Die Sache mit dem Feminismus.

Du kommst doch aus der DDR, höre ich immer wieder, Feminismus wurde Dir doch in die Wiege gelegt. Ich seufze dann nur. Eben aufgrund meiner Herkunft fiel es mir lange Zeit schwer, die Notwendigkeit des Feminismus im eigenen Leben zu erkennen. Ja, meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in der ehemaligen DDR. Meine Mutter war während dieser Zeit berufstätig. Natürlich. Und sie verdiente deutlich mehr als mein Vater. Ungewöhnlich war das nicht und die flächendeckend angebotene Kinderbetreuung machte eine Vollzeitstelle trotz Familie für alle Frauen möglich. Die wirtschaftliche Lage machte sie zudem für die allermeisten auch notwendig. Es war Teil der sozialistischen Ideologie, die Gleichberechtigung zu fördern und zu betonen. Wir hielten das für feministisch. Dass in dieser Struktur jedoch die Arbeitsleistung des Mannes der Maßstab war und die Frau keine Wahl bei der Gestaltung ihres Lebens hatte, sahen nur wenige. Auch die Hausarbeit war, genau wie die Versorgung der Kinder, weiterhin Frauensache.

Für die Nachkriegsjahre war die Entwicklung in der DDR also durchaus wichtig und gut, für den Feminismus aber nur ein kleiner Schritt. Mit der Betonung auf “klein”. Wir leben bald im Jahr 2016 und sind noch immer weit entfernt von einer Gesellschaft, in der die Geschlechter auf Augenhöhe agieren.

Ich bin Feministin. Feminismus ist die Überzeugung, dass jeder Mensch unabhängig von seinem biologischen oder gewählten Geschlecht die gleichen Rechte hat. Wer also gegen Feminismus ist oder ihn „kritisch sieht“, möchte de facto fünfzig Prozent der Menschheit ausgrenzen – es gibt viele passende Schimpfwörter, die mir dazu einfallen. Obwohl es natürlich weibliche Antifeministen wie Birgit Kelle gibt und sich in der Bevölkerung erwiesenermaßen Frauen finden, die sich in ein altes Rollenbild zurücksehen, ist es unbestritten, dass der größte Nachholbedarf in Sachen Gleichberechtigung auf Seiten der Männerwelt zu verorten ist. Das beweisen vor allem die Männer, die sich als Männerrechtsaktivisten bezeichnen.

Männerrechtsaktivismus ist ein Oxymoron. Privilegierte Gruppen brauchen keinen Aktivismus, vor allem nicht dann, wenn sie bereits seit Jahrtausenden in dieser privilegierten Situation sind und von jeher an der Spitze der Machtpyramide stehen – so etwas nennt man Lobbyismus. Feminismus schließt ja nicht aus, dass Männer vereinzelt gegenüber Frauen benachteiligt sein können. Aber Maskulisten schließen von Einzelfällen auf ein gesamtgesellschaftliches Problem in Sachen Männerrechte und verharmlosen gleichzeitig die gesamtgesellschaftlich existente Benachteiligung von Frauen zu Einzelschicksalen. Ganz davon zu schweigen, dass sie vereinzelte radikale Feministinnen zu einem repräsentativen Problem hochstilisieren. Männerrechtsaktivismus ist deshalb in die selbe Ecke zu stellen, in der sich bereits Impfgegner oder Chemtrailgläubige tummeln.

Nun ist nicht jeder, der etwas sexistisches sagt, per se ein Sexist. Kontext ist häufig wichtig. Und auch, wenn der Kontext den Sexismus nicht rechtfertigt, so hilft er bei der Einordnung und beim Umgang damit.
Dennoch ist es wichtig, als Mensch in dieser Gesellschaft, vor allem auch als Mann, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Alltags-Sexismus fängt im Kleinen an, zum Beispiel mit dem Reproduzieren von Geschlechter-Stereotypen in einem Tweet. Er geht weiter mit weiblichen Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die synonym für Schwäche verwendet werden. Und er endet nicht erst bei verbal oder körperlich übergriffigem Verhalten, sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Privaten.
Es ist erschreckend, wie häufig man von Frauen im Freundes- und Bekanntenkreis hört, dass ein Mann ein “Nein” nicht akzeptierte und überzeugt war, dass er unabhängig vom Einverständnis der Sexualpartnerin einen Anspruch auf seinen Orgasmus hatte. #RapeCulture zeigt sich nicht nur in besonders schweren Fällen wie bei James Deen, über den Darstellerinnen sagen, dass er Frauen zu brechen versucht und der der mehrfachen sexuellen Nötigung und Vergewaltigung bezichtigt wird. #RapeCulture ist der Glaube, dass man als Mann Anspruch auf den weiblichen Körper hat, ebenso wie die Deutungshoheit, was in Bezug auf einen weiblichen Körper erlaubt ist und was nicht.
Feminismus ist das Streben, dieses Ungleichgewicht zu verändern. Mir will nicht in den Kopf, weshalb man dagegen sein kann. Außer natürlich, man hat den Wunsch, als Mann dieses Ungleichgewicht zu seinen Gunsten aufrecht zu erhalten.

Womit wir vielleicht bei einer Erklärung für die Ablehnung von Feminismus durch viele Menschen sind: Der Mensch an sich hasst Veränderungen. Stattdessen mag er es, wenn sein Leben in geregelten Bahnen verläuft, mag Sicherheit und ein gewisses Maß an Gleichförmigkeit. Er will behutsam an seine Veränderungen herangeführt werden, sonst bekommt er Angst um seine kleine, heile Welt und lehnt panisch jede Form der Weiterentwicklung ab. Das betrifft jede Art gesellschaftlicher Entwicklung. Und es betrifft den Kampf um Gleichberechtigung.

An dieser Stelle wird die menschliche Neigung, Dinge unverändert lassen zu wollen, übrigens besonders perfide: Egal, ob es um die Diskriminierung von Menschen mit anderer Hautfarbe, Behinderten oder Frauen geht, man bekommt das Gefühl, man nähme Männern ihr Lieblingsspielzeug weg, wenn sie dazu aufgefordert werden, ihre eigenen Privilegien zu reflektieren und ihr Bewusstsein für Sexismus zu schärfen. Das ist traurig, aber Realität.

Kein Wunder also, dass Maskulisten und andere Besitzstandswahrer sich gern auf die lauten, unangenehmen Stimmen beziehen, wenn sie ihre Ablehnung des Feminismus erklären. Denn das ist ein besonders beliebtes Argument besorgter Bürger: Das große Ganze aufgrund einer radikalen Minderheit zu diffamieren. Wir sehen es in der Flüchtlingskrise, und wir beobachten es seit Jahrzehnten in Sachen Feminismus. Wenn Pauschalisierung aufgrund Einzelner Dein bestes Argument ist, hast du keine Argumente.

Ja, es gibt sehr laute Stimmen im Feminismus. Und es gibt Männerhasserinnen. Aber Antifeministen vergessen dabei gern, dass diese Stimmen nötig sind. Es ist ja erst der Jahrtausende alte, vornehmlich von Männern in Stand gehaltene strukturelle Sexismus, der diese lauten, revolutionären, von vielen als radikal empfundenen Stimmen nötig gemacht hat. Der sogenannte “radikale” Feminismus hat seine Berechtigung, weil er vorprescht, Antrieb ist, neue Diskurse anstößt, radikal hinterfragt und Standpunkte in den Mainstream bringt, die nötig sind, um eine Gesellschaft zu verändern. Dabei geht es nicht darum, ob ausnahmslos jeder Impuls richtig ist. Aber radikale Strömungen machen die “gemäßigten” erst möglich. Und man bekommt selbst im Jahr 2015 noch den Eindruck, mit der Forderung nach absoluter Gleichberechtigung zu den radikalen Feministinnen zu gehören. Das ist absurd.

Ich respektiere und erkenne die Leistung der lauten Stimmen im Feminismus an, und bin dankbar für ihr Engagement. Mein persönlicher Feminismus ist trotzdem einer, der von außen vielleicht als “leise” wahrgenommen wird. Ich bin Autistin. Es widerstrebt mir, laut zu sein, aufzufallen. Ich bin nicht imstande, zu leisten, was andere Feministinnen leisten. Das ist eine Grenze, die ich respektieren muss.

Gleichzeitig schreckt mich aber auch der Männerhass und die Streitlustigkeit einiger weniger Feministinnen ab. „Ich verstehe euren Feminismus nicht“, twitterte ich unlängst. „Mein Feminismus ist ein harmonisches Miteinander auf Augenhöhe, ohne Kampf und Geschlechtergrenzen.“
Vielleicht liegt es ebenfalls an meinem Autismus, dass ich Probleme damit habe, Menschen auf Basis ihres Geschlechts wahrzunehmen. Vielleicht ist es aber auch einfach Teil meiner Persönlichkeit, wenig auf das biologische und soziale Geschlecht zu achten. Dass das möglicherweise naiv ist, dessen bin ich mir bewusst.
Der Comedian Louis CK hat es sehr treffend auf den Punkt gebracht:

“The courage it takes for a woman to say yes [to a date with a man] is beyond anything I can imagine. A woman saying yes to a date with a man is literally insane, and ill-advised. How do women still go out with guys, when you consider the fact that there is no greater threat to women than men? We’re the number one threat! To women! Globally and historically, we’re the number one cause of injury and mayhem to women. We’re the worst thing that ever happens to them!”
(Quelle)

Man lacht, aber da steckt viel Wahrheit drin: Den Centers for Diease Control (CDC) zufolge erlebt eine von fünf US-Frauen eine Vergewaltigung. Mehr als 42 Prozent weiblicher Opfer wurden vor ihrem 18. Lebensjahr vergewaltigt, 30 Prozent zwischen 11 und 17. Und trotzdem bleiben wir Vergewaltigungsopfern gegenüber skeptisch und schieben ihnen die Schuld in die Schuhe. Es ist bezeichnend, dass die so geächtete Porno-Industrie schneller und umfassender auf Vergewaltigungsvorwürfe reagiert als die Gesamtgesellschaft. Nach dem nun ein halbes Dutzend Frauen Stoyas Geschichte untermauert hat, brechen langjährige Partner die Geschäftsbeziehungen zu James Deen umgehend ab. Die ohnehin schon umfangreiche No-List der Darstellerinnen dürfte exponentiell wachsen. (Quelle)

Trotzdem kann und möchte ich Männer als Geschlecht nicht pauschal ablehnen, aller tief verwurzelten und berechtigten Scheu zum Trotz. Diese Einstellung führte unlängst dazu, dass ich mir vorwerfen lassen musste, eine halbherzige, „gemäßigte“ Feministin zu sein. Zugegeben, das irritierte mich massiv und fühlte sich an, als sage man „Ich bin für Frauenfragen, aber nur innerhalb der üblichen Geschäftszeiten“ oder „Feminismus ja, aber nur, wenn es mir in den Kram passt“ und beides kann ich für mich ausschließen. Ja, ich bin nicht so laut wie andere, aber das ist okay. Für mich ist es völlig in Ordnung, dass die von mir gelebte Form des Feminismus eine leisere ist, eine ruhigere. Wichtig ist einzig das Ziel. Viele Fragen kläre ich nur in meinem Umfeld, viele Rechte erkämpfe ich nur für mich, also im Kleinen. Das mag klingen, als sei es im Großen nicht dienlich. Doch viele kleine Veränderungen führen früher oder später ebenfalls zu großen Umbrüchen. Ich gebe Denkanstöße und Impulse auf eine behutsame Art, erkläre für Frauen relevante Themen ruhig und verzichte oft auf Konfrontationen, auf Streitgespräche.

Wenn aber Männer aufgrund der lauten Stimmen einen zugänglicheren Feminismus auf Augenhöhe fordern, liegen sie damit falsch. Feminismus ist per Definition zugänglich: Was könnte zugänglicher sein als der Wunsch nach Gleichberechtigung für jeden Menschen? Wer sich in seiner Ablehnung dieses Veränderungsgedanken auf die wenigen Männerhassenden bezieht, verrät sehr viel über die wahren Gründe für seinen Antifeminismus.

Es gibt sie, die anders denkenden Männer. Männer, die ihre eigene Position hinterfragen und bestrebt sind, in ihrem Alltag Gleichberechtigung zu leben. Es gibt Männer, die sich aktiv für Feminismus engagieren und ihre Stimme als Plattform nutzen. Das befürworte ich sehr.
Ich las bereits mehrmals, dass manche Feministinnen Männer pauschal als Allies ablehnten, da sie das Mannsein nicht mit dem Dasein als Verbündeter vereinen können. Der Feind könne schließlich kein Mitstreiter sein. 
Das ist insofern richtig, als dass wir Frauen keine Männer in unserem Leben brauchen, die Feminismus ablehnen, Gleichberechtigung in Frage stellen und die Deutungshoheit darüber beanspruchen, wie ein ihnen gefälliger Feminismus auszusehen hat. Sowohl Männer als auch Frauen, die in alten Rollenbildern verhaftet bleiben und die Situation der Frau verharmlosen, können niemals Allies sein. Das sehe ich auch so.

Feminismus funktioniert aber nicht ohne Männer. Zum einen, weil diese ihn erst nötig machten, zum anderen, weil diese Welt niemals ohne Männer existieren wird. Und in dieser Welt zählt das Wort eines Mannes leider noch immer mehr als das einer Frau – eine Tatsache, die so traurig, wie unleugbar ist.
Allein schon, dass wir Männer als Allies brauchen werden, zeigt, dass der Feminismus auch im Jahr 2016 noch nötiger denn je ist.

 

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