Die Chronik des Scheiterns – Erste Schritte.

Als eine von nur drei Schülern mit einer festen Lehrstelle verließ ich den mit Abstand kinderreichsten Jahrgang einer Massenabfertigungsanstalt. Verzeihung, nein, einer Schule. Bis zum Ende habe ich es, wenn auch unfreiwillig, geschafft, sozialen Kontakten und Freundschaften aus dem Weg zu gehen und es verwundert nicht, dass ich als Einzige auf dem Abschlussfoto fehle. Man wird mich rasch vergessen.

Nur wenige Wochen später betrat ich zum ersten Mal das Wohnheimzimmer, das fortan mein Zuhause sein sollte und man sagte mir, ich solle glücklich sein, im einzigen Dreierzimmer wohnen zu dürfen. Alle anderen Mädchen teilten sich ihr Zimmer zu viert.
Glücklich. Ich konnte meine Freude kaum in Worte fassen ob der Vorstellung, fortan keine Sekunde mehr allein sein zu können, ja selbst die Waschräume des alten kirchlichen Wohnheims waren mit großen Gemeinschaftsduschen ausgestattet.
Jesus is watching you and your daily personal hygiene.
Man überreichte uns exakt knielange Kleidchen, die mit ihrem verblassten blau-weißen Streifenmuster stark an KZ-Häftlingskleidung erinnerten, ein quadratisches Häubchen, welches über dem streng geflochtenen Zopf festzustecken war und unser Namensschild, das uns als Schwesternschülerinnen auswies. Zur Sauberkeitskontrolle der Fingernägel streckten wir artig die Hände aus. Alle machten ein stolzes Gesicht, denn jetzt begann unsere Zukunft.

Mit bleischweren Füßen schleppte ich mich nun beinahe täglich von Zimmer zu Zimmer, schob den rasselnden Metallwagen voller Tabletts über den Gang, die schwer steuerbaren Räder quietschten auf dem Linoleumboden. Linoleum, grau und leicht zu reinigen, wie alles hier. Mit einem Lächeln verteilte ich die geschmacksarme Krankenhauskost, richtete Patienten auf, schob Löffel voll Brei zwischen altersschwache Lippen. Ich wusch kranke Menschen, wechselte schmutzige Kleidung, sorgte und pflegte. Immer zu langsam, immer nach Perfektion strebend. Hunderte Lebensgeschichten erzählte man mir, gewichtige Sorgen, ich wollte sie nehmen und für die tragen, die es nicht mehr selbst konnten. Stets bemüht, bis zur völligen Erschöpfung und weit darüber hinaus.
Im Unterricht lernte ich gewohnt fleißig, doch bei der wichtigsten Lektion versagte ich: Die Abgrenzung vom Patienten, die Abschottung vom Leid, den Aufbau innerer Mauern und so kostete mich jeder Kontakt, jedes Gespräch, jede Aufgabe viel von der Kraft, von der ich scheinbar sehr viel weniger besaß als meine Mitschüler.

Die Tage waren streng strukturiert, auf lange Stationsvormittage folgten Nachmittage in den engen Klassenräumen, summierten sich, bildeten ungezählte Ewigkeiten. Abend für Abend tapste ich müde und mit wunden Sinnen durch die dunklen Gänge des Schwesternwohnheims, durch fröhliches Geplapper, Gemeinschaftsabende und Singstunden, vergeblich nach Ruhe suchend und fühlte mich wie gefangen in einem grotesken Hanni-und-Nanni-Alptraum, aus dem es scheinbar kein Entkommen gab.
Im Nachtleben der großen Stadt fand ich die Gelegenheit zur Flucht, die ich bald derart intensiv ausnutzte, dass ich mich beim morgendlichen Betten machen kaum wach halten konnte, zunehmend unachtsam wurde, schusselig und so immer öfter den Zorn der Stationsschwester auf mich zog.
Doch das war mir gleich, denn es lockte etwas, was mir bisher völlig unbekannt war: Zerstreuung. Ich entdeckte, dass mein Körper Ziel fremden Begehrens zu sein schien, was mich ein wenig überraschte, erhielt ich doch vorher wenig anerkennende Worte für mein Äußeres. Aber abwegig war es nicht, mein siebzehnter Geburtstag lag noch nicht lang zurück und wie unattraktiv kann so ein siebzehnjähriger Körper schon sein? Wenn ich mich betrank, viel war dazu nicht nötig, schien es auch gar nicht mehr so schwer, dieses merkwürdige Spiel zu meistern, das dem vorangeht, was man eigentlich will. Schnellen, möglichst anonymen Sex, ohne Verpflichtungen, ohne weitere Interessen. Ein kurzes ineinander Verlieren, lernte ich, hat mehr Wert als die Romanzen, von denen in Büchern erzählt wird und es war selbstverständlich, noch in der gleichen Nacht wieder zu gehen, ihn im Unklaren darüber zu lassen, ob ich Maria heiße, oder Maja, naja, irgend etwas mit M eben, ist doch nicht weiter wichtig, denn die Tore des Krankenhauskomplexes waren nachts verschlossen und ich zeigte mich wenig talentiert beim Versuch, über die Mauern zu klettern. Meine nächtlichen Eskapaden sprachen sich bald herum und ich zog den Abscheu meiner größtenteils streng religiösen Mitschülerinnen auf mich, was mich jedoch nicht weiter kümmerte. Wir blieben uns immer fremd, lebten in verschiedenen Universen, ich wurde nie Teil ihrer mit Lachen gefüllten Mädchenwelt.

Diese sich immer wiederholenden Abläufe füllten meine Tage, mein Leben, mein Sein und es war, als drehte ich mich im Kreis, immer und immer schneller, die Geschwindigkeit presste mir beinahe die Luft aus den Lungen. Ich schien im Taumel zu ersticken und so kam es einer Erlösung gleich, als man mir ob meines unpassenden Verhaltens nahelegte, die Ausbildungsstelle zu wechseln.
Ein Schwesternhaus in Baden-Württemberg hätte noch einige freie Plätze, man übernähme mich gern und dort sei ich sicher besser aufgehoben. Schnell sein müsse ich jedoch und die einzige Möglichkeit ergreifen, die man mir unangenehmen Problemfall noch bieten kann.
Ich packte meine Sachen.

 

 

4 Gedanken zu „Die Chronik des Scheiterns – Erste Schritte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

dreizehn + 4 =