die damit nicht umgehen können oder wollen. Zudem meine ich, dass man mit diesem offenen Umgang gleich einigen Missverständnissen vorbeugen kann und vielleicht weniger Angst hat, etwas verkrampft und unnahbar zu wirken, wie es ja sonst oft der Fall ist.

Flirten und einander kennenlernen ist meines Erachtens der Endgegner der sozialen Interaktion, weil es ja zu großen Teilen nonverbal und intuitiv funktioniert, das Lesen und Verstehen von Subtext, Tonfall, Mimik und Gestik erfordert, sowie eine gewisse Selbstsicherheit im Umgang mit Menschen voraussetzt. Mit all dem tun sich Autisten doch sehr schwer, was dazu führt, dass viele von uns eher unfreiwillig allein sind.
Hat sich dann ein interessanter Kontakt ergeben, verzweifelt man an den tückischen Fallen der Kommunikation, grübelt tagelang darüber, wer sich wann meldet, wie lang man wartet, wie oft man sich sieht und ich kann einfach nicht verstehen, dass es zwar Regeln gibt, diese aber ständig im Wandel sind, so dass sie niemand wirklich kennt. Ich selbst scheitere üblicherweise schon daran, überhaupt zu erkennen, ob mein Gegenüber Interesse an mir hat und von welcher Natur es denn ist und ich wünschte sehr, man könnte, man dürfte sich das einander deutlicher signalisieren. Eine Möglichkeit wäre doch, kleine Schilder hochzuhalten oder Kreuzchen in einem Fragebogen zu setzen, wenn man schon nicht darüber sprechen mag. Denn selbst einen Flirt erkenne ich in der Regel erst dann, wenn er mich am Hinterkopf trifft.

Eventuell hätte ich ein wenig aus meiner Sammlung von Pleiten und Missgeschicken erzählt, von misslungenen Rendezvous, merkwürdigen Vorstellungen in Sachen Partnersuche und schief gegangenen Beziehungsversuchen. Oder davon, dass ich als Autist Berührungen verabscheue und emotionale Nähe meide, aber die körperliche und seelische Nähe und Präsenz eines Partners stark brauche und suche – die Ambivalenz dabei ist mir durchaus bewusst und ich weiß nicht, wie man diese korrekt erklären kann.
Und wann bitte beginnt dann die eigentliche Beziehung? Kann man nicht den Oxytocinspiegel beider Partner im Labor ermitteln lassen und bei ähnlicher Höhe einen Beziehungsbeginn beschließen? Spricht man sich diesbezüglich ab, obwohl man über solche Dinge ja nicht spricht? Gibt es Fristen? Und warum ist das eigentlich alles so unfassbar kompliziert?

Aber nein, ich werde es nicht machen. Ich werde nicht darüber bloggen, denn in Gedanken male ich mir bereits viele unangenehme Kommentare und Reaktionen aus und meine Erfahrung mit dem Internet lehrt mich, dass es sicher nicht bei der Phantasie beiben wird. Ich möchte keine mitleidigen Bemerkungen aufgrund falsch verstandener Tatsachen erhalten oder gut gemeinte Ratschläge, nach denen ich nie fragte.

Darum bleibt mir nur eins zu sagen:
Für den perfekten Mürbeteig grundsätzlich zimmerwarme Butter verarbeiten und den Teig dann mindestens eine Stunde, besser aber zwei, im Kühlschrank ruhen lassen. So gelingen wirklich leckere Plätzchen. Und glauben Sie mir, vom Backen verstehe ich einiges.
Danke.

8 Gedanken zu „Dies ist ganz sicher kein Text über das Dating.

  1. Nun, ich glaube, die unabweisbare Ambivalenz zwischen der gewissen Angst vor Nähe und der dennoch gegebenen Sehnsucht nach Kontakt und Ansprache: besser hätte frau das wohl nicht schreiben können. Als Aussenstehender sollte mensch dann wohl besser schweigen und sich aller Hinweise und Ratschläge enthalten.

    Rudi Karl Sander akias dieterbohrer aka @rudolfanders

  2. Liebe Robo,

    es gehört Mut dazu, so offen über seine Gedanken und Gefühle zu schreiben. Gerade wegen dieser Offenheit schätze ich deine Texte sehr. Wer deine humorvollen, mit einem Augenzwinkern geschriebenen Texte/Tweets etc. missversteht, dem fehlt häufig eben jener Humor, um sie adäquat zu interpretieren. Für Comedy braucht man keinen Humor, um lachen zu können. Für Satire hingegen ist der Humor unabdingbar. Ernste Themen mit einem Schuss Humor versetzt, bringen einen zum Schmunzeln und zum Nachdenken. Das ist eine wunderbare Kombination.

    Just my two cents (von jemanden, dessen einzige Kenntnisse über Mürbeteig darin beruhen, dass er selbigen als kleiner Bub genüsslich von Omas Knethaken abgeschleckt hat).

  3. Das hier ist kein Ratschlag. Höchstens ein Glaubensbekenntnis: Ich glaube, man kann all solche verwirrenden Erfahrungen auch machen, ohne Autist zu sein. (also: Ich. Und vermutlich die meisten anderen).
    Ich kann Hefeteig. Hat mich aber auch noch nie so richtig weiter gebracht.

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