Autist*innen auf dem Arbeitsmarkt – Teil 1

Wer mich auf Twitter oder Facebook liest, weiß es schon. Die letzten Wochen brachten viel: Viel Veränderung, viel Stress, viel Neues und viel Gutes. Doch was genau ist eigentlich passiert?

Vor einigen Monaten beschloss ich, meinen Lebensmittelpunkt nach Wien zu verlegen, wusste aber noch nicht recht, wie ich es angehen soll. Da ich dort nicht mehr nur für meinen eigenen Haushalt verantwortlich sein, sondern ihn mit meinem Partner teilen würde, kam die Freiberuflichkeit für mich nicht weiter in Frage. In solch einer Situation verlangt es nach Sicherheit und Zuverlässigkeit; meinen Partner in eine potenziell schwierige Lebenslage zu ziehen, die ich selbst verursache, ist ein schlimmer Gedanke für mich. Mein Sicherheitsbedürfnis und mein Wagemut verhalten sich einfach umgekehrt proportional zueinander. Doch sollten wir weiterhin eine Fernbeziehung leben? Es führte also nichts an einer Festanstellung vorbei. 

Doch mit dieser Erkenntnis eröffneten sich andere Schwierigkeiten.

In meinen früheren Arbeitsverhältnissen war mir der Autismus entweder noch nicht bekannt, oder ich verschwieg ihn ängstlich. Zur Autismusdiagnostik entschloss ich mich erst mit 27 – zu der Zeit war ich bereits seit 10 Jahren auf dem ersten Arbeitsmarkt. 
Mir ist sowohl aus eigener Erfahrung, wie auch aus der anderer Autist*innen, bekannt, welche Hürden und wie wenige Chancen das Thema Autismus auf dem Arbeitsmarkt birgt. Inklusion ist oft nicht mehr als eine hohle Phrase und der Arbeitsmarkt zeigt sich wenig offen für Menschen mit Behinderung. Selbst Unternehmen, die sich Inklusion für Autist*innen auf die Fahnen schreiben, bieten nur sehr begrenzte Möglichkeiten, die nur für eine geringe Anzahl Autist*innen passt und behandeln diese Mitarbeiter dann erschreckend defizitär.
Spätestens nach der Veröffentlichung von „Verstörungstheorien“ ist es mir ohnehin nicht mehr möglich, meinen Autismus zu verheimlichen, abgesehen von der inneren Überzeugung, dies auch gar nicht erst zu wollen. Mit so einer Überzeugung kann man zwar seine Miete nicht begleichen, sie ist aber trotzdem nicht zu unterschätzen.

Wie also bewerbe ich mich, ohne in dieses von mir verhasste defizitäre Denken zu verfallen? Wie gestalte ich meine Unterlagen, ohne dass diese Ehrlichkeit, die Autist*innen zu oft zum Verhängnis wird, auch mir Nachteile entstehen lässt? Indem ich versuche, das, was mir als Schwäche ausgelegt wird, zu meiner Stärke zu machen: Den Autismus.

All die typisch autistischen Eigenschaften, die man in der Fülle der von außen zugeschriebenen Unzulänglichkeiten kaum wahrnimmt, ergeben zusammen wertvolle Alleinstellungsmerkmale. Tatsächlich sind Autist*innen keine Belastung, nein. Sie sind eine Bereicherung für den Arbeitgeber.
Die hohe Arbeitsbereitschaft und die starke Loyalität sind dabei ebenso zu erwähnen wie die Stringenz, die Autist*innen bei Arbeitsabläufen und Problemlösungen an den Tag legen. Auch, wenn es viele von uns nicht mehr hören können, weil wir so oft darauf reduziert werden, so sind doch die Detailwahrnehmung, das analytische Denken und die Mustererkennung Stärken, die hervorzuheben sind. Der Einsatz dieser Talente ist dabei sicher nicht auf IT-affine Berufe zu beschränken, auch ein Unternehmensberater wüsste es zu schätzen. Und mit ihm viele andere Berufsgruppen.

Spezialinteressen und die Fähigkeit, sehr große Mengen Wissen in kurzer Zeit zu erfassen, wenn man denn die eigenen Lernmethoden anwenden kann, sind ebenfalls Fähigkeiten, die Autist*innen zu sehr wertvollen Mitarbeiter*innen machen.
Zu all dem kommen die individuellen Stärken, in meinem Fall zum Beispiel die Sprache. Etwas, das aus Sicht des Autismus problematisch ist – also Kommunikation – kann ein Spezialinteresse werden. Sie ist überdurchschnittlich wichtig für mich, denn sie ist meine Verbindung zu anderen Menschen. Eine Verbindung, die ich durchaus will und brauche, auch, wenn sie mit Fettnäpfchen und Fehlerquellen gespickt ist, Kraft raubt und längere Erholungszeiten will. Sprache auf einem hohen Level zu beherrschen und sich doch so auszudrücken, dass man damit eine große Zielgruppe erreicht, ist daher unerlässlich.

All das zusammengefasst in einem Text, in einem Kompetenzprofil, wiegt die Schwächen in der sozialen Interaktion auf, die ohnehin zu bewältigen sind, wenn man den Inklusionsgedanken verfolgt. 

Diese stärkeorientierten Ansätze können einen einfacheren Umgang mit dem eigenen Autismus anstoßen, denn was man klar kommuniziert, verliert seine geheimnisvolle und vielleicht sogar beängstigende Aura. Ist auf beiden Seiten weniger Verunsicherung im Spiel, wird ein normaler Umgang miteinander möglich.

Ein solches Kompetenzprofil als Beispiel und Orientierungshilfe stelle ich hier zum Download bereit.

 


Disclaimer:

Das Vorgehen, das ich in diesem und in den folgenden Blogbeiträgen beschreibe, basiert auf meinen Erfahrungen und auf meinem hart erkämpften stärkeorientierten Denken. Es will Beispiele und Denkanstöße geben, ohne Anleitung zu sein. Will Mut machen, ohne eine Universallösung darzustellen. Niemand muss mich daran erinnern, wie groß das autistische Spektrum ist und wie breit gestreut die Fähigkeiten und Talente der einzelnen Autist*innen sind. Niemand muss mich an Komorbiditäten erinnern, die Autist*innen arbeitsunfähig machen. Und niemand muss Lust am Defizitären demonstrieren, indem er oder sie nonverbale Autist*innen als Beispiel für Erwerbsunfähigkeit aller Autist*innen heranzieht und uns allen damit Unrecht tut. Jede*r von uns kämpft, um in diesem Leben zu bestehen. Ich habe die Wahl getroffen, im Rahmen meiner Möglichkeiten Unterstützung zu bieten, statt das Tragödienmodell Behinderung zu bedienen.

8 Gedanken zu „Autist*innen auf dem Arbeitsmarkt – Teil 1

    1. Danke für den Hinweis. Ich lasse es drin, damit noch andere Autist*innen Spaß damit haben können. Es soll ohnehin nur eine Inspiration sein.

  1. Wie grandios, „einfach“ die Perspektive zu wechseln und den Spieß umzudrehen
    🙂
    Das stärkt und bringt in die Mitte, aus der ich mich von anderen so oft herausgezerrt fühle.
    Großes Danke für diese wunderbare Anregung und auch für den Entwurf des Kompetenzprofils.

    Dazu bestes Gelingen für das Finden deines für dich und zu dir passenden Arbeitsplatzes – sehr von Herzen!
    (Ich selbst suche noch …)

  2. Hoffentlich ist die Namensnennung als autistischer Spaß gedacht. Wer will schon in seiner Bewerbung auf eine Quelle hinweisen. Verstehe mich bitte nicht falsch, ich bewundere schon lange Deinen Blog und die damit einhergehende Inspiration, aber Namensnennung ist im Zusammenhang mit einer Bewerbung sicherlich „optimierungsfähig“.

    1. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es so verstanden wird, wie ich es meine: Sollte es weiterverbreitet und auf anderen Quellen zur Verbreitung angeboten werden, ist eine Namensnennung Pflicht. Bei der eigenen Bewerbung natürlich nicht. Vielleicht war das aber auch ein bisschen zu logisch für Nichtautist*innen.

  3. Kompliment, toller Blog! Bin gerade zufällig darauf gestoßen, ein sehr interessanter Einblick in „eure“ Perspektive. Dein „Spezialinteresse“ Kommunikation ist definitiv eine Gabe, mit der du eure spezielle Sichtweise wahrscheinlich wesentlich besser „Nicht-Autisten“ vermitteln kannst als das die meisten anderen Autisten oder Nicht-Autisten können…
    Wobei ich mich beim Lesen, wie auch schon manchmal früher gefragt habe, inwieweit man da überhaupt eine Grenze ziehen kann… Aber es heisst ja auch „Autism Spectrum Disorders“. Und ich weiss nicht, ob das so stimmt, aber meinem Eindruck nach gibt es genügend „Nicht-Autisten“, die mehr oder weniger deutliche „Autismus-Symptome“ zeigen, gerade auch in meinem Umfeld im akademisch-naturwissenschaftlichen Bereich, mich nicht ausgenommen…
    Viele von den von dir beschriebenen „Eigenheiten“ von Autisten kommen mir als „Nicht-Autisten“ in milderer Form jedenfalls durchaus auch bekannt vor, ob das jetzt die ausgeprägte Telefonierabneigung angeht, oder die nicht immer besonders ausgeprägte Fähigkeit, soziale/kommunikative „Zwischentöne“ zu erkennen. Glücklicherweise gilt das glaub ich auch für die positiven Seiten, die du oben schilderst, analytisches Denken usw..

    Jedenfalls viel Erfolg bei der Jobsuche 🙂

    1. Danke. Ich habe bereits einen Job, was mich aber nicht davon abhält, darüber zu schreiben wie anderen Autist*innen die Jobsuche erleichtert werden kann. Wir sprechen übrigens von Autism Spectrum. Ohne Disorder. Von diesen defizitären Ansätzen kommt man glücklicherweise immer mehr weg. Und die Grenzen zwischen autistischen Zügen, die viele Menschen haben und Autismus sind da. Am deutlichsten in der Einschränkung der gesellschaftlichen Teilhabe. Dort, wo Behinderung beginnt.

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