Die Chronik des Scheiterns – Ein Gespräch.

“Ich war schon als Kind seltsam.”
Die Ärztin nickte und ich malte mir aus, wie viele ihrer Patienten diesen Satz wohl schon gesagt haben. Jeder vierte? Jeder zweite?
“Es war offensichtlich, doch niemand wusste, woran es lag.”
Ich konnte meine Augen nicht von ihrer Bluse lösen. Schokoladenbraun war sie und übersät mit roten Punkten, deren Durchmesser ich auf etwa drei Zentimeter schätzte. Wahrscheinlich vermittelte ich den Eindruck, auf ihre Brüste zu starren. Ein beschämender Gedanke, doch das Muster fesselte mich. Vierundzwanzig Punkte zählte ich, während sich meine Gedanken sammelten.
“Hatten Sie Freunde?”
Mein Blick wanderte zum Boden. Sie traf mit dieser Frage einen empfindlichen Punkt und ich wollte keinesfalls emotional werden. Nicht hier, in diesem stickigen, kleinen Zimmer, das unfertig wirkte, nicht wie ein Büro, in dem man sich gern aufhielt und dessen winziges Fenster nur ein Stück der gegenüberliegenden Gebäudemauer zeigte. Rote Ziegel und weitere winzige Fenster, hinter denen sich vermutlich andere stickige, kleine Zimmer verbargen mit anderen seltsamen Menschen darin. Angespannt gruben sich meine Finger in die Tasche, die ich wie schützend auf meinem Schoß platziert hatte.

In der zweiten Klasse war ich mit Sophie befreundet, Sophie mit dem langen, blonden Zopf und dem ungewöhnlich ernsten Blick. Wir verbrachten alle Pausen zusammen, sprachen und lachten, schrieben uns kleine Briefe. Ich war selig, Sophie war meine Bezugsperson, mein Ansprechpartner, mein Halt.
Wir saßen dicht nebeneinander auf dem Mäuerchen bei der Aschebahn; gerade hatte es zur großen Pause geläutet. Unsere Füße baumelten, lange Grashalme kitzelten meine Kniekehle. Alles war wie immer, das machte mich sehr zufrieden.
“Wir sollten uns auch mit anderen Kindern treffen.”, sagte Sophie.
Meine Beine erstarrten in der Bewegung, ich klammerte mich wie haltsuchend an unseren steinernen Pausenplatz. Was meinte sie damit? Ja, es gab viele andere Schüler um uns herum, bunte, laute Schatten, konturenlos und flüchtig. Sie interessierten uns doch nicht, was wollten wir mit ihnen?
Sophie deutete auf eines der Schattenwesen: “Ich bin auch ihre Freundin.”
Ich war fassungslos, wie konnte das sein? Das war Verrat! Heiße Tränen stiegen mir in die Augen. Ich wollte keine andere Freundin, keine von denen ist wie Sophie und ich war nicht in der Lage, mir vorzustellen, was ich mit diesen lauten Gören anfangen sollte. Aßen sie etwa gemeinsam mit mir ihre Pausenbrote? Schrieben sie mir Nachrichten? Konnte ich ihnen meine Sorgen erzählen? Das war alles ganz falsch! Traurigkeit stieg in mir auf. Ich fühlte mich hilflos und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Weder aus meinen Kinderbüchern, die mir sonst immer ein guter Ratgeber waren, noch aus bisher erlebten Situationen vermochte ich eine angebrachte Reaktion abzuleiten. So rutschte ich ohne ein Wort zu sagen von der Mauer, stakste auf wackeligen Beinen zurück zum Schulgebäude und setzte mich auf meinen Platz. Ich konnte es einfach nicht verstehen.
Die weiteren Pausen verbrachte ich allein.

“Nein, ich hatte keine Freunde.”
Sie notierte sich etwas.

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