Briefe an einen zehnjährigen Autisten.

Briefe an einen zehnjährigen Autisten.

Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt.
Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht.

Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein.

Erzählt ihm, wie ihr als Zehnjährige® wart, was gut war und was doof, und wie es weiterging. Erzählt, was euch immer einfällt und ihr ihm gerne sagen wollt. Veröffentlicht die Texte auf eurem Blog und schickt uns den Link zu. Falls ihr kein eigenes Blog habt, schickt uns euren Text  und wir veröffentlichen ihn. Schickt uns auch Bilder, Comics, Videos …

Macht einen Unterschied.

 



Lieber unbekannter Junge,

es muss sich toll anfühlen, dass so viele Menschen da draussen an Dich denken und Dir schreiben. Und auch ich möchte Dir einen Brief schreiben.

Ich glaube, Du hast es nicht leicht. Das glaube ich, weil ich es damals auch nicht leicht hatte. Als ich zehn war, das ist zwei Mal so lang her wie Du alt bist, habe ich zwar noch nicht gewusst, dass ich Autist bin. Aber ich wusste, dass irgend etwas mit mir nicht stimmt. Dass ich nicht zu den anderen passe. Ich habe mich falsch gefühlt. Wie ein Alien. Und ich habe mein Leben gehasst.
Als Kind weinte ich sehr viel und wünschte mir, ich würde einfach von dieser Welt verschwinden. Doch es ist gut so, dass das nicht passiert ist und dass ich erwachsen geworden bin. Denn ich habe nun ein sehr schönes Leben. Ich habe einen Beruf, den ich sehr mag und tolle Freunde, die meine „autistischen Superkräfte“ gut finden. Wir Autisten können nämlich manches viel besser als normale Menschen. Ich zum Beispiel weiß sehr viel über Literatur und über Filme. Und ich kann gut Texte und Bücher schreiben.

Vielleicht bist Du ja wie ich. Ich konnte die schwierigen und komplizierten Sachen immer total gut. Aber warum meine Freundin Maria plötzlich nicht mehr mit mir spielen wollte, habe ich nie verstanden. 
Für mich fühlte es sich oft so an, als seien die anderen Kinder irgendwie dumm. Sie interessierten sich für langweilige, banale Sachen, spielten langweilige, dumme Spiele. Und trotzdem wollte ich so sein wie sie und mit ihnen spielen. Das ist normal, solche Wünsche gehören zum Menschsein dazu. Wir Menschen sind dazu gemacht, in Gruppen zu leben.

Und da haben wir es: Du bist nämlich gar nicht falsch. Du bist einfach nur ein Mensch. Ein Mensch mit einer Besonderheit. 
Magst Du Computer? Ich versuche Dir das mal anhand eines Computerbeispiels zu erklären:
Stell Dir vor, die meisten Menschen haben auf ihrem Festplatten-Gehirn das Windows Betriebssystem laufen. Es funktioniert so lala, hat ein paar Bugs, stürzt öfter mal ab und macht unberechenbare Sachen. Sie glauben, das sei normal, weil das ja fast alle haben.
Und dann gibt es da noch andere Menschen. Die haben, sagen wir mal Linux auf ihrer Festplatte. Das sind dann die Autisten. Linux ist komplizierter. Dafür muss man mehr wissen, um es zu beherrschen. Aber damit kann man auch viel mehr machen, kann tolle Sachen programmieren und kreativ sein. Man hat diese Grenzen beim Denken nicht.
Weißt Du, Menschen haben Angst vor dem, was sie nicht verstehen. So wie die Höhlenmenschen am Anfang Angst vor Feuer hatten. Oder die Leute im Mittelalter Angst vor denen, die viel wissen. Sie dachten, das seien Hexen und Magier, dabei waren das oft nur kluge Menschen.
Und da Autisten mit ihrem anderen Betriebssystem im Gehirn eben für die meisten Menschen fremd sind, haben sie Angst vor uns. Und manchmal werden sie deswegen verletzend und gemein. Da muss man nachsichtig sein, sie wissen es eben nicht besser.

Ich würde Dir gern sagen, dass alles nicht so schlimm ist. Aber in den kommenden Jahren wird es erst noch einmal kompliziert. Du kommst in die Pubertät und wirst erwachsen. Das ist für Normale und für Autisten gleichermaßen total schwierig. Aber danach wird es besser. Das verspreche ich Dir. Du wirst Freunde haben. Manche davon sind vielleicht auch Autisten, andere nicht. Du wirst einen tollen Beruf finden, der Dir Spaß macht. Vielleicht willst Du ja mal heiraten und Kinder haben. Was auch immer Du willst, Du kannst es machen.

Denn es gibt eine sehr gute Nachricht: 
Die Welt hat sich verändert und sie verändert sich weiterhin. Immer mehr Menschen interessieren sich für uns Autisten und für die Talente und Superkräfte, die wir haben. Sie finden uns spannend und wollen wissen, wie wir das alles machen und schaffen. 
Du bist nicht falsch. Du bist nicht defekt. Und Du bist nicht peinlich. Du bist Du und die Welt da draußen wartet nur auf Dich.

Ich würde mich freuen, wenn Du uns allen irgendwann auch einen kleinen Brief schreibst.

Viele liebe Grüße

Outerspace_Girl

4 Gedanken zu „Briefe an einen zehnjährigen Autisten.

  1. Hi Outerspace Girl!

    Zunächst einmal finde ich, dass du einen sehr interessanten Blog schreibst und habe dich in meinen Feedreader aufgenommen. Wenn Dir meine Kommentare nicht zu blöd sind, möchte ich gerne ein paar Beiträge kommentieren. 🙂

    Zum Thema dieses Beitrages:

    Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt.

    Bei dem Satz frage ich mich eigentlich eher, was zum Henker in der Gesellschaft kaputt ist! Autisten haben Schwächen, ja! Aberwelcher normale Mensch hat diese nicht? Eine Gesellschaft braucht die Vielfalt. Und ganz ehrlich: die meisten Autisten haben schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation und sind dafür auf anderen Gebieten hoch Intelligent! Schade, dass die Gesellschaft mit Autisten umgeht, als ob sie ein Problem sind. Die Gesellschaft hat ein Problem, nicht die Autisten. Das ist inzwischen meine feste Überzeugung. Grundsätzlich finde ich, dass einem Autismus nicht peinlich sein darf! Vielmehr sind es Fähigkeiten in anderen Bereichen, die andere Menschen sich nicht mal vorstellen (können).

    Irgendwie sprichst du mir mit deinem Brief an den zehnjährigen Jungen aus der Seele!

    Als ich zehn war, das ist zwei Mal so lang her wie Du alt bist, habe ich zwar noch nicht gewusst, dass ich Autist bin. Aber ich wusste, dass irgend etwas mit mir nicht stimmt. Dass ich nicht zu den anderen passe. Ich habe mich falsch gefühlt. Wie ein Alien. Und ich habe mein Leben gehasst.

    So ging es mir mein ganzes Leben in Deutschland. Insbesondere meine ganze Kindheit und Jugend hatte ich genau dieses Gefühl. Anders zu sein. Nicht zu anderen zu passen.

    Nach meinem Studium musste ich auf Dienstreise nach Taiwan für sechs Wochen. Seitdem lässt mich dieses Land nicht mehr los. Neun Monate später, als ich meine Arbeit in Deutschland verloren hatte, ergriff ich die Möglichkeit und nahm eine Stelle in Taiwan an und habe dort ein Jahr gelebt. In einer chinesischsprachigen Kultur. Als blonder Ausländer. An einem Ort, wo du wirklich ein Alien bist. Und hier hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben Heimatgefühle. Obwohl ich nicht einmal dort aufgewachsen bin.

    Im Oktober 2013 hat mich eine taiwanische Freundin in Berlin besucht und hat dabei eine andere Freundin getroffen. Als die beiden sich auf Chinesisch unterhalten haben, ist mir diese Heimatverbundenheit das erste mal so richtig bewusst geworden.

    Vielleicht fühle ich mich im Ausland deshalb so wohl, weil die Menschen dort davon ausgehen, dass ich sie und ihre Kultur erst einmal nicht verstehe? Vielleicht treten dadurch meine persönlichen Fehler, die ich zweifelsohne habe, nicht so zu Tage? Menschen, die mir in Deutschland mal Nahe standen, haben mir zeitweise vorgeworfen autistische Züge zu haben. Getestet habe ich mich nie. Damit tiefer beschäftigt auch nicht. Aber irgendwie bewegt mich gerade einfach der schöne und tolle Brief den du da geschrieben hast!!

    Danke, dass du ihn mit mir geteilt hast!!

    Viele Grüße

    P.S: Falls das irgendwie in diesem Beitrag relevant ist: bin heute 33 Jahre alt.

  2. Hi

    Sehr schöner Brief an den Jungen. Ich finde es sehr spannend. Ich hab zwar bis jetzt nur nen verdacht auf AS. Jedoch ging es mir wie euch allen gleich im alter von 10 Jahren.
    Eigentlich schon früher, ab dem Kindergarten und der Schule.

    Ich selber hab mich oft gefragt, was mit mir „Kaputt“ ist. Doch damals gab es AS nicht oder besser, man kannte es nicht, noch nicht.

    Ich finde die ganze Aktion sehr sehr gut, zu zeigen, er ist nicht allein und wir alle haben damit zu kämpfen gehabt, und haben es noch. Nicht weil wir kaputt sind, weil unser gehirn anders funktioniert, einfache und banale Sachen oft für uns seit klein auf unnötig erscheinen.

    Und letztlich denke ich, es ist auch etwas für alle AS, nicht nur für den Kleinen.
    Wir alle haben durch Erfahrungen lernen müssen und tuen es auch immer noch. Nur so überleben wir innerhalb der Sozialen Masse. Und dieses Wissen zu Teilen finde ich selber wichtig.

    Gruss Chris

  3. Liebe Kommentarschreiber,

    ich schließe mich euren Aussagen gerne an.

    Ich kenne auch andere Kulturkreise in denen mein Auftreten und Verhalten viel positiver angekommen ist als in meinem unmittelbaren Umfeld (genauer gesagt das Schwabenländle).

    Ich hätte mich als Zehnjähriger sehr über solch einen Brief von Tante Robo gefreut!

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