Die Chronik des Scheiterns – Ein Wiedersehen.

Der Kellner bewegt seinen Mund und schaut mich erwartungsvoll an. Vergebens ringe ich um Konzentration. In diesem winzigen, überfüllten Raum ist es so laut, ich kann beim besten Willen kein Wort verstehen.
Die Wahl des Restaurants habe ich ihr überlassen. Es ist zwar auch meine Heimatstadt, die ich gerade besuche, doch zu Hause bin ich hier schon lange nicht mehr.  Ich zeige stirnrunzelnd auf ein Gericht in der Karte. “Und ich nehme die Gnocchi”, sagt Katja und es klingt wie “Knotschi”, lustig irgendwie und schrecklich falsch; ich muss mich zwingen, sie nicht zu korrigieren.

Niemand mag die Besserwisserin, das hat man mir schon unzählige Male vorgebetet.
Der Mann verschwindet.
„Wir hätten Dir ja Bescheid gesagt, dass wir ein Klassentreffen planen.“, schreit sie gegen die Lärmwand und das unangenehme Schweigen zwischen uns an, „Aber niemand wusste, wo Du bist und wie man Dich finden kann.“
Sie hat sich kaum verändert in den zehn Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben und doch ist sie ganz anders. Ihr Leben dreht sich schon lange um Mann, Kind, Haus, den Halbtagsjob und das alles meistert sie mit einer pflegeleichten Kurzhaarfrisur inklusive asymmetrischen Pony und in Kleidung, die auf Funktionalität ausgelegt ist. Ein solides Durchschnittsleben also, das auf mich  jedoch mehr als befremdlich wirkt. Alles, was ich im Griff habe, ist das Glas Wasser in meiner Hand und selbst da scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ich es versehentlich umstoße.
„Meine Eltern wohnen seit 25 Jahren im gleichen Haus.“, werfe ich ein, worauf sie verlegen zur Seite sieht und meint, dass niemand von ihnen daran gedacht hat, als man plante und Einladungen versandte.
„Aber…“, setze ich an.
Sie verdreht die Augen. „Echt mal. Niemand konnte Dich leiden, Du warst immer anders. Warum solltest Du dann zu einem Klassentreffen kommen?“ Lächelnd kommt der Kellner zurück, stellt schwungvoll den Teller ab. „Einmal die Knotschi. Und was wollten Sie nochmal?“

6 Gedanken zu „Die Chronik des Scheiterns – Ein Wiedersehen.

  1. „Echt mal. Niemand konnte Dich leiden, Du warst immer anders. Warum solltest Du dann zu einem Klassentreffen kommen?“
    statt:
    „Du warst immer anders. Warum? Warum nur warst du so anders?“

    Wer ist hier eigentlich „gescheitert“?

  2. Ein Durchschnittsmensch mit Durchschinttsinteressen.

    Das Scheitern liegt nicht bei Dir, sondern bei den verständnislosen und uninteressierten Menschen, die nie gelernt haben über den „Tellerrand“ (RW) zu schauen.

    Schon komisch, dass sie sich mit Dir getroffen und dann auch noch mit der Wahrheit herausgerückt hat.

      1. In der negativen Betrachtung kann es reine Neugier gewesen sein. Das ist Voyeurismus und schlecht.

        In der positiven Betrachtung bestand vielleicht tatsächlich Interesse und sie war nur leider nicht in der Lage, dies Dir gegenüber richtig zu formulieren!

        Der „Durchschnitt“ kann auch Maskerade sein. 💡

        Und wenn ich jetzt noch Deine Verarbeitungszeit dazu rechne, dann sehe ich lauter Miss(T)verständnisse, die sich aufbauen.

        Es kommt halt auf den Blickwinkel an.

  3. Das regt mich auf. Diese Sch**ßkuh! Pseudo-elitäres-innercircle-Denken: „WIR: die Klasse“: Wer das „Wir“ ist, entscheidet der erlauchte Kreis, aus einem Recht heraus, das keines ist, weil man es sich selbst gegeben hat!
    Individualisten und sonstige „Randfiguren“ fallen aus dem großen Kreis, zählen wohl nicht, so ganz ohne offenkundige Schnittstellen.
    Sollte nicht „Klassen-“ sondern „Massen-Treffen“ heißen.
    Gleichzeitig Entmündigung: Warum darfst Du nicht selbst entscheiden, ob Du da hingehst?
    Interessanter Gedanke: Vielleicht wacht die ja eines Tages mal auf und stellt fest, dass SIE mal irgendwo außen vor ist, bei dem sie eigentlich dachte, Teil des „Wir“ zu sein…

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