Die Sache mit dem Autismusverdacht.

Autisten, die einen öffentlichen Blog mit Kontaktmöglichkeit unterhalten, bekommen natürlich auch Zuschriften.
Meist freue ich mich über die e-Mails, die manchmal Lob, gelegentlich Kritik und oft auch Fragen beinhalten. Obwohl es manchmal sehr anstrengend ist und ich nicht immer in gleichbleibender Regelmäßigkeit antworten kann, sind aus diesen Kontakten schon lange, mir wertvolle Konversationen entstanden, für die ich dankbar bin (J., you know who you are).
Dass Autismus ein wiederkehrendes Thema in diesen Gesprächen ist, wird nicht überraschen.
Immer wieder fragen mich Menschen, ob sie denn autistisch sein könnten. Der eine kam vielleicht nach eigener Recherche darauf, ein anderer, nachdem man ihn darauf hinwies. Und da kommen wir zu einem Punkt, den ich schwierig finde:

Autismus ist ein sehr weit reichendes Spektrum, das wissen wir. Kein Autist zeigt alle der möglichen Symptome, jeder hat sehr individuelle Einschränkungen und Fähigkeiten. Manchen meint man es anzusehen, andere sind bemerkenswert unauffällig. Ob sie sich dazu zwingen oder ob dies an der Ausprägung ihres Autismus liegt, ist dabei zweitrangig. Es gibt Überschneidungen und teilweise symptomale Ähnlichkeiten mit anderen Erkrankungen, zum Beispiel AD(H)S, Borderline, Klinefelter und nicht selten treten mehrere Diagnosen zeitgleich auf.
Fakt ist, jede psychische Erkrankung, jede genetische Veränderung und jede neurologische Abweichung ist komplex und facettenreich. Es gibt zu Recht Fachärzte, die nach intensivem Studium und langjähriger Ausbildung in umfangreichen Diagnoseverfahren feststellen, was genau bei einem Hilfe Suchenden vorliegt. Und immer wieder gehen felsenfest von ihrem Autismus überzeugte Menschen todtraurig und ungläubig aus solch einer Diagnostik, ohne die Autismusdiagnose erhalten zu haben, schlicht und ergreifend, weil eben eine andere vorliegt. Ein Diagnoseverfahren ist oft langwierig und anstrengend und bedarf Kraft, Eigeninitiative und Durchhaltevermögen. Doch zu wissen, wo die Ursache der eigenen Probleme liegt, hilft sehr bei deren Bewältigung und bei der Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit.

Ich finde es sehr problematisch, Leuten mitzuteilen, dass ich sie für autistisch halte, denn ich habe schlichtweg nicht die Kompetenz dafür. Ähnelt eine Person mir auffällig, teile ich ihr das mit. Nennt man mir Probleme, die einen Autismus zur Ursache haben könnten, äußere ich durchaus schon einmal den Verdacht, nicht aber, ohne dies auch deutlich einen Verdacht zu nennen! Dabei verweise ich ebenfalls auf mögliche andere Ursachen und rate zu einer umfassenden, ergebnisoffenen Diagnostik, sollte der Leidensdruck entsprechend hoch sein.

Ich wünsche mir einen achtsameren Umgang mit derartigen Verdachtsäußerungen. Egal, wie intensiv man sich mit diesem sensiblen, diffizilen Thema beschäftigt, das ersetzt niemals eine Facharztausbildung und kein Laie, egal, ob selbst Autist oder nicht, kann anhand weniger Auffälligkeiten einen Autismus erkennen. Einen Verdacht auszusprechen kann klug sein, oder aber auch ganz falsch, es ist nicht möglich, die Konsequenzen gänzlich vorauszusehen. Man trägt eine gewisse Verantwortung, wenn man bei einem solch sensiblen Thema um Rat gefragt wird und sollte sich dieser auch bewusst sein.

Ein Gedanke zu „Die Sache mit dem Autismusverdacht.

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